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Panorama Autobahn bei Rostock nach Sandsturm-Unfall wieder frei
Mehr Welt Panorama Autobahn bei Rostock nach Sandsturm-Unfall wieder frei
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21:09 10.04.2011
Die Autobahn 19 bei Rostock ist nach dem schweren Unfall am Freitag mit acht Toten wieder frei. Quelle: dpa

Ingeborg Kaluza berappelte sich schnell. Gerade hatte ihr Neffe seinen BMW auf der Autobahn in einen Lastwagen gefahren, der auf der Fahrbahn stand. Die Beifahrerin rief ihrem Neffen nach dem Aufprall zu: „Raus, wir leben ja noch.“ Doch der wollte nicht aussteigen und hielt auch die Tante zurück. Dann kracht es heftig auf den Kofferraum. Im Sekundentakt werden Tante und Neffe weiter an den Lkw gedrückt. Rechts brennt ein Auto, links kippt ein Kleinlaster um – „sonst war nichts zu sehen, überall dieser Staub und Sand“ – so schildern Tante und Neffe den schrecklichen Unfall auf der Autobahn 19 während eines Sandsturms, bei dem am Freitagmittag acht Menschen ums Leben gekommen waren.

Einen Tag nach dem Massenunfall nahe Kavelstorf bei Rostock liegt das letzte Wrack neben der Autobahn inmitten verkohlter Sträucher. Der Lastwagen ist nur noch ein riesiger Haufen Schrott. Löschschaum tropft vom Metallgestänge auf den schwarzen, matschigen Boden. Der Brandgeruch hat sich verzogen. Im Graben neben dem Standstreifen sind Überreste der Katastrophe verstreut: Scherben, Plastiksplitter, zerschlissene Arbeitshandschuhe, Verpackungen von Mullbinden. Das meiste haben die vielen Helfer bereits weggeräumt. Auf der anderen Seite bauen sich ein paar Fernsehteams auf.

Was sie zu berichten haben, ist für die Menschen im ganzen Land immer noch eine unfassbare Tragödie. Die acht Opfer der Massenkarambolage sind mittlerweile identifiziert. Erst jetzt wird das ganze Ausmaß des Unglücks deutlich. Drei Frauen und fünf Männer kamen bei dem Inferno ums Leben.

Sie seien in ihren Fahrzeugen bis zur Unkenntlichkeit verbrannt, sagte eine Sprecherin der Staatsanwaltschaft Rostock am Sonntag. Die Anwaltschaft nahm Ermittlungen zur Unfallursache auf. „Es besteht der Verdacht der fahrlässigen Tötung und Körperverletzung“, sagte Staatsanwältin Maureen Wiechmann. Experten der Prüforganisation Dekra sollen klären, „ob Autofahrer angesichts der Sandwand zu schnell oder zu unvorsichtig gefahren sind“. Noch am Freitag waren fünf Fahrzeuge an der Unfallstelle bei Kavelstorf beschlagnahmt worden. Laut Polizei waren am Freitagmittag 82 Fahrzeuge in einer Sandwolke bei Sichtweiten unter zehn Metern ineinandergerast und teilweise in Brand geraten.

Die Umweltorganisation BUND macht die Agrarindustrie mitverantwortlich für den Sandsturm. Jahrelange Vernachlässigung der Bodenstruktur habe den Humusgehalt sinken lassen, zudem fehlten Hecken als Wind- und Staubbremsen. Der Bauernverband verwies hingegen auf die anhaltende Trockenheit. Dafür könne kein Landwirt etwas, sagte Landes-Bauernpräsident Rainer Tietböhl. Autobahnmeisterei und Meteorologen sprachen von einer „unglücklichen Verkettung von Zufällen“.

Ingeborg Kaluza liegt in einem Krankenhaus in Bad Doberan und hat den linken Arm im Gips. Ein Sauerstoffgerät erleichtert ihr das Atmen. „Man begreift das alles nicht“, sagt sie. Die Erinnerungen an das Geschehene sind bei Tante und Neffe dennoch wach: Die Türen klemmten. Ein junger Mann riss sie von außen auf. „Überall lagen Glassplitter“, erzählt sie. Sand peitschte ihr ins Gesicht, überall krachte es laut und dumpf. Gegenstände flogen durch die Luft. Die beiden flüchteten auf den Seitenstreifen, liefen dort einfach los, bis sie auf Beamte stießen. Die brachten die 81-Jährige und ihren 63-jährigen Neffen zu einem Polizeiwagen.

Bei dem Feuer brannten 40 Autos und vier Lastwagen aus, darunter auch ein Gefahrguttransporter, der im hinteren Abschnitt des Staus stand. Das Flammeninferno ging nach Angaben der Feuerwehr von nur einem Fahrzeug aus. „Das war ein Auto, das stand mittendrin und brannte“, sagte der Einsatzleiter der Feuerwehr, Hannes Möller. Der starke Wind habe das Feuer auf benachbarte Wagen übergreifen lassen. Wie hoch der Sachschaden der Karambolage ist, mag noch niemand beziffern.

Die ausgebrannten Wracks sind inzwischen abtransportiert worden. Das Feuer entwickelte eine so enorme Hitze, dass die Betonfahrbahn auf der Autobahn aufplatzte und an einigen Stellen tiefe Löcher hinterlassen hat. „Da muss sich der Tank oder der Motor eines Wagens befunden haben“, vermutet Manfred Rathert vom Landesamt für Straßenbau und Verkehr in Rostock. Als er am Unfallort eintraf, hatte die Feuerwehr die Fahrzeuge schon gelöscht. Und dennoch: „Ich war schockiert, was sich mir da für ein Anblick bot“, erzählt er. Am Tag danach koordiniert der 57-Jährige die Reparaturen der Autobahn. Auf rund 100 Metern Länge muss die Strecke erneuert werden.

Die Arbeiten haben schon begonnen. 15 Männer in orangefarbender Arbeitskleidung mühen sich 24 Stunden nach der Tragödie, die Spuren des schlimmsten Unfalls in der Geschichte Mecklenburg-Vorpommerns zu beseitigen. Dabei gehen sie routiniert zur Sache. Mit einer Fräsmaschine tragen Bauarbeiter die obere Schicht der Fahrspuren Richtung Rostock ab. Daneben zerschneiden ihre Kollegen die verbogene Leitplanke. Laster fahren den Schutt weg. Es sieht nunmehr fast wie eine normale Baustelle aus. Dass auf diesem Straßenstück am Tag zuvor das Chaos geherrscht hat, davon zeugt nur noch der völlig zerstörte Lkw neben ihnen.

Insgesamt wurden bei der Karambolage 131 Menschen verletzt, 21 lagen am Sonntag noch wie Ingeborg Kaluza in Kliniken. Ein Mann schwebt noch in Lebensgefahr. Seit Sonntagmittag ist der Verkehr auf der A 19 in beide Richtungen wieder freigegeben. Am Mittwoch soll es in Rostock einen Gottesdienst für die Opfer geben.

dpa

Dieser Artikel wurde aktualisiert.

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