Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Panorama Bodenfelder Doppelmörder aß Teile seiner Opfer
Mehr Welt Panorama Bodenfelder Doppelmörder aß Teile seiner Opfer
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
20:56 08.04.2011
Von Dirk Schmaler
Der mutmaßlicher Mörder aus Bodenfelde soll ein Kannibale sein. Quelle: dpa

In dem kleinen Ort ist die Trauer noch zu spüren. Auch nach einem halben Jahr. Zu schrecklich waren die Bilder, zu unmittelbar die Bedrohung. Noch immer zünden Angehörige die großen Kerzen auf dem Bürgersteig nahe dem Tatort jeden Tag aufs Neue an. Auf dem Friedhof gleich neben dem Tatort liegen noch immer täglich frische Blumen und Kuscheltiere auf den kleinen Gräbern der 14-jährigen Nina und des 13-jährigen Tobias. „Man kann das nicht verstehen“, steht auf einem Zettel zwischen den Blumen.

Nina und Tobias, die beiden Teenager aus Bodenfelde, wurden im vergangenen Herbst auf brutale Weise ermordet – und der Fall beschäftigt das Dorf noch immer. Am Freitag, kurz vor Beginn des Prozesses gegen den mutmaßlichen Mörder, kamen neue Details der Bluttat ans Licht. Sie machen das Verstehen nicht einfacher: Der Tatverdächtige Jan O. soll die beiden Kinder aus Bodenfelde nicht nur brutal ermordet haben. Er hat zudem Teile eines seiner Opfer gegessen. Das zumindest behauptet der 26-Jährige in einem schriftlichen Geständnis, wie das Landgericht Göttingen am Freitag bestätigte.

Es war der 15. November 2010, als der 26-Jährige die Schülerin Nina ansprach. Laut Anklage hatte Jan O. zunächst die Absicht, das Mädchen zu vergewaltigen. Doch die Schülerin wehrte sich. Der Täter würgte und schlug sie, schließlich schlitzte er der 14-Jährigen mit einer abgebrochenen Bierflasche oder einem Messer den Hals auf und tötete sie am Waldrand. Was dann passierte, beschreibt Jan O. in dem Schriftstück, das er offenbar als eine Ergänzung seines früheren Geständnisses verfasste. Er habe von den Rändern der Wunde am Hals Fleischstücke abgebissen. „Es hat nach nichts geschmeckt“, soll er wörtlich erklärt haben. Außerdem versuchte er, einen Zeh des rechten Fußes des toten Mädchens abzubeißen. Es blieb bei dem Versuch. Danach ließ er die geschundene Leiche am Waldrand nahe dem Bach liegen.

Fünf Tage später wurde der 13-jährige Tobias auf ähnlich brutale Weise am Waldrand ermordet. Auch hier sollen sexuelle Motive ausschlaggebend gewesen sein. Einige Tage nach der Tat wurden beide Leichen von Angehörigen gefunden. Über die genauen Beweggründe von Jan O. soll ein Prozess vor der Schwurgerichtskammer des Göttinger Landgerichts befinden, der am kommenden Mittwoch beginnt. Jan O., der in beiden Fällen wegen Mordes angeklagt ist, hat die Taten bereits gestanden. Ein vorläufiges Gutachten bescheinigt ihm allerdings aufgrund psychischer Probleme und einer Alkohol- und Drogensucht eine verminderte Schuldfähigkeit. Die kannibalistischen Handlungen an seinen Opfern dürften den Sachverständigen in ihren Einschätzungen bestärken.

In Bodenfelde will man aus dem Doppelmord lernen. Eine Initiative hat sich gegründet, um den Zusammenhalt im Ort zu stärken und um düstere Ecken zu verschönern. „Wir sind zusammengerückt. Und wir wollen mit aller Macht verhindern, dass so etwas noch einmal passieren kann“, sagt Bürgermeister Hartmut Koch. In seinem Büro steht ein Karton mit 80.000 Unterschriften aus dem gesamten Bundesgebiet. Die Unterzeichner fordern härtere Strafen für Gewaltverbrecher. „Wegsperren, für immer – hier denken alle so“, sagt Koch.

Wenn er spricht, merkt man ihm noch immer die Wut an – auch Wut auf die Justiz. „Eigentlich hätte Jan O. zum Zeitpunkt des Mordes gar nicht frei herumlaufen dürfen“, sagt er. Nach der Verurteilung wegen einer Diebstahlwserie befand sich der Tatverdächtige zur Bewährung auf freiem Fuß. Doch trotz mehrfacher Verstöße gegen die Bewährungsauflagen blieb er in Freiheit. „Wir wollen genau wissen, ob die Staatsanwaltschaft hier die Regeln befolgt hat oder nicht“, erklärt Koch. Er vermutet, dass an dieser Stelle Fehler gemacht worden sind. „Ich werde alles tun, um diese Fragen genau zu klären“, sagt Koch. „Das haben wir auch den Eltern der Opfer versprochen.“

Dieser Artikel wurde aktualisiert.

Mehr zum Thema

Einen Tag nach der Beerdigung der ermordeten Nina nehmen die Bewohner von Bodenfelde auch Abschied von Tobias. Viele Menschen sind am Rande ihrer Kräfte. Die Wut angesichts der grausamen Verbrechen wächst.

27.11.2010

Die letzten Wochen, die Jan O. in Freiheit verbracht hat – im Nachhinein bestehen sie aus einer fatalen An­einanderreihung gescheiterter Versuche, ihn aus seinem zerstörerischen Alltag ­herauszuführen. Ob eben diese Freiheit richtig war, daran gab es Zweifel. Auch daran, ob sie rechtens war.

26.11.2010

Wurden Nina und Tobias Opfer eines Sexualmörders? Die Polizei verfolgte am Montag im niedersächsischen Bodenfelde mehrere Hinweise. Der kleine Ort ist derweil geschockt - so wie das ganze Land.

23.11.2010

Bei einer Schießerei auf einem atomgetriebenen U-Boot der britischen Marine ist am Freitag ein Matrose getötet worden. Ein zweiter sei lebensgefährlich verletzt, teilte die Polizei mit. Ein Mann sei festgenommen worden. Ein terroristischer Hintergrund könne ausgeschlossen werden. Auch eine Bedrohung für die Öffentlichkeit gebe es nicht.

08.04.2011

Bei einer Massenkarambolage auf der Autobahn 19 bei Kavelstorf in Mecklenburg-Vorpommern sind mindestens acht Menschen ums Leben gekommen, viele wurden verletzt. Wegen eines Sandsturmes und schlechter Sicht kam es am Freitag zu dem schweren Unfall.

08.04.2011

7,1 erreichte das Nachbeben am Donnerstag auf der Richterskala. Neben den vielen Verletzten und einigen Toten schaut Japan vor allem mit bangem Blick auf die Atomkraftwerke. Dieses Mal steht die Anlage in Onagawa im Fokus. Techniker haben ein Wasserleck entdeckt.

08.04.2011