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Panorama Als die Vertriebenen in Niedersachsen regierten
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19:20 28.09.2017
Von Simon Benne
Wer die Wahl hat: Plakatwände an der Deisterstraße Anfang der Fünfzigerjahre. Quelle: HMH Hauschild 048858
Hannover

Was für ein bescheidenes Idyll. Ein Häuschen, ein Moped, eine Gartenliege. Und Vater fährt zur Arbeit. Daneben steht auf dem Plakat der Slogan „Besitz für viele!“ In den Fünfzigerjahren hatte der Bund der Heimatvertriebenen und Entrechteten (BHE), der sich auch Gesamtdeutscher Block nannte, damit Erfolg. Die rechtskonservative Klientelpartei der Vertriebenen kam 1953 mit 5,9 Prozent in den Bundestag, wurde unter Adenauer Regierungspartei und stellte mit Theodor Oberländer den Vertriebenenminister.

Der BHE, in dem sich auch etliche Altnazis tummelten, setzte innenpolitisch auf „Lebensrecht im Westen“, kämpfte also um Lastenausgleich und Wohnungsbau für Vertriebene. Außenpolitisch forderte er „Heimatrecht im Osten“ - also die Möglichkeit zur Rückkehr.

In Niedersachsen kam er bei der Landtagswahl 1951 auf stolze 14,9 Prozent. Mit Unterbrechung blieb er hier bis 1963 Regierungspartei, mal an der Seite der SPD, mal an der Seite der CDU. Im Jahr 1957 lösten der BHE und die eher nationalliberal gesinnte FDP eine Regierungskrise aus: In ihre gemeinsame Fraktion nahmen sie sechs Abgeordnete der rechtsextremen Deutschen Reichspartei als Hospitanten auf. Ministerpräsident Heinrich Hellwege warf darauf die Minister von BHE und FDP aus dem Kabinett und koalierte fortan mit der SPD.

In den Sechzigern verschwand der BHE in der Versenkung - die Integration der Flüchtlinge war so weit gediehen, dass er seine Klientel verloren hatte. Die Partei hatte sich selbst überflüssig gemacht.

Dass dies gelingen würde, war keineswegs ausgemacht. Ende der Vierzigerjahre forderten niedersächsische CDU-Politiker ernsthaft, gesonderte Wahlkreise für Vertriebene einzurichten. Flüchtlingsvertreter verlangten von den etablierten Parteien, Quoten einzuführen: Auf drei einheimische Kandidaten müsse mindestens ein Flüchtling kommen. In dieser angespannten Lage half der BHE, die Vertriebenen ins Parteienspektrum einzubinden und ihre Radikalisierung zu verhindern.

Später sympathisierten viele Vertriebene zunächst mit der SPD, die sie als Partei der kleinen Leute empfanden. „Schlesien bleibt in unserem Bewusstsein ein deutsches Land“, rief Willy Brandt den Besuchern des Schlesiertreffens in Hannover im Juni 1961 zu.

Verbände im rechten Fahrwasser

Als Brandt später Bundeskanzler wurde, empfanden Vertreter der Vertriebenenverbände seine Ostpolitik als Verrat. Die Fixierung auf die Verluste der Vergangenheit machte es ihnen schwer, sich der neuen Wirklichkeit zu stellen. Dabei dachten die meisten Flüchtlinge realistisch: Umfragen zufolge hatten 1972 nur noch 23 Prozent die Hoffnung, ihre Heimat würde eines Tages wieder zu Deutschland gehören - 77 Prozent rechneten nicht mehr damit.

Die Vertriebenenverbände isolierten sich zusehends und gerieten teils in rechtes Fahrwasser - auch, weil das Selbstbild der Deutschen sich wandelte. Hatten diese sich anfangs vor allem als Opfer des Krieges gesehen, rückte in den Siebzigern die Frage nach der Schuld der Deutschen in den Fokus. Im herrschenden Geschichtsbild fanden sich viele Vertriebene nicht mehr wieder. Ihre Funktionäre sorgten teils mit revanchistischen Tönen für Skandale - etwa als sie das Schlesiertreffen 1985 in Hannover unter das Motto „Schlesien bleibt unser“ stellen wollten.

Zu dieser Zeit stritt man noch um die Deutungshoheit über Schlesiens Geschichte. Die deutsche Frage war offen. Das änderte sich im Zuge der Wiedervereinigung mit der Anerkennung der Oder-Neiße-Grenze.

In den organisierten Landsmannschaften gibt es zwar immer mal wieder Grabenkämpfe zwischen Hardlinern und Brückenbauern, doch auch unter Konservativen ist längst Konsens, dass die Grenzen unverrückbar sind. Und seit über die deutsche Schuld nicht mehr diskutiert werden muss, wird das Leid der Vertriebenen auch in Polen nicht mehr tabuisiert.

So gesehen hat jede Generation ihr eigenes Schlesien.

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