Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Panorama Ahmad A. – der spontane Attentäter
Mehr Welt Panorama Ahmad A. – der spontane Attentäter
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
10:15 11.01.2018
In diesem Supermarkt tötete Ahmad A. einen Mann und verletzte sechs weitere. Quelle: Foto: dpa
Hamburg

Der junge Mann wirkt höflich, bescheiden und auffallend darum bemüht, das Richtige zu tun und zu sagen. Zu dem Gespräch im Kombinat Schmackofatzke, einem Café an der Prenzlauer Allee in Berlin, hat er ein Buch mitgebracht, „Die Pest“ von Albert Camus. „Es ist auf Deutsch und soll mir helfen, die Sprache zu lernen“, sagt Ahmad A.

Ahmad A. ist zu diesem Zeitpunkt 24 Jahre alt, trägt kurze schwarze Haare, Dreitagebart, einen schwarzen Pullover. Den Flüchtlingsaktivisten, die sich im Schmackofatzke zum Interview mit ihm verabredet haben, erzählt er von seiner Jugend im Gazastreifen und seiner Flucht nach Europa. Und er erzählt von dem, was er für richtig hält. „Jeder hat seine eigene Meinung und die Freiheit zu sagen, was er sagen will“, sagt A. Über die Anschläge von Paris sagt er: „Es tut mir leid, was dort geschehen ist. Das repräsentiert uns nicht. Ich fühlte mich wirklich schlecht.“ Seine Stimme klingt sanft, nirgends ein Anflug von Aggressivität oder Radikalität.

Was geschah mit Ahmad A.?

Man kann dieses Gespräch schildern, weil die Flüchtlingsaktivisten es filmten und später dem „Spiegel“ übergaben. Es stammt aus dem Januar 2016. Eineinhalb Jahre später, am 28. Juli 2017, entsteht ein ganz anderes Video von Ahmad A. Es zeigt ihn, wie er mit blutverschmiertem Messer auf der Fuhlsbütteler Straße in Hamburg-Barmbek steht, vor sich eine Handvoll Männer, die versuchen, ihn mit Stühlen in Schach zu halten, bis die Polizei kommt. Kurz zuvor hat Ahmad A. im nahe gelegenen Edeka-Supermarkt einen Mann erstochen und sechs weitere verletzt. Nach einigen Minuten, nach einer kurzen Jagd durch den Stadtteil, kann ihn einer der Passanten mit einer Eisenstange niederstrecken. Ein letztes Bild zeigt Ahmad A., wie er auf dem Bürgersteig liegt, auf dem Bauch, die Hände zusammengebunden.

„Deutschland hat noch keine nationale Abwehrstrategie“

Die Bundesregierung erwartet die Rückkehr von mehr als hundert Familienmitglieder der IS-Kämpfer. Deutschland sei auf dieses Szenario nicht vorbereitet, meint Daniel Heinke, Chef des Landeskriminalamts Bremen und Terrorismusforscher. Im Interview mit dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND) warnt er vor einer fehlenden Präventions- beziehungsweise Terrorabwehrstrategie.

Die große Frage ist nun: Was geschah zwischen dem Januar 2016 und dem 28. Juli 2017? Welche Linie führt von dem beflissenen palästinensischen Flüchtling zum Messerattentäter von Barmbek? Es ist, so viel steht nach dem Ende der Ermittlungen jedenfalls fest, keine Gerade, sondern eine Verbindung mit sehr vielen Kurven, mit deren Beschreibung und Erklärung sich auch die Sicherheitsbehörden schwertun.

„Ja, ich bin ein Terrorist“

Wenn am Freitag vor dem Hanseatischen Oberlandesgericht in Hamburg der Prozess gegen Ahmad A. beginnt, dann ist das nicht einfach ein weiteres Islamistenverfahren, wie es sie an deutschen Gerichten mittlerweile häufiger gibt. Der Fall passt auch schlecht in die Reihe islamistischer Anschläge, wo ein Radikaler nach Kontakten mit Gleichgesinnten zum Täter wurde. Der Fall Ahmad A. verstört, weil er sich allen gängigen Kategorien zu entziehen scheint. Was war das Attentat von Barmbek? Ein Terroranschlag? Der Racheakt eines abgelehnten Asylbewerbers? Die Verzweiflungstat eines psychisch Labilen, vielleicht auch Verwirrten? Ein Amoklauf vor religiösem Hintergrund? Von allem etwas?

„Ja, ich bin ein Terrorist“, schrieb Ahmad A. nach seiner Vernehmung neben seiner Unterschrift auf den Belehrungsbogen. Aber reicht so eine Selbstbezichtigung, um sich zum Terroristen zu machen? Als einen „neuen Tätertyp“ bezeichnet der Leiter des Hamburger Verfassungsschutzes, Torsten Voß, Ahmad A. Einer, der sich den gängigen Radikalisierungstheorien entzieht. A. habe die Religion „nur benutzt, um seine Tat vor sich selbst zu rechtfertigen“, sagte Voß vor Kurzem der „Zeit“. Nur: Wie kann sich die Gesellschaft vor so einem Tätertyp schützen? Gibt es Lehren, die sich aus diesem Fall ziehen lassen?

Sein Mandant, sagt A.s Anwalt Christoph Burchard, passe in keine Schublade. Letztlich habe er „ohne weitere Vorankündigung“ gehandelt. „Ich kann verstehen, dass das Unruhe bringt.“

Abschiebung scheitert an fehlenden Papieren

Man kann das Leben von Ahmad A. in Deutschland durchaus als eine Geschichte der Extremisierung beschreiben, einerseits. Es ist möglich. Beginnen müsste sie dann mit dem 1. April 2016. An diesem Tag betritt ein Mann die in einem Container untergebrachte Polizeiwache auf der Rückseite des Hamburger Hauptbahnhofs und berichtet über einen Mitbewohner in seiner Flüchtlingsunterkunft im Stadtteil Langenhorn. Dieser verhalte sich auffallend anders als früher: Er rauche und trinke nicht mehr, ziehe sich zurück, spreche viel über Religion, weise seine Mitbewohner zurecht. An diesem Tag wird das erste Alarmzeichen von A. aktenkundig.

Zu diesem Zeitpunkt ist Ahmad A. seit gut einem Jahr in Deutschland. Geboren wurde er in Saudi-Arabien, aufgewachsen ist er in Palästina, von wo er 2008 über Ägypten, die Türkei und Griechenland nach Norwegen zieht. Als sein Versuch scheitert, dort zu studieren, zieht er weiter nach Deutschland. Auch hier erhält er kein Asyl, bei der Anhörung beim Bundesamt hat er sich in Widersprüche verstrickt. Der Versuch, ihn nach Norwegen zurückzuschicken, scheitert daran, dass das Bundesamt eine Frist versäumt. Die Abschiebung nach Palästina wiederum scheitert an fehlenden Papieren.

Opfer erhalten Hilfe

Anders als nach dem Anschlag auf dem Berliner Breitscheidplatz haben die Opfer des Attentats in Hamburg zügig Hilfe erfahren. Auch dank der Mithilfe des „Weißen Rings“ hätten die Verletzten Anträge stellen können und bereits Abschlagszahlungen des Opferfonds Extremismus erhalten, erklärte der Hamburger Anwalt Joachim Breu. Er vertritt vier Opfer, die in dem Prozess gegen Ahmad A. als Nebenkläger auftreten. Ferner habe es Briefe der Stadt sowie das Angebot psychologischer Hilfe gegeben.

Kein Vor und kein Zurück mehr

Im November 2016 besucht er in einem arabischen Mantel ein Flüchtlingscafé an der Uni und droht: „Der Terror wird auch zu euch kommen.“ Wenige Tage später erscheint er auch bei der Ausländerbehörde in diesem Aufzug. Seine Mitbewohner in der Flüchtlingsunterkunft bedrängt er mit nächtlichem Klopfen und „Allahu Akbar“-Rufen, so meldet es auch der Heimleiter der Polizei.

Als im Juli 2017 Israel den Zugang zur Al-Aksa-Moschee phasenweise abriegelt, findet A. das unerträglich, so heißt es in der Anklage der Generalbundesanwaltschaft. Als der Imam beim Freitagsgebet an jenem 28. Juli auch noch die Abriegelung thematisiert, wenn auch in ausgleichendem Ton, ist das für A. möglicherweise der letzte Anstoß. Kurz nach 15 Uhr betritt er das Geschäft in der Fuhlsbütteler Straße 188 – und sticht zu. Er habe „einen Beitrag zum weltweiten Dschihad“ leisten und möglichst viele Christen und Deutsche töten wollen, erklärt er den Ermittlern. In seinem Zimmer findet die Polizei eine selbst gemalte IS-Flagge.

Kooperativ und rückkehrwillig

Führte eine lineare, logische Entwicklung zu diesem Attentat? Teile der Geschichte mögen so erscheinen. Doch es gibt Hinweise, dass diese Entwicklung sehr brüchig verlaufen sein muss. Monatelang blieb A. vor dem Attentat unauffällig. So meldete sich zum Beispiel ein Hinweisgeber bei der Polizei und gab Entwarnung: A. kiffe und trinke wieder, er interessiere sich auch wieder für Frauen, alles wieder in Ordnung. Mitarbeiter der Ausländerbehörde beschreiben ihn als kooperativ und rückkehrwillig, noch am Morgen des 28. Juli besucht er das Amt und fragt nach seinen Passersatzpapieren. Kontakte in die immerhin knapp 400 Personen starke Dschihadistenszene der Hansestadt hat er nicht.

Unmittelbar vor der Tat geht er in den Supermarkt, kauft ein Toastbrot, geht wieder raus – und kehrt wenige Minuten später zurück. Erst jetzt nimmt er ein Messer aus der Auslage und sticht zu.

Solche Taten seien „kaum zu verhindern“, sagt Verfassungsschützer Voß und spricht von einem „Jedermann, der hier eine spontane Tat begeht“.

Eine Schutzbehauptung, um vom Versagen der Sicherheitsbehörden abzulenken, die A. ja kannten? Der größte Fehler unterlief ihnen offenbar, als die Polizei auf die psychiatrische Untersuchung A.s verzichtete, die der Verfassungsschutz zuvor vorgeschlagen hatte. Dabei ist der Zusammenhang zwischen einer unklaren Aufenthaltssituation und psychischen Erkrankungen längst bekannt: „Je länger ein Asylverfahren dauert, desto höher ist die Prävalenz für psychische Störungen“, heißt es in einem Positionspapier der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde.

Auf eine Anklage wegen Terrors hat der Generalbundesanwalt wegen fehlender Kontakte zum „Islamischen Staat“ verzichtet. Der psychiatrische Gutachter hat A. vorläufig für schuldfähig erklärt. Eine Einschätzung, die im Verlauf der Hauptverhandlung aber noch verändert werden könnte, betont Anwalt Burchard. Er hält es für durchaus möglich, dass sich A. auch im Prozess äußern wird. Welche Geschichte er dann aber erzählen wird, weiß bislang niemand.

Von Thorsten Fuchs/RND

Panorama Kunstprojekt sorgt für Abgrenzung - Höcke ist der NPD zu links

Per einstweiliger Verfügung will ein NPD-Funktionär erreichen, dass das Zentrum für politische Schönheit keine Artikel mehr verkaufen darf, auf dem sein Konterfei neben dem des AfD-Politikers Björn Höcke zu sehen ist. Seine Begründung: Höcke vertrete eine „weit links stehenden Konkurrenzpartei“.

10.01.2018

Seit George Michaels Tod vor gut einem Jahr finden sich täglich Fans im Londoner Stadtteil Highgate ein, legen Blumen, Karten oder Gedenkstücke nieder. Es ist ein Erinnerungsgarten entstanden auf einem Grünstreifen, der gegenüber seines Hauses ebenfalls im Besitz von Michaels Erben ist. Doch in dem schicken und teuren Stadtteil regt sich Unmut. Viele Anwohner haben genug von der Pilgerstätte.

10.01.2018

Ein Flüchtling gibt sich im Landkreis Hildesheim als 16-jähriger Jugendlicher aus. Den Mitarbeitern der Behörde kommen Zweifel – sie wollen es genau wissen und geben in einem Genlabor in Los Angeles einen DNA-Test in Auftrag. Mit erstaunlichem Ergebnis.

10.01.2018