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Panorama Ahnenstätten arbeiten Vergangenheit auf
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00:16 15.12.2017
Mit Runen und (früher) ohne Reue: Ahnenstätte Conneforde in Wiefelstede im Norden Niedersachsens. Quelle: Villegas
Wiefelstede/Hude

 Es sieht schön aus hier. Friedlich. Vorn auf der Landstraße rumort der eine oder andere Futtermitteltransporter vorbei, aber das stört kaum. Alles wirkt, trotz der Dezemberstarre der Natur, fast idyllisch. Moos, Efeu, immergrüne Büsche. Das Laub unter den Eichen und Buchen raschelt im Wind. Das Eingangstor ist reetgedeckt. Über das gesamte Gelände verteilt: lauter Findlinge. 

Und die trüben dann den ersten Eindruck. Nicht, weil jeder von ihnen als Grabstein dient. Sondern wegen der Inschriften. Da steht nicht, hier liege Familie Sowieso. Da steht, immer wieder: Sippe Sowieso. Frakturschrift. Runen. Überall sieht man auf den Steinen vor dem Geburtsdatum die sogenannte Lebensrune, die ihre (je nach Ausführung) zwei oder drei Zacken nach oben reckt. Und die umgedrehte Fassung, die Todesrune, findet sich vor dem Sterbedatum. Eigentlich heißt die Lebensrune „Elhaz“ und stand vermutlich für eine Eibe oder für den Elch. Die Nazis haben sich daraus und aus dem Gegenstück einen Ersatz für die christlichen Symbole Stern und Kreuz gebastelt. 

SS, NS, BDM und Holocaustleugner 

Conneforde, ein Ortsteil von Wiefelstede im Ammerland, ziemlich weit im Norden, kurz vorm Jadebusen. „Ahnenstätte Conneforde“ steht auf dem Reetdachtor. Hier liegt beispielsweise Wilhelm Tietjen, Nazi, Millionär, Rassenreinheitsfanatiker. Oder Alfred Thoß, NS-Schriftsteller und SS-Mann. Oder Gertrud Herr, Führerin des „Bundes Deutscher Mädel“, bis zu ihrem Tod 2003 eine Holocaustleugnerin. Auf ihrem Grabstein steht: „Was man nicht aufgibt, hat man nicht verloren.“ Das ist eigentlich von Schiller. Der hätte ihr was gehustet. 

Also: Ein Friedhof für Nazis? Ja. Auch. Aber das ändert sich gerade. 

Die Evangelische Zentralstelle für Weltanschauungsfragen in Berlin hat  gerade wieder darauf hingewiesen, dass Ahnenstätten, meist von völkischen Kirchengegnern gegründet, mitunter Gefahr laufen, sich von der rechten Szene instrumentalisieren zu lassen. Anlass waren entsprechende Vorwürfe in Petershagen in Nordrhein-Westfalen. Die Anlage dort ist eine von drei Ahnenstätten in Norddeutschland, die anderen beiden liegen in Niedersachsen: in Conneforde und in Hude bei Oldenburg. 

Einer, der in Conneforde immer mal wieder den Finger in die Wunde gelegt hat, ist Jörg Weden, SPD-Fraktionsvorsitzender im Rat von Wiefelstede. Ein Zugezogener, aus Berlin, 74 ist er inzwischen, pensionierter Lehrer. „Die Ahnenstätte wurde 1958 unstreitig von Altnazis gegründet“, erzählt er. Und berichtet von den Sonnenwendfeiern, die braungetünchte Gesellen in der Nähe veranstalteten. Er hat zusammengetragen, wer alles auf dem Friedhof liegt und was die Leute auf dem Kerbholz haben. Aber beim Spaziergang über das Gelände sagt er, es gebe ebenfalls Gräber von ganz normalen Menschen, das sei sogar die Mehrheit. Er deutet auf eins: „Kannte ich, Handwerker, sehr ehrbarer Mann.“ 

Gespräche abgebrochen

Weden will nicht, dass die Ahnenstätte verschwindet. Sie habe ihre Berechtigung als Begräbnisplatz für Menschen, „die mit der Kirche nichts am Hut haben“. Er möchte aber, dass sich der Trägerverein der Vergangenheit stellt. Die Stadtpolitik habe in dieser Richtung etliche Versuche unternommen. Der Ahnenstättenverein habe die Gespräche aber vor Jahren abgebrochen. 

50 Kilometer von Wiefelstede entfernt, in Hude, hat das besser geklappt. Am Eingang der Ahnenstätte Hilligenloh kann man im Schaukasten lesen, dass die Gründer zwar der „völkischen Bewegung“ angehört hätten, aber dass hier nichts mehr zu rassistischen oder antisemitischen Gedanken oder zum „nationalsozialistischen Ungeist“ auffordern solle. Dem ging ein langer Prozess voraus, viele Gespräche zwischen Trägerverein, Kirche, Politik. Der örtliche Pastor Reiner Backenköhler, der die Aufarbeitung in Rollen gebracht hat, sagt, heute behaupte niemand mehr, es handele sich einfach nur um einen schönen Friedhof. 

Neuer Anfang mit neuem Vorsitzenden

Und da will Oliver Pahl jetzt auch hin. Seit August ist der 35-Jährige Vorsitzender des Vereins Ahnenstätte Conneforde. Er ist Demokrat. Er hat sogar einen Eid auf die Bundesrepublik geleistet: Pahl ist Ausbilder bei der Bundeswehr. Und jetzt arbeitet er, Schritt für Schritt, an der Veränderung des Status quo. 

Einen Friedhof ohne Konfession, ja, den möchte er. Rechtslastigkeit und politische Indoktrination nicht mehr. „Da steckte eine Menge an braunem Schleim drin“, sagt er, damit sei aber Schluss. Die Ahnenstätte wolle sich nicht mehr verschanzen, sie werde das Gespräch mit der Kommune suchen – und eine distanzierende Infotafel wie in Hude, die könne er sich auch vorstellen, sagt Pahl. 

Er weiß, dass das alles Zeit braucht und nicht einfach ist. Aber „so wie bisher ging es nicht weiter“. Künftig würden auch Grabinschriften bei zweifelhaftem Inhalt abgelehnt. Und bei ganz Hartnäckigen will Pahl ebenso hartnäckig sein: „Das geht notfalls bis zum Vereinsausschluss.“

Aus brauner Vorzeit

Die Ahnenstätte Conneforde wurde 1958 von einer Gruppe um Marie Adelheid Reuß zur Lippe gegründet, einer völkischen Adeligen und Vertrauten von Walter Darré, dem Chef des SS-Rasse- und Siedlungshauptamtes. Man nannte sie die „braune Prinzessin“. 

 

Dem Trägerverein stand lange das NPD-Gründungsmitglied Alfred Manke vor. Bis August 2017 wurde der Ahnenstättenverein von Wolf-Dieter Schröppe geleitet, einem Waldorfschullehrer aus Uchte bei Nienburg, der wegen seiner Verflechtungen mit der rechten Szene aus dem Schuldienst entfernt worden ist. Wegen unsachgemäßen Finanzgebahrens wurde dem Verein, der rund 1100 Mitglieder hat, zudem die Gemeinnützigkeit aberkannt. 

 

Der Ahnenstättenverein Hilligenloh aus Hude hat heute rund 250 Mitglieder.  Die Ahnenstätte wurde 1933 von Mitgliedern des „Deutschvolks“ angelegt. Das „Deutschvolk“ war eine Strömung, die maßgeblich von Mathilde Ludendorf beeinflusst war, der Frau des Hitler-Mitputschisten General Erich Ludendorf.

Das „Deutschvolk“, das es in Gestalt des „Bundes für Gotterkenntnis“ immer noch gibt, sah sich nicht als nationalsozialistisch an, da es andere Kulturen nicht verteufelt hat und unter den Nazis zeitweise sogar verboten war. Aber damals wie heute glauben die Ludendorf-Anhänger, dass Völker sich nicht vermischen sollten. Der Verfassungsschutz nennt sie rechtsextrem und verfassungswidrig.

Von Bert Strebe

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