Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Panorama „Bei der Loveparade waren schlicht keine Ordner“
Mehr Welt Panorama „Bei der Loveparade waren schlicht keine Ordner“
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
12:22 29.07.2010
Trauer an der Unglücksstelle in Duisburg. Quelle: dpa

Der nordrheinische Polizei-Inspekteur Dieter Wehe neigt offenkundig nicht zu Gefühlsausbrüchen. Als der Polizeichef aber am Mittwoch auf einer Pressekonferenz in Düsseldorf die tödliche Massenpanik bei der Loveparade am Wochenende analysierte, gab es dann doch einen Moment, in dem ihm die Stimme brach. „Alles deutet darauf hin, dass die Todesopfer in der Menschenmenge erstickt sind“, verkündet Wehe unter Tränen – und für einen Augenblick ist zu erahnen, welch unvorstellbares Leid, welche Ängste und Todesqualen sich hinter seinen sachlichen Verlautbarungen verbergen.

Doch eigentlich sollte es eben nicht darum gehen, Emotionen aufzuwühlen, sondern in nüchterner Form Verantwortlichkeiten zu klären. Dabei war die Botschaft jenseits aller sicherheitstechnischen Details eindeutig: Die entscheidende Schuld für die tödliche Tragödie liegt aus Sicht der Polizei bei den Organisatoren des Techno-Spektakels. Schon zu Beginn der Pressekonferenz hatte Nordrhein-Westfalens Innenminister Ralf Jäger (SPD) erklärt, es sei „unerträglich, dass die Verantwortlichkeiten vom Veranstalter und der Stadt abgewälzt werden“. Damit nahm der Minister den Duisburger Oberbürgermeister Adolf Sauerland (CDU) unter Beschuss, der sich weiter hinter einer Mauer des Schweigens verbirgt und auch vom Stadtrat in Wagenburg-Manier weitgehend geschont wird.

Doch die Hauptkritik richtete sich an diesem Tage gegen den Loveparade-Organisator Rainer Schaller, genannt „McFit“. Nach den bisherigen Ermittlungen hat der Betreiber einer bundesweiten Fitnesscenter-Kette entscheidende Absprachen ignoriert. Statt wie vereinbart das Gelände am früheren Güterbahnhof spätestens um elf Uhr zu öffnen, habe er die ersten Besucher erst kurz nach zwölf auf den Festplatz gelassen, teilte Polizei-Inspekteur Wehe mit. Dadurch habe sich schon früh ein Stau vor dem Eingang gebildet, der im Laufe des Tages immer größer geworden sei. Anders als geplant habe Schaller keine „Pusher“ eingesetzt, die Besucher schnell auf das gesamte Gelände verteilen sollten.

Vor allem moniert die Polizei, dass der Veranstalter keine Kontrolle über seine eingesetzten Ordner hatte. Die nämlich sollten bereits um 15.46 Uhr angewiesen worden sein, den Zugang zum Tunnel zu sperren. Doch die Anordnung wurde nicht umgesetzt. „Warum ist nicht bekannt“, sagt Wehe. „Auf jeden Fall konnten so die Besucher weiter in Richtung Tunnel und Rampe strömen.“ Dabei klingen auch Zweifel daran, dass die Veranstalter tatsächlich wie vereinbart 1000 Ordner eingesetzt haben. „Festzustellen ist, dass die vorhandenen Ordner nicht ausreichten“, bilanziert der Polizei-Inspekteur kühl. Dadurch hätten acht von 24 geplanten Eingangsschleusen zum Gelände hin gar nicht geöffnet werden können. „Da waren schlicht keine Ordner.“

Für Innenminister Jäger ist das Fazit klar: „Der Veranstalter hat die Vorgaben des Sicherheitskonzepts nicht eingehalten und schließlich die Polizei um Hilfe gerufen.“ Angesichts der aufgeheizten Stimmung und des enormen Gedränges sei es aber zu diesem Zeitpunkt nicht mehr möglich gewesen, die Katastrophe zu verhindern. So haben Raver nach dem Bericht einer Augenzeugin eine Polizeikette vor dem Tunnel einfach überrannt.

Bei aller Kritik an Loveparade-Organisator Schaller, der bundesweit Fitnesscenter betreibt, verschont der Innenminister aber auch die Stadt Duisburg nicht ganz. Die Stadt habe der Polizei erst am Sonnabendvormittag unmittelbar vor der Veranstaltung auf mehrfaches Drängen die Genehmigungspapiere ausgehändigt, lässt der Minister mitteilen. „Eine vertrauensvolle Zusammenarbeit mit der Genehmigungsbehörde stelle ich mir anders vor“, kommentiert Jäger, der SPD-Vorsitzender in Duisburg ist.

Duisburgs Oberbürgermeister Adolf Sauerland dürfte damit weiter unter Beschuss stehen. Die Mitglieder des Duisburger Stadtrates (SPD: 30, CDU: 25, Grüne: 6, Linke: 6, FDP: 3) dagegen halten sich mit Kritik an ihrem angeschlagenen Stadtoberhaupt nach wie vor zurück – auch die oppositionellen.

„Der OB hat das natürlich zu seinem Ding gemacht und sich in der Richtung sehr engagiert, ich kann aber nicht sehen, dass er Fehler gemacht hat“, sagt zum Beispiel Grünen-Ratsherr Michael Rich. Der Anwalt verweist darauf, dass sich der Oberbürgermeister ebenso wie die Ratsmitglieder auf das Urteil einer Sicherheitskommission verlassen haben. Und darin hätten neben städtischen Verwaltungsleuten auch Vertreter der Landes- und Bundespolizei gesessen. „Wenn unser OB zurücktreten würde, dann würde das zwar vielleicht etwas den Druck von der Stadt nehmen, aber auch die anderen von ihrer Verantwortung befreien.“ Zudem seien bei der Stadt neben Sauerland auch der Bau- und der Sicherheitsdezernent verantwortlich zu machen.

Ähnlich zurückhaltend äußert sich die örtliche SPD. „Wir werden keinesfalls vor der Trauerfeier eine Rücktrittsforderung erheben“, sagt der Geschäftsführer der SPD-Stadtratsfraktion, Uwe Linsen. Wie der Kollege von den Grünen betont der Sozialdemokrat, bei den Diskussionen im Rat sei es fast ausschließlich um die Frage der Finanzierbarkeit der Großveranstaltung gegangen. Und als der Bürgermeister dem Rat bei einer Sondersitzung im Februar versichert habe, dass die Megaparty mit Hilfe von Sponsoren für die Stadt kostenneutral abgewickelt werden könne, seien alle sehr zufrieden gewesen. Bei den Sicherheitsfragen habe man schlicht auf die Experten vertraut. „Wir waren uns einig, dass Duisburg das stemmen kann“, betont auch Grünen-Ratsherr Rich. Es gibt durchaus kritische Einzelstimmen: Hermann Dierkes von der Linken hält dem Bürgermeister vor, er habe den Rat „systematisch im Dunkeln gelassen“. Und SPD-Ratsfrau Elke Patz sagt, Sauerland habe Einwände niedergebügelt: „Wenn kritisch nachgefragt wurde zu dem Thema, hat er durch ironische Bemerkungen versucht, den Fragenden ins Lächerliche zu ziehen, um vom eigentlichen Thema abzulenken.“ Doch an bohrende Nachfragen in punkto Sicherheit kann sich kein Ratsmitglied erinnern.

Mehr zum Thema
Panorama Nach der Katastrophe bei der Loveparade - Schwere Vorwürfe gegen Loveparade-Macher

NRW-Innenminister und Polizei erheben schwere Vorwürfe gegen die Veranstalter der Loveparade: An kritischen Punkten seien zu wenig Ordner gewesen. Anweisungen der Beamten seien nicht umgesetzt worden. Dem Polizeisprecher kommen bei seinem Bericht die Tränen.

28.07.2010

Aus der fröhlichen Technoparty wurde im Duisburger Tunnel der pure Horror. Jetzt pilgern Schaulustige an die Unglücksstelle. Doch auch sie holt das Entsetzen über die Loveparade-Katastrophe schnell ein.

28.07.2010

Die Zahl der Toten nach der Loveparade-Katastrophe von Duisburg ist auf 21 gestiegen. Die Schuldzuweisungen nach der Massenpanik gehen weiter. Am Nachmittag wollte das Innenministerium in Düsseldorf einen ersten Bericht vorstellen.

28.07.2010

Triumph für Spaniens Tierschützer: Als erste Region auf dem Festland hat Katalonien das Aus für den Stierkampf beschlossen. Die Gegner der blutigen Tradition rechnen mit einer Signalwirkung. Die Anhänger befürchten Millionen-Einbußen.

28.07.2010
Panorama Nach der Katastrophe bei der Loveparade - Schwere Vorwürfe gegen Loveparade-Macher

NRW-Innenminister und Polizei erheben schwere Vorwürfe gegen die Veranstalter der Loveparade: An kritischen Punkten seien zu wenig Ordner gewesen. Anweisungen der Beamten seien nicht umgesetzt worden. Dem Polizeisprecher kommen bei seinem Bericht die Tränen.

28.07.2010

Aus der fröhlichen Technoparty wurde im Duisburger Tunnel der pure Horror. Jetzt pilgern Schaulustige an die Unglücksstelle. Doch auch sie holt das Entsetzen über die Loveparade-Katastrophe schnell ein.

28.07.2010