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Aschewolke aus Island wird zum Touristenschreck

Vulkanausbruch Aschewolke aus Island wird zum Touristenschreck

Von der Touristenattraktion zum Touristenschreck: Die Asche des isländischen Vulkans Eyjafjalla zwingt die Ferienflieger europweit auf den Boden.

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Ein spektakuläres Naturschauspiel: Über dem Eyjafjalla-Gletscher in Island hängen am Donnerstagmorgen nach dem Vulkanausbruch Wolken aus Asche und Wasserdampf.

Quelle: ap

Fast 200 Jahre lang hat er geschlafen. Als er dann am 20. März wieder erwachte, wurde er zur größten europäischen Touristenattraktion dieses Frühlings. Ein gigantisches Naturschauspiel, das dem krisengebeutelten Island Tausende von Reisenden bescherte. Seit Donnerstag beschert der Eyjafjallajökull Hunderttausenden von Reisenden allerdings nichts als Ärger: Auf einer abgelegenen Insel im Nordatlantik bricht ein Vulkan aus – und der europäische Flugverkehr bricht zusammen.

Die wenigstens nehmen das mit soviel Humor wie der reiselustige Schotte Alan Simpson aus dem Städtchen Johnstone: „Ich hatte für morgen eine Reise nach Island gebucht, um den brodelnden Vulkan zu sehen“, erklärte Simpson einem britischen Fernsehreporter. „Nun sieht’s so aus, als käme der Vulkan stattdessen zu mir.“

Simpson hat ziemlich genau das beschrieben, was tatsächlich passiert. Eine riesige Wolke aus Vulkanasche zieht seit Donnerstag über Europa. Die Schotten waren am Donnerstag als erste zur Ankunft dieser Wolke im eigenen Luftraum erwacht. Im Laufe des Morgens berichteten die Bewohner der Shetland-Inseln von üblen Sulfatgerüchen, die ihnen aus dem Norden entgegen wehten. Dann ging es Schlag auf Schlag: Die schottischen Flughäfen stellten den Flugverkehr ein, um zwölf Uhr stoppten die britischen Behörden den zivilen Flugverkehr im gesamten Luftraum auf unbestimmte Zeit - das erste Mal in der Geschichte des Königreichs, dass es zu einer solchen Maßnahme gekommen war.

Die erste Eruption des Eyjafjalla-Vulkans war abgeflaut, ohne größere Schäden anzurichten. In der Nacht auf Mittwoch aber kam es acht Kilometer vom ersten Krater entfernt zu einem zweiten Ausbruch, dessen Stärke die Geologen auf das Zehn- bis Zwanzigfache der ersten Eruption schätzen. Im Gletscher öffnete sich eine zwei Kilometer lange und 500 Meter breite Spalte, aus der nun enorme Mengen Asche kilometerhoch in den Himmel steigen. „Das kann Tage dauern, Wochen, auch Monate“, sagt der an der Universität Uppsala lehrende isländische Vulkanologe Reynir Bödvarsson. Abhängig von der Windrichtung könnte „ganz Europa, ja der ganze Atlantik, bis weit in die USA“ betroffen werden.

Dabei zählt dieser Vulkanausbruch nicht einmal zu den kräftigsten, die Island erlebt hat. Doch weil er sich unterhalb eines Gletschers ereignet, ist die Aschenmenge besonders groß. „Asche entsteht, wenn die fließende Lava an die Oberfläche kommt und auf Wasser trifft“, erläutert Bödvarsson. Dies geschehe im Normalfall vor allem zu Beginn eines Ausbruchs, unter einem Gletscher aber gebe es naturgemäß großes Potenzial für weitere Aschebildung. So lange die Asche derart gewaltsam emporgeschleudert wird, wird sie auch große Gebiete erreichen – und für ein Abflauen gibt es vorerst kein Anzeichen.

Für die Vulkan-Touristen am Gletscher ist das Ganze im Moment noch „ein spektakuläres Naturereignis. Es ist Geologie pur.“ So beschreibt es jedenfalls der hannoversche Maler Wolfgang Tiemann, der in den nächsten Tagen seine Ausstellung mit dem merkwürdig passenden Titel „Floating Land“ in Reykjavik eröffnet. Er ist so nahe wie möglich an das Vulkangebiet herangefahren - aber außer „Asche, einer großen Dunstwolke und überfluteten Straßen ist kaum etwas zu sehen“.

Der vom Gletscher abfließende Fluss Markarfljot hat in einer Flutwelle während der Nacht weite Landstriche überschwemmt. Bei einer ersten Flut tags davor war das Wasser mit rund vier Grad überraschend warm gewesen. Es stammte aus einer ins Eis eingebetteten Lagune. Die zweite Welle war anders: Wassertemperatur um null und Eisbrocken von zehn bis 15 Zentimeter Durchmesser, Schmelzeis, das aus dem Gletscher hoch geschleudert wurde.

„All meine Felder sind vom Lavaschlamm überflutet, und dabei waren die Weiden gerade erst grün geworden“, klagt der Bauer Olafur Eggertson, der auf seinem evakuierten Hof 200 Kühe zurücklassen musste. Auch in den nicht überschwemmten Gebieten bemühten sich die Züchter und Retter, die Schaf- und Pferdeherden einzufangen und in die Ställe zu treiben, um sie nicht dem Aschenregen auszusetzen, der giftige Substanzen enthalten kann,

Und doch sehen die meisten Isländer das Ereignis, das Europa bewegt, mit einer gewissen Gelassenheit. Auch Hjördis Gudmundsdottir von der isländischen Luftfahrtbehörde: „Wie lange das dauert, wissen nur die Wettergötter, ein paar Tage oder auch ein paar Jahre.“ Als der Eyjafjallajökull zum letzten Mal Lava spuckte, setzten sich die Eruptionen zwei Jahre fort.

 

Doch wie weitreichend die Folgen tatsächlich sind, ergibt sich aus der Liste der vielen vereinzelten Störmeldungen: In Nordnorwegen, wo Kranke mit Hubschraubern in die nächsten Kliniken geflogen werden müssen, ist die Luftrettung gezwungen, am Boden zu bleiben. Im ganzen Land hat nur ein Rettungshubschrauber Flugerlaubnis. Der Personaltransport und die Versorgung für die Ölplattformen in der Nordsee sind eingestellt, die Inselgruppe Svalbard mit Spitzbergen ist von der Umwelt abgeschnitten. Das alles nur wegen einer Wolke aus Asche?

Vulkanasche kann Flugzeuge zum Absturz bringen. Der pensionierte Flugkapitän Eric Moody erinnert sich genau daran, wie er im Juni 1982 eine Boeing 747 der British Airways von Kuala Lumpur nach Australien steuerte und über Java in Bedrängnis kam. Der Aschestaub eines unerwarteten Ausbruchs des Vulkans Mount Galunggung, ein Gemisch aus Fels-, Staub-, Glas- und Sandpartikeln, ließ alle vier Motoren ausfallen. Der Pilot setzte aus 11 000 Metern Höhe zu einem Gleitflug an. Erst knapp vier Kilometer über dem Erdboden gelang es ihm, die Motoren wieder in Gang zu setzen. Seither, sagt Moody, seien „80 Vorfälle dieser Art“ international gemeldet worden. Und er spricht von einem „Wunder“, dass keiner davon je zu einem Absturz geführt habe.

„Wenn man da mit 900 Stundenkilometern durch fliegt, können Scheiben blind werden“, sagt Jörg Handwerg von der Pilotenvereinigung Cockpit. Die Aschepartikel gefährden auch winzige Messöffnungen auf der Flugzeughaut, dann zeigen Instrumente Flughöhe und Geschwindigkeit falsch an. Auch der British-Airways-Pilot Moody hatte nichts bemerkt, weil das Wetterradar im Cockpit die Kleinstpartikel nicht erkannt hatte. Merkt es ein Pilot aber doch, dass er in Vulkanasche hineinfliegt, bleibt laut Handwerg nur eins: „Kehrtwende um 180 Grad und nichts wie raus.“ Wolken aus Asche können hunderte Kilometer lang sein.

Die Folgen von Vulkaneruptionen sind oft weltumspannend. Als ein Ausbruch des Krakatau 1883 die gleichnamige Vulkaninsel in Indonesien erschüttert und Zehntausende Tote fordert, ist die Detonation noch im 3100 Kilometer entfernten australischen Perth zu hören. Anschließend jagt eine 40 Meter hohe Flutwelle über den Ozean. Da sich das Sonnenlicht an Aschepartikeln in der Atmosphäre in besonderer Weise bricht, sind grandiose Sonnenuntergänge zu beobachten: „Plötzlich färbte sich der Himmel rot, Wolken aus Blut und Flammen hingen über dem blau-schwarzen Fjord und der Stadt“, notiert der norwegische Maler Edvard Munch. Aber Aschewolken verdunkeln auch die Sonne, die Temperaturen auf der Erde sinken spürbar.

Zu so einem „vulkanischen Winter“ kam es auch, als 1815 der Tambora im heutigen Indonesien ausbricht: Mitten im Juli gibt es in Europa Frost. Das Folgejahr geht als „Jahr ohne Sommer“ in Europas Meteorologiegeschichte ein. In den kommenden Jahren führt die Kälte zu Missernten, Seuchen und Hungersnöten. Scharen von Europäern wandern nach Amerika aus.

Ob es zu einem vulkanischen Winter kommt, hängt von der Explosionsstärke ab: „Asche, die in eine Höhe von zwölf Kilometern geschleudert wird, in die Stratosphäre, bleibt dort lange erhalten“, sagt der Klimatologe Thomas Hauf von der Leibniz Universität Hannover. Für den Moment aber gibt er Entwarnung: „Die Asche wird wohl mit dem nächsten Regen runterkommen. Wir müssen uns nicht auf einen kalten Sommer einstellen – jedenfalls nicht vulkanbedingt.“

Hannes Gamillscheg, Gunnar Menkens, Simon Benne, Peter Nonnenmacher und Stefan Koch

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