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Panorama Konzern pfeift Klinik wegen Abtreibungsstopp zurück
Mehr Welt Panorama Konzern pfeift Klinik wegen Abtreibungsstopp zurück
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00:16 10.02.2017
Von Gabriele Schulte
Quelle: Symbolbild
Hannover

Demnach will das Unternehmen Capio mit der Klinikleitung sprechen und klären, wie auch künftig Abtreibungen möglich sein können.

Die Ankündigung der Klinik, auf Schwangerschaftsabbrüche zu verzichten, hatte zuvor Empörung ausgelöst. „Wenn sich für Frauen, die sich zu einem Schwangerschaftsabbruch entschieden haben, die Wegezeiten deutlich verlängern, ist das eine Einschränkung“, sagte Niedersachsens Sozialministerin Cornelia Rundt (SPD) der HAZ. „Ich spreche mich entschieden dafür aus, dass Kliniken ihr Angebot nicht einschränken.“ Rundt bekräftigte ihre Drohung, Finanzhilfen zu kürzen: „Bei der Förderung von Investitionen der Krankenhäuser obliegt es den Ländern, Qualitätskriterien anzulegen.“

Das Krankenhaus in Dannenberg wird von dem Unternehmen Capio betrieben, es handelt sich um die einzige Klinik im Wendland. Der neue Chefarzt der Gynäkologie, Thomas Börner, hatte sich auf das christliche Menschenbild berufen und den untergebenen Ärzten untersagt, Abtreibungen vorzunehmen. „Für mich beginnt schützenswertes Leben mit der Einnistung der befruchteten Eizelle in die Gebärmutter“, sagte er der HAZ.

Anfrage im Landtag angekündigt

Vertreterinnen der Landtagsfraktionen hatten die Entscheidung des Arztes scharf kritisiert. „Die Haltung der Klinik ist höchst fragwürdig“, sagte Petra Joumaah, frauenpolitische Sprecherin der CDU. Schließlich gebe es in Deutschland „klare gesetzliche Regeln“ für einen Schwangerschaftsabbruch.

Sylvia Bruns (FDP) kündigte eine Anfrage im Landtag an. „Das Recht der Frauen auf Abtreibungen ist ein ganz wesentliches Recht, für das jahrzehntelang gekämpft wurde“, sagte sie. Elke Twesten (Grüne) appellierte an die Verantwortung der Ärzte jenen Frauen gegenüber, die sich in einer persönlichen Notlage befänden. „Wenn eine Frau sich für eine stationäre Abtreibung entscheidet, muss diese vor Ort möglich sein“, meint sie. „Es gibt viele Gründe, für einen solchen Eingriff ein Krankenhaus aufzusuchen - von der besseren medizinischen Versorgung bis hin zur psychosozialen Betreuung.“ Christoph Künkel, Chef der Diakonie Niedersachsen, sagte, ob die Gewissensentscheidung des Chefarztes eine Weisung an untergeordnete Ärzte rechtfertige, sei fraglich. „Nach meinem Empfinden geht das zu weit“, so Künkel.

"Abtreibung ist für die Frau ein ganz schwerer Schritt"

So ist es in Hannover

Henrietten- und Friederikenstift in Hannover führen Abtreibungen „unter Beachtung der gesetzlich geforderten Voraussetzungen“ durch, sagt Diakovere-Sprecher Achim Balkhoff. „Es werden aber kein Arzt, Schwester oder Hebamme gezwungen, den Eingriff vorzunehmen.“ Im Vinzenz-Krankenhaus sind die Ärzte an die katholische Morallehre gebunden, so Sprecherin Christine Kunkis. Dort werden keine Abtreibungen vorgenommen.

Mit Besorgnis haben die Beratungsstellen in der Region auf die Entscheidung des Chefarzts der privaten Elbe-Jeetzel-Klinik in Dannenberg reagiert, keine Abtreibungen mehr vornehmen zu wollen. Am Dienstag kündigten sie bereits Proteste bis hin zu einer Demonstration an – bevor sich dann am späten Nachmittag die Leitung des Capio-Konzerns in die Diskussion einschaltete. Nach Medienberichten sollen nun kurzfristig Gespräche mit der Klinikleitung und dem Chefarzt Thomas Börner geführt werden. Dabei solle die Frage geklärt werden, ob andere Fachärzte die Eingriffe übernehmen könnten, hieß es.

„Eine Abtreibung ist für die Frauen ein ganz schwerer Schritt“, meint Corinna Heider-Treybig, Leiterin von Pro Familia in Lüneburg. Bliebe es bei dem Abtreibungsstopp, würden die Betroffenen das nächste Klinikangebot in Uelzen, Lüneburg oder Salzwedel finden. Es seien meist Frauen zwischen 20 und 35 Jahren, die sich für den Abbruch einer ungewollten Schwangerschaft entschieden. „Die Frauen überlegen lange, ob sie die Verantwortung für ein Kind in einer bestimmten Lebensphase übernehmen können und wollen“, sagt Heider-Treybig. In vielen Fällen habe die Pille wegen zusätzlicher Medikamente nicht richtig gewirkt, auch trotz Spirale kämen Schwangerschaften gelegentlich vor.

Schülerinnen seien seltener betroffen als häufig angenommen: „Über Verhütung machen sich schon Siebtklässler ganz viele Gedanken.“ Wer sich für eine Abtreibung entscheide, könne kein Spießrutenlaufen mit weiten Wegen gebrauchen, zumal zum Abbruch wegen der Narkose eine Begleitperson mitfahren müsse.

31 Abtreibungen im Jahr 2016

Sie habe nie eine Frau erlebt, die sich nach der – immer neutralen – Beratung die Entscheidung leichtmache, berichtet auch Tanja Klomfass von der evangelischen Schwangerschaftskonfliktberatung in Uelzen: „Da fließen viele Tränen.“ „Irritiert“ hatte sich zuvor auch schon Lüchow-Dannenbergs Landrat Jürgen Schulz (parteilos) gezeigt. Er frage sich, wieso die persönliche Gewissensentscheidung des Chefarztes der Gynäkologie für das ganze Klinikum gelten soll.

Der Chef der Dannenberger Capio Elbe-Jeetzel-Klinik verteidigte Dienstag zunächst die Entscheidung. „Ich teile die Haltung des Chefarztes der Gynäkologie“, sagte Markus Fröhling der HAZ. Im Übrigen seien dort nie viele Abtreibungen vorgenommen worden: „2016 waren es 31.“

Eine ähnliche Diskussion hatte es im November im Kreis Schaumburg gegeben. Der christliche Gesundheitskonzern Agaplesion beendete nach Übernahme der kommunalen Klinik in Obernkirchen das einzige Klinikangebot für Abtreibungen im Landkreis – und blieb auch bei seiner Entscheidung. Im Dezember einigten sich Klinik und Kreis darauf, dass Frauen bei Bedarf an niedergelassene Ärzte verwiesen werden. Agaplesion betreibt auch das Krankenhaus in Rotenburg, wo ebenfalls Möglichkeiten zur Abtreibung an einem Krankenhaus fehlen.

In Dannenberg dagegen wird die Diskussion wohl noch weitergehen. Martin Reiz, Geschäftsführer von Capio Deutschland, spricht laut NDR von einer „sensiblen und schwierigen Situation“. Dazu brauche es einen „Gesamtkonsens“.

Regeln für einen Schwangerschaftsabbruch

Die Regelungen im Strafgesetzbuch zur Abtreibung gehen auf einen Kompromiss zurück und sind kompliziert. Nach Paragraf 218 sind Abtreibungen unter bestimmten Bedingungen straffrei, aber dennoch rechtswidrig – sie werden geduldet.
Seit 1992 können Frauen innerhalb von zwölf Wochen ohne Begründung abtreiben lassen, wenn sie eine vorherige Beratung nachweisen. Spätere Abtreibungen sind möglich, wenn ein medizinischer Grund vorliegt. Zuvor galt in der Bundesrepublik eine Indikationsregelung, in der DDR eine Fristenregelung ohne Beratung.
Niedersachsen hat in den letzten Jahren die Förderung von Beratungsstellen ausgebaut – auf 250 in unterschiedlicher Trägerschaft. „Damit wollen wir ungewollt schwangeren Frauen ihr Recht auf qualifizierte Beratung gewährleisten“, teilt das Sozialministerium mit. Für bedürftige Frauen übernimmt das Land die Kosten von Schwangerschaftsabbrüchen nach einer Beratung.
7727 Schwangerschaftsabbrüche wurden im Jahr 2015 in Niedersachsen gemeldet. Laut Bundesstatistik waren 39,3 Prozent der betroffenen Frauen verheiratet. 96 Prozent der Abbrüche wurden nach der Beratungsregelung vorgenommen, 4 Prozent mit medizinischer Indikation. Insgesamt war die Tendenz rückläufig.

gs

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