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17:39 02.08.2014
1000 Demonstranten ziehen durch Bad Nenndorf. Quelle: Peter Steffen
Bad Nenndorf

Mit Demonstrationen und Straßenfesten haben weit mehr als 1000 Menschen am Samstag gegen einen Aufmarsch von Neonazis in der niedersächsischen Kurstadt Bad Nenndorf protestiert. Die vom Deutschen Gewerkschaftsbund und dem Bürgerbündnis "Bad Nenndorf ist bunt" veranstalteten Aktionen verliefen weitgehend friedlich, wie die Polizei mitteilte.

Bei der größten Demonstration am Samstag mit rund 1200 Teilnehmern stellten Beamte die Personalien von etwa 40 Nazi-Gegnern fest. Ein mit einer Zwille bewaffneter Mann wurde durch den Versammlungsleiter von der Veranstaltung ausgeschlossen.

Anlass für die Proteste war ein sogenannter "Trauermarsch" von rund 190 Rechtsextremisten am Samstag zum Bad Nenndorfer Wincklerbad. Dort befand sich von 1945 bis 1947 ein britisches Verhörzentrum und Militärgefängnis für Nationalsozialisten. Es kam in der Einrichtung auch zu Misshandlungen, nach Bekanntwerden der Vorgänge entschuldigte sich Großbritannien dafür.

Bereits seit 2006 veranstalten Neonazis in Bad Nenndorf jeweils am ersten Augustwochenende eine Demonstration zum Wincklerbad. Zunächst hatten die "Trauermärsche" großen Zulauf. 2010 kamen mehr als 900 Neonazis nach Bad Nenndorf, im vergangenen Jahr waren es noch rund 300. Ihren Marsch konnten hunderte Bürger durch eine Sitzblockade stoppen.

Am diesem Samstag gelang es der Polizei, Rechtsextremisten und Gegendemonstranten voneinander zu trennen. Nazi-Gegner versuchten mehrmals vergeblich, an den Beamten vorbei auf die Marschstrecke der Rechten zu gelangen. "Unsere Strategie ist aufgegangen", sagte ein Polizeisprecher. In mehreren Häusern entlang der "Trauermarsch"-Route feierten Anwohner Parties mit lauter Musik. Die Kundgebung der Neonazis vor dem Wincklerbad wurde von Pfiffen und Sprechchören der Protestierenden laut übertönt.

Die Aktionen gegen den "Trauermarsch" hatten bereits am Freitag begonnen. Einwohner von Bad Nenndorf schmückten die angekündigte Marschroute der Rechten mit Transparenten und bunten Schals, der örtliche Sportverein veranstaltete ein Fest mit Mitmachaktionen für Kinder und Erwachsene. Bei einer Kundgebung am Abend ließen rund 200 Demonstranten Luftballons steigen.

Samstagmorgen hatten die christlichen Kirchen und die örtliche Jüdische Gemeinde zu einem Ökumenischen Gottesdienst in den Kurpark geladen. Etwa 350 Menschen kamen zu dieser Veranstaltung. Der Rabbiner des niedersächsischen Landesverbandes der Jüdischen Gemeinden, Tobias Jona Simon, sagte in seiner Predigt, die Menschen müssten gemeinsam "an Frieden und Gerechtigkeit arbeiten".

Wegen der Demonstrationen gab es in Bad Nenndorf erhebliche Verkehrsbehinderungen. Die Polizei hatte mehrere Straßen für den Durchgangsverkehr gesperrt. Einwohner konnten sich über ein Bürgertelefon über die Maßnahmen informieren.

Das Wincklerbad

Das „Wincklerbad“ in Bad Nenndorf ist seit 2006 das Ziel für „Trauermärsche“ von Neonazis. In dem früheren Kurbad, das heute Arztpraxen beherbergt, befand sich von 1945 bis 1947 ein Internierungslager und Verhörzentrum der britischen Armee für Nazis. In dem Lager sollen zahlreiche Gefangene gefoltert worden sein, es gab mindestens drei Todesopfer. Die Misshandlungen wurden nach Angaben von Historikern damals vom britischen Staat umgehend geahndet und von der Öffentlichkeit verurteilt.

Insgesamt waren im Wincklerbad mehr als 400 Männer und Frauen inhaftiert, unter ihnen SS-Obergruppenführer Oswald Pohl (1892-1951). Pohl war als Chef des „SS-Wirtschafts- und Verwaltungshauptamtes“ maßgeblich an der Organisation der Konzentrationslager und des Holocaust beteiligt. Er wurde 1947 in Nürnberg als Kriegsverbrecher zum Tode verurteilt und 1951 hingerichtet.

Die Rechtsextremisten haben bis 2030 Märsche zum Wincklerbad angemeldet. Ein Bürgerbündnis befürchtet, dass sie Bad Nenndorf zu einer Wallfahrtsstätte machen wollen, um die Nazi-Verbrechen zu verharmlosen. Nachdem 2011 das Grab des Hitler-Stellvertreters Rudolf Heß im oberfränkischen Wunsiedel aufgelöst wurde, ist Bad Nenndorf eines der letzten möglichen Ziele für Neonazis. In den vergangenen Jahren hat das Interesse an dem „Trauermarsch“ in der rechten Szene nach Angaben der Polizei allerdings merklich nachgelassen. Informationen der Stadt Bad Nenndorf zum Widerstand gegen Rechtsextreme und weitere Informationen zur Geschichte des Bades gibt es hier

epd/lni/mhu/sn

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