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Panorama „Die Bahn hat zu sehr am Technikverstand gespart“
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14:14 16.07.2010
Ungeplanter Stillstand: Manchmal wird Bahnfahren zu einer nervigen Geduldsprobe. Quelle: dpa

Karl-Friedrich Naumann fährt oft und gerne mit dem Zug. Die technischen Probleme, mit denen die Deutsche Bahn derzeit kämpft, sind dem Vorsitzenden des Fahrgastverbands Pro Bahn aus leidvoller eigener Erfahrung bestens bekannt. Am vergangenen Sonntag war es mal wieder so weit. Im ICE von Berlin nach Hamburg funktionierte im reservierten Wagen die Klimaanlage nicht – bei den hochsommerlichen Temperaturen war der Waggon ein Backofen.

„Die Fahrgäste konnten aber in die anderen Wagen wechseln, in denen die Klimaanlage noch funktionierte“, berichtet Naumann. Zudem war der Zug nicht überfüllt. So viel Glück hatten andere Reisende nicht, wie die Fernsehbilder von kollabierten Schülern zeigten, die am Wochenende aus völlig überhitzten Zügen geholt wurden. In mindestens drei ICE-Zügen war die Temperaturregelung komplett ausgefallen. Dabei sind die defekten Klimaanlagen nur eins von zahlreichen technischen Problemen, mit denen die Bahn in den vergangenen Jahren ins Gerede gekommen ist:

- Ein defekter Radreifen kostete beim Bahnunglück von Eschede vor zwölf Jahren 101 Menschen das Leben. Im Nachhinein wurde bekannt, dass nach Einführung der gummigefederten Räder keine regelmäßigen Kontrollen stattgefunden hatten.

- Vor zwei Jahren entgleiste am Kölner Hauptbahnhof ein ICE, weil eine Achse gebrochen war. Verletzt wurde niemand. In den folgenden Untersuchungen wurden bei weiteren Zügen Haarrisse an den Achsen entdeckt, so dass nun alle Achsen der betroffenen Reihe ausgetauscht werden. Die Kosten dafür teilen sich Bahn und Hersteller – was nach Einschätzung von Pro Bahn auf einen grundsätzlichen Produktionsfehler schließen lässt.

- Reisende beklagen sich häufig über überschwemmte Toiletten. Schon eine halbe Stunde nach Abfahrt eines gerade eingesetzten Zuges funktioniert oft die Absaugung nicht mehr, die Toiletten sind nicht mehr zu benutzen.

- In Nahverkehrszügen kommt es immer wieder zu Problemen mit den Türen: Mal schließen sie schlecht, mal gehen sie von selbst auf. Dass ein ICE in Rheinland-Pfalz im April bei voller Fahrt eine Tür verlor, blieb bisher aber ein Einzelfall.

- Im Herbst kommt es immer wieder zu Bremsproblemen, vor allem bei eher leichten Nahverkehrszügen, weil nasses Laub auf den Schienen die Bremswege verlängert. Die Züge müssen in dieser Zeit mit reduziertem Tempo fahren.

- Im vergangenen harten Winter hatte die Bahn mit eingefrorenen Weichen und vereisten Oberleitungen zu kämpfen. Eis, das sich von Zügen löste, wurde zu gefährlichen Wurfgeschossen.

- Züge mit Neigetechnik, die auch im kurvenreichen Bergland hohe Geschwindigkeiten ermöglichen sollen, erfüllen diese Aufgabe nur sehr schlecht. Diese Züge müssen häufig mit abgeschalteter Neigetechnik fahren, was deutlich langsamere Geschwindigkeiten nach sich zieht. Die Bahn hat vor diesem Problem mittlerweile offenbar kapituliert und die Fahrpläne entsprechend angepasst. So wurden etwa auf der Neigetechnik-Strecke Hannover–Goslar–Halle die planmäßigen Fahrzeiten verlängert. Auch auf anderen Neigetechnik-Strecken wurden die Fahrpläne an das Problem angepasst.

„Die Technik ist in den vergangenen 20 Jahren sehr kompliziert geworden“, erklärt Naumann die Zunahme der Probleme bei der Bahn. Das allein kann es allerdings nicht sein. Denn die gleiche, oder zumindest eine ähnliche Technik, ist auch in anderen Ländern im Einsatz – mit deutlich weniger Problemen. So fährt eine Version des ICE 3 in Spanien auf der Strecke Barcelona–Madrid mit 99 Prozent Pünktlichkeit, berichtet Mathias Rellstab vom Fachmagazin „Eisenbahn-Revue International“. Das sei aber nur möglich, weil die Spanier ausreichend Ersatzzüge bereit hielten. Auch zwischen Moskau und St. Petersburg verkehre dieser Zug im wesentlichen störungsfrei. Und Michael Gehrmann vom Verkehrsclub Deutschland (VCD) verweist auf die weitgehend problemlos funktionierende Neigetechnik in Italien, Skandinavien und der Schweiz. Die fünf Neigezüge, die die Deutsche Bahn zwischen Stuttgart und Zürich im Einsatz hatte, sind dagegen wegen ihrer häufigen Störungsanfälligkeit und Verzögerungen bei der Wartung inzwischen ganz aus der Strecke gezogen worden – und durch Schweizer Züge ersetzt worden. „Die kleine Schweizer Bahn musste der großen Deutschen Bahn helfen“, sagt Bahn-Experte Rellstab und kritisiert, dass die Deutsche Bahn „viel zu geringe Reserven“ habe.

Das sieht auch Gehrmann so: „Züge auf dem Abstellgleis bringen nun mal keinen Profit“, sagt er. Und deshalb habe die Bahn ihre Flotte in den vergangenen Jahren so stark ausgedünnt, dass Störungen nicht mehr ohne weiteres kompensiert werden könnten. Es gebe zu wenig Ersatzzüge und zu geringe Kapazitäten für die Wartung. Das hat mittlerweile zu der absurden Situation geführt, dass die Bahn auf einzelnen Strecken Züge einsetzt, die schon vor zehn Jahren wegen Überalterung ausgemustert worden waren. „Die Bahn hat zu sehr an Personal und Technikverstand gespart“, rügt Gehrmann. Früher habe man die Züge gemeinsam mit den Herstellern konzipiert und erst nach langen Tests auf die Reise geschickt. Heute würden den Herstellern nur noch Vorgaben gemacht, nach denen sie bauen sollen. Wie wenig sich die Bahn um die Technik gekümmert habe, sehe man auch daran, dass zum ersten Mal vor zehn Monaten mit Volker Kefer ein Technikvorstand berufen wurde.

Immerhin hat die Bahn jetzt die komplette Modernisierung der ICE-2-Flotte für mehr als 100 Millionen Euro beschlossen. In den nächsten Jahren werden die inzwischen bis zu 15 Jahre alten rotweißen Flitzer rundum aufgemöbelt. Die ICE-1-Flotte wurde bereits in den vergangenen Jahren modernisiert. Naumann kritisiert, dass sich der Konzern damit aber aus Kostengründen womöglich mehr Zeit ließ als nötig: „Je älter die Züge werden und je später modernisiert wird, desto anfälliger werden sie.“

Aber wenigstens für die hitzegeplagten ICE-Passagiere gibt es Hoffnung. Während sie im ICE 1 und 2 hoffen müssen, dass die Außentemperatur nicht über 32 Grad steigt – weil sonst die Klimaanlage versagen könnte – hat die Bahn am Donnerstag einen Fortschritt beim ICE 3 verkündet: Hier liegt das Limit der Klimaanlagen nun bei 35 Grad. Immerhin.

Ralf Volke 
und Thomas Wüpper

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