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Panorama „Da schicke ich keine Feuerwehrleute rein“
Mehr Welt Panorama „Da schicke ich keine Feuerwehrleute rein“
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12:44 15.06.2017
Das Hochhaus am Tag nach der Katastrophe. Einsturzgefährdet ist es offenbar nicht, die Suche nach Vermissten in den oberen Stockwerken ist aber trotzdem zu gefährlich. Die Feuerwehrchefin sorgt sich vor allem um die psychische Gesundheit ihrer Leute. Quelle: dpa
London

Nach der Brandkatastrophe in einem Hochhaus in London suchen Rettungskräfte vorerst nicht mehr in den oberen Stockwerken nach Vermissten. Die Ränder des 24-stöckigen Grenfell Towers seien nicht sicher, sagte Feuerwehrchefin Dany Cotton am Donnerstag. „Ich schicke keine Feuerwehrleute da rein.“

Mit 200 Feuerwehrmännern und Dutzenden Löschfahrzeugen kämpfte die Feuerwehr im Zentrum Londons gegen einen Großbrand. Ein 24-stöckiges Hochhaus stand seit den frühen Morgenstunden in Flammen.

Von vielen Bewohnern fehlte am Vormittag noch immer jede Spur. Bisher waren 17 Tote bestätigt worden. Mehr als 24 Stunden nach dem Ausbruch des verheerenden Feuers kam am Morgen weiter Rauch aus dem Haus. Es gebe noch Brandnester, sagte Cotton. Die Gefahr eines Einsturzes bestand anscheinend nicht.

18 Patienten sind in kritischem Zustand

Die Polizei rechnete damit, dass die Zahl der Toten weiter steigen wird. Feuerwehr-Chefin Cotton sagte, die Rettungskräfte gingen nicht davon aus, noch jemanden lebend zu finden. Bei dem gewaltigen Brand im Zentrum Londons wurden am Mittwoch 65 Menschen von der Feuerwehr aus den Flammen gerettet, anderen gelang selbst die Flucht. Nach Angaben der Rettungskräfte wurden mindestens 78 Patienten in Kliniken behandelt, 18 von ihnen seien in einem kritischen Zustand. In dem Sozialbau mit 120 Wohnungen lebten britischen Medienberichten zufolge zwischen 400 und 600 Menschen.

Die Feuerwehr hat nach Angaben Cottons alle 24 Stockwerke kurz durchsuchen können. Für eine gründlichere Suche müssten vor allem die oberen Stockwerke erst gesichert werden. Niemand wisse, wie viele Menschen sich zum Zeitpunkt des Feuers in dem Gebäude aufgehalten hätten, sagte Cotton. Neun Feuerwehrleute hätten sich bei der Suche nach Vermissten leicht verletzt. Sie sei aber mehr besorgt „über die psychische Gesundheit“ ihrer Feuerwehr, sagte Cotton.

Ursachenforschung nach dem furchtbaren Brand

Die Ursache des Brands ist noch nicht geklärt. Bürgermeister Sadiq Khan versprach umfassende Aufklärung. „Es wird im Laufe der nächsten Tage viele Fragen zur Ursache dieser Tragödie geben, und ich möchte den Londonern versichern, dass wir dazu alle Antworten bekommen werden.“

Auch Premierministerin Theresa May kündigte eine „sorgfältige Untersuchung“ an. Wenn aus dem Feuer Konsequenzen zu ziehen seien, würden Maßnahmen ergriffen, sagte May am Mittwochabend. Für diesen Donnerstag wurde sie am Brandort erwartet. Sie werde mit Rettungskräften sprechen und sicherstellen, dass diese alle Ressourcen hätten, um mit der Situation umzugehen, hieß es. Wann genau sie eintreffen sollte, war zunächst unbekannt.

Königin Elizabeth II. drückte ihre Anteilnahme aus. Ihre Gedanken und Gebete seien bei den Familien, die Angehörige verloren hätten, sowie bei den vielen Menschen, die schwer verletzt im Krankenhaus lägen, teilte der Buckingham-Palast mit. Es sei ermutigend, zu sehen, wie viele Freiwillige nun zur Hilfe kämen.

Ein Unfall, „wie er in der Dritten Welt vorkommt“

Der britische Brandschutz-Experte Jon Hall nannte den Brand einen Unfall, wie er in der „Dritten Welt“ vorkomme. „Alle Bestandteile der Feuersicherheit und des Gebäudemanagements“ müssten versagt haben, vermutete er auf Twitter. Matt Wrack, der Chef der Feuerwehr-Gewerkschaft, sagte, nach dem Brand hätten die Bewohner des Gebäudes das Recht, kritische Fragen zu stellen – etwa, ob die Fassadenverkleidung die Feuersicherheit beeinträchtigt habe.

Nach der Katastrophe gilt das Hochhaus im Stadtteil Kensington entgegen ersten Befürchtungen nicht als einsturzgefährdet. Spezialisten hätten den Sozialbau untersucht und für weitere Lösch- und Bergungsarbeiten sicher befunden, teilte die Feuerwehr am Mittwochabend mit. Indes spendeten Hunderte Londoner Decken, Kleider oder Babynahrung für die Bewohner. Auch mehr als eine Million Pfund an Spendengeldern kamen zusammen.

Das Gebäude wurde 1974 erbaut und von 2014 bis 2016 saniert. Es hatte bereits Beschwerden über unzureichenden Brandschutz in dem Hochhaus gegeben. Die Rettungsarbeiten werden noch Tage dauern.

Konsequenzen aus dem Brand auch für Deutschland?

Auch in Deutschland werden Rufe nach Konsequenzen laut. Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU) will die energetische Gebäudesanierung in Deutschland auf den Prüfstand stellen. „Ein vergleichbarer Fassadenbrand an einem Hochhaus ist in diesem Ausmaß bei uns so gut wie ausgeschlossen. Wir nehmen das jedoch zum Anlass und werden überprüfen, ob die aus energetischen Gründen geforderte Außendämmung eine zusätzliche Brandgefahr auslöst“, sagte Herrmann den Zeitungen der Funke-Mediengruppe (Donnerstag).

Die Berliner Feuerwehr drängte auf schärfere Vorschriften beim Brandschutz auch für niedrigere Gebäude. Landesbranddirektor Wilfried Gräfling wies im RBB-Inforadio darauf hin, dass bei Häusern mit einer Höhe von weniger als 22 Metern brennbares Dämmmaterial erlaubt sei. „Das bemängeln wir als Feuerwehr, weil wir da schon schlechte Erfahrungen gemacht haben - nicht hier in Berlin, aber schon in anderen Städten.“

Feuerkatastrophe in London

Eineinhalb Wochen nach dem jüngsten Terroranschlag muss die britische Hauptstadt London mit einer erneuten Tragödie fertig werden. Bei einem verheerenden Brand in einem Hochhaus kamen am Mittwoch mindestens zwölf Menschen ums Leben, Dutzende weitere zogen sich Verletzungen oder Rauchvergiftungen zu.

Feuerinferno erschüttert London (Korrespondenten-Bericht)

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Von RND/dpa