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Panorama 75.000 Gülle-Lkw fahren durchs Land
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07:19 04.10.2016
„Meine Mutter hat sich von allem ganz gut erholt“: 20 000 Liter stinkendes Gärsubstrat waren im März in das Haus gelaufen - solche Gülleunfälle kommen immer wieder vor. Quelle: Feuerwehr
Hannover

Den Gestank nach dem Unfall hatten die Menschen in Eimbeckhausen noch lange in der Nase. Ganz besonders traf es aber die 76 Jahre alte Eigentümerin des Hauses im Kreis Hameln-Pyrmont, in das sich im März gut 20.000 Liter Gärsubstrat aus einer Biogasanlage ergossen. Ein Sattelzug mit der Masse im Tankwagen war zuvor vor ihrem Haus umgekippt. Vier Monate habe es nach Gülle gestunken, erzählt heute die Tochter, Stephanie Herzfeldt. Der Fall machte bundesweit Schlagzeilen: „Das stinkt zum Himmel“, hieß es. Inzwischen sei das Haus „so gut wie wieder hergestellt“, sagt Herzfeldt. „Meine Mutter hat sich von allem auch ganz gut erholt.“

Nicht immer bekommen Gülleunfälle so viel Aufmerksamkeit wie der Fall aus Eimbeckhausen. Manchmal gehen sie sogar glimpflich aus, wie im vergangenen Sommer in Großenkneten im Landkreis Oldenburg. An einem Bahnübergang war eine Rangierlok gegen ein Güllefass geprallt. Die Strecke zwischen Cloppenburg und Oldenburg blieb zwar stundenlang gesperrt. Gülle lief jedoch nicht aus.

Entwicklung ist alarmierend

Beide Unfälle sind Teil einer jüngst veröffentlichten Liste des Bundes für Umwelt und Naturschutz (BUND), die auf Daten des Statistischen Bundesamtes beruht. Der Transport von Gülle und Mist aus Mastställen und Gärresten aus Biogasanlagen hat demnach bundesweit in den vergangenen Jahren stark zugenommen. In Niedersachsen hat es in einem Jahr (von Juli 2015 bis Juni 2016) elf solcher Unfälle mit Gülletransporten gegeben. „Die Häufung der Unfälle in Niedersachsen ist alarmierend und stellt eine Gefahr für Mensch und Natur dar“, findet Tilman Uhlenhaut, Agrarreferent des BUND in Niedersachsen.

Der BUND sieht sie als Folge der intensiven Tierhaltung im Westen des Landes: In den „sogenannten Mega­ställen fallen deutlich mehr Nährstoffe an, als im ­eigenen Betrieb verwendet werden können“. Laut dem letzten Nährstoffbericht des Landwirtschaftsministeriums in Hannover gibt es in Niedersachsen einen Überschuss von 81.000 Tonnen Stickstoff. Viele Böden sind überdüngt, Nitrat belastet das Grundwasser, vor allem im Westen.

34 Millionen Tonnen jährlich in Niedersachsen

Die Lösung: Gülle, Hühnerkot und Gärreste aus Biogasanlagen müssen tonnenweise durch das Land gekarrt und auf Äcker gebracht werden, die nicht überdüngt sind. Laut BUND werden in Niedersachsen jährlich 34 Millionen Tonnen des sogenannten Naturdüngers an andere Betriebe abgegeben, davon rund ein Zehntel überregional.

Die Folge: „Rund 75.000 Transporte mit drei Millionen Tonnen Gülle rollen Jahr für Jahr über unsere Straßen“, sagt Uhlenhaut. Ganz vorne der Westen des Landes mit den Landkreisen Emsland, Vechta, Cloppenburg, Oldenburg und Osnabrück. Allein aus dieser Region würden 2,5 Millionen Tonnen in andere Gegenden des Landes gebracht. „Trotz erster Schritte hat die Landesregierung dieses Problem noch lange nicht gelöst.“

Uhlenhaut fordert die Einrichtung einer sogenannten Transportdatenbank, um das Gülle-Problem in den Griff zu bekommen. „Jeder einzelne Transport muss tatsächlich erfasst werden. Wir brauchen mehr Kontrolle“, sagt der Agrarexperte. Bisher sei es nämlich so, dass nur betrachtet werde, welchen Vertrag ein Landwirt mit einem anderen Betrieb oder einer Güllebörse abschließe. Aber ob die Mengen wirklich abgeholt wurden, welche Nährstoffe im Tank waren und wo sie tatsächlich ankommen - all das werde nicht überwacht. „Meine Vermutung ist: Die eine oder andere Ladung startet gar nicht oder landet auf einer ganz anderen Fläche als angegeben.“ Das Land setze sich dafür ein, doch werde eine solche Transportdatenbank vom Bund verschleppt.

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