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Panorama Lasst doch mal das übertriebene Putzen sein!
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14:00 23.02.2019
Die Umsätze für Körperpflege und Reinigungsmittel in Deutschland sind hoch wie nie – und gleichzeitig wächst der Plastikmüllberg immer stärker an. Warum kümmern wir uns nicht endlich um den Schmutz, der uns wirklich schadet? Quelle: iStockphoto
Berlin

Warum über Schmutz reden – weg damit, und basta, oder? Private Hilfstruppen haben wir genug. Brigade eins: Shampoo, Duschgel, Deo & Co für den leiblichen Bedarf. Brigade zwei: Wasch- und Putzmittelbataillone für Kleidung, Schuhe, Möbel, Kacheln, Böden, Teppiche, Geschirr, Besteck, Fenster. Brigade drei: Schwadronen von Bürsten, Lappen, Schrubbern, Pads, Schwämmen, Mikrofasertüchern. Brigade vier: Staubsauger, Waschmaschine & Co.

Wir geben viel Geld für eine geordnete Müll- und Abwasserbehandlung aus. Wir trennen den Abfall, beachten die Kehrwoche und zahlen fast ohne Murren Pfand auf Einwegflaschen. Sauberkeit garantiert? Der Blick in die Welt draußen stört das Bild. Diesel- und Feinstaubschwaden in den Städten lassen sich auch durch Voodoo-Software der Automobilingenieure nicht weghexen.

Verpackungen aus dem gelben Sack landen auf mysteriösen Wegen auf wilden Müllhalden in Malaysia. In den Ozeanen machen sich Pastikmüllstrudel breit wie der Great Pacific Garbage Patch, der größer ist als Deutschland und Frankreich zusammen. Und Allergien nehmen zu, weil das Immunsystem unterfordert ist und statt Schmutz und Fremdkörpern das eigene Innenleben angreift.

Waschzwangopfer und Messies zugleich

Die Lage kann man überspitzt so zusammenfassen: Als Bewohner der modernen Welt verhalten wir uns wie Waschzwangopfer und Messies zugleich. Die Umsätze für Körper-, Schönheits- und Haushaltspflegemittel in Deutschland sind hoch wie nie – 18,5 Milliarden Euro waren es im Jahr 2018.

Das sei kein Grund zum Jubeln, warnen Wissenschaftler. Ihre Labore entdecken allergene und schwer abbaubare Substanzen in Duftbäumchen, Bakterienkillern, WC-Beckensteinen oder Mikroplastik in Peelings und Shampoos. Kann denn sauber Sünde sein? Nein, meinen die Hersteller und ihre Werbepoeten. Unermüdlich preisen sie die neuesten Neuheiten an: Endlich auf dem Markt: Wäscheparfüm „mit grüner Ozeankopfnote“! Jetzt „die flüssige Lösung für die Reinigung“: mit dem „Aktivgel Frischekick“.

Das Motto von Stuttgart 21 und dem Berliner Flughafen scheint auch den Umgang mit unserer Warenwelt und ihren unerwünschten Resten zu prägen: Augen zu und durch! Es gibt zwar Schadstoffgrenzwerte und Konzepte für die vermeintliche „Entsorgung“, aber sie greifen längst nicht überall.

Auswege aus dem Schmutzdilemma

Plastikflaschen haben nach dem Wegwerfen am falschen Ort noch bis zu 450 Jahre Lebenszeit vor sich. Feinstäube oder Mikroplastik sind durch keinen Sauberzauber unschädlich zu machen. Das hat kein Erfinder eingeplant. Alle haben auf den großen Restmüllschlucker Umwelt vertraut. Der aber funkt nun SOS. Die Abgase und Abfälle von bald 7,7 Milliarden Menschen überfordern die Natur.

Was tun? In einer Sackgasse zu landen, hat einen Vorteil. Man merkt, dass man umkehren und sich grundsätzlich neu orientieren muss. Hilfe kommt in unserem Fall aus der Vorzeit. Von Hygieia, der antiken Namensgeberin des Begriffs Hygiene. Sie ist eine griechische Göttin, seit 2500 Jahren zuständig für Gesunderhaltung und ganzheitliche Gesundheit.

Ihr Arbeitsgebiet umfasst damit sehr viel mehr als das einer obersten Putzfrau. Entscheidend ist nicht ein Blitzblankambiente samt Antifett-, Antigeruch- und Antirostformeln, sondern eine Umgebung, die dem Wohlbefinden dient. Gesundheit als umfassendes Ziel aller Sauberkeitsbemühungen zu betrachten, erweitert den Horizont und eröffnet Auswege aus dem Schmutzdilemma. Was würde Hygieia heute raten?

Das Ökodesign der Natur als Vorbild nutzen

Erstes Gebot: Abrüsten bei den Armeen in Küche und Bad! Sichtbarer und unsichtbarer Schmutz gehören von Beginn an zum Leben, Stäube, Abgase und Bakterien sind allgegenwärtig. Dass die meisten Menschen sehr oft trotzdem ziemlich gesund sind, liegt zwar auch an Seife, Putzmitteln und Medikamenten, aber der Hauptgrund ist eine kostenlose Putztruppe im eigenen Leib: das Immunsystem in lebenslänglichem 24/7-Dauereinsatz.

Zweites Gebot: Das Ökodesign der Natur als Vorbild und Ziel für die Welt von morgen nutzen! Die Natur produziert Schmutz der Extraklasse wie das starke Gift im Knollenblätterpilz oder tückische Parasiten. Sie hat stabile Konstruktionen wie im Termitenbau erfunden oder hauchzarte und dennoch extrem haltbare Fäden wie in Spinnennetzen. Der Clou: Ihre Materialien greifen das Gesamtsystem nicht an. Waren und Abfälle klug zu gestalten, heißt zu garantieren, dass sie gefahrlos abbaubar und wiederverwertbar sind.

Vorbilder gibt es weltweit

Aber was kann man schon als Einzelner tun, um die Ex-und-hopp-Kultur der Gegenwart in ein gesünderes Kreislaufmodell für die Zukunft zu verwandeln? Die Frage lässt sich anders und besser formulieren: Was könnten alle gemeinsam bewirken, die sich als Einzelne zu schwach fühlen? Wir können hier und heute anfangen – beim Einkaufen, im Haushalt, in der Wissenschaft, in Unternehmen, in der Politik.

Vorbilder gibt es weltweit: Die indische 174 000-Einwohner-Stadt Alappuzha verfolgt das Konzept einer 100-Prozent-Abfallwiederverwertung. Politiker in Ruanda und Kenia haben strenge Antiplastikgesetze durchgesetzt, Citizen-Science-Luftmessgruppen, also Gruppen wissenschaftlich interessierter Laien, agieren mit ihren Sensoren an Brennpunkten der Luftverschmutzung, Transition-Town-Initiativen setzen auf lokale Produktion, um weltweite Transporte zu vermindern ...

Jeder kann im Kleinen mit Entmüllung experimentieren

Es gibt ein Zitat, das dem Philosophen Voltaire zugeschrieben wird: „Keine Schneeflocke in einer Lawine wird sich je verantwortlich fühlen.“ Wir sind keine Schneeflocken.

Jeder kann im Kleinen mit Entschmutzung, Entmüllung, Entgiftung experimentieren: Wir können auf Plastiktüten und Coffee-to-go-Wegwerfbecher verzichten. Wir können seltener putzen und sanftere Chemie verwenden. Wir können uns öfter PS-frei fortbewegen und so weniger Schmutz erzeugen und zugleich das Immunsystem stärken.

Am Ende winkt Belohnung für die Schonung der Natur. Sie wird sich revanchieren – mit frischer Luft, sauberem Wasser, fruchtbaren Böden, gesünderen Verhältnissen. Hygieia wäre zufrieden.

Hanne Tügel Quelle: privat

Zur Person: Hanne Tügel, langjährige „Geo“-Redakteurin, hat bei Edel Books gerade „Sind wir noch ganz sauber?“ (288 Seiten, 17,95 Euro) veröffentlicht.

Von Hanne Tügel

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