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Panorama Im Duisburger Tunnel werden auch Schaulustige stumm
Mehr Welt Panorama Im Duisburger Tunnel werden auch Schaulustige stumm
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17:03 28.07.2010
Aus Schaulustigen werden Betroffene: Die Unglücksstelle in Duisburg. Quelle: dpa

Diese Vuvuzela tönt nicht mehr. Jemand hat die Tröte schwarz angemalt und an eine der vielen Kondolenztafeln gestellt. Aus der Lärmtröte wird ein Sinnbild der Stille. Eine Stille, die jedes Gespräch verstummen lässt. Die Erinnerung an den Tod der 21 Loveparade-Opfer lässt nichts anderes zu als Schweigen. Auch bei Neugierigen, die sich die Unglücksstelle anschauen wollen.

Waltraud Nötzel aus Moers spricht nicht mit ihrer Freundin. Kopfschüttelnd läuft die Frau durch den dunklen Tunnel am alten Güterbahnhofsgelände. Sie versucht zu begreifen. „Ich krieg’ schon jetzt Panik, wo ich nur hier durchlaufe“, sagt sie. Sie hat die Bilder im Fernsehen nicht verstanden. Deshalb ist sie über den Rhein nach Duisburg gefahren. „Es ist sonst zu schwer, sich vorzustellen, was hier passiert ist.“

Viele ältere Menschen besuchen an diesem Mittwochvormittag den Tunnel. Insgesamt sind es mehrere Dutzend, es ist ein Kommen und Gehen. Auf dem Weg wütet ein Rentner vor sich hin: „Es muss erst was passieren, damit so was verboten wird.“ Doch als er die Unterführung erreicht, schweigt auch er. Zu überwältigend ist der Ort. Aus dem Schaulustigen, der einfach mal meckern wollte, wird ein Betroffener.

Die Katastrophentouristen stehen am Tunneleingang oder schlendern durch die enge Röhre. In der Mitte des Durchgangs liegt ein Kondolenzbuch mit einer langen Schlange von Trauernden davor. Dort hat Sensationslust keinen Platz. Die Menschen weinen und schauen zu Boden.

Das Buch liegt auf einem Stehpult direkt an der Tunnelwand. Thea Tomberg-Jung lässt sich Zeit mit ihrem Eintrag. „Duisburg kann nie mehr fröhlich sein“, schreibt sie, hält inne und wendet sich Minuten später mit ihrer Enkelin ab. „Niemand lacht mehr. Es gibt nur noch dieses eine Thema“, sagt die alte Dame. Immer wieder besucht sie, die in Sichtweite wohnt, mit ihren Kindern und Enkeln die Unglücksstelle. „Gestern haben wir Blumen und Kerzen hergebracht. Die Kinder weinen oft.“

Wem die Schlange vor dem Kondolenzbuch zu lang ist, der nutzt die freien Plakatflächen, um sich auszudrücken. Auch die Loveparade- Veranstalter haben ein großes, weißes Plakat anbringen lassen. „Wir sind zutiefst erschüttert. Wir trauern mit den Angehörigen“, steht darauf in schwarzen Lettern.

Drumherum schreiben Besucher mit dickem Filzstift ihre Worte der Trauer und des Dankes: Dank für die „Schutzengel, die meine Freunde heil hier herausgeführt haben.“ Auch Wut findet Platz: „Jetzt hast’e scheiß Aufmerksamkeit, Sauerland“, klagt jemand den Duisburger Oberbürgermeister an, der im Kulturhauptstadtjahr mit der Loveparade in Duisburg punkten wollte.

Ein Kranzgebinde, wie man es sonst von Beerdigungen kennt, steht in einem Meer aus Kerzen. Ihr Licht strahlt warm auf die Gesichter der Menschen im Tunnel, bringt sie zum Glühen. Siegfried Klimas aus Weeze betrachtet den gedämpften Schein der Grablichter. Auch er will verstehen. „Noch am Samstag war ich hier in der Nähe. Ich wollte meine Lebensgefährtin vom Bahnhof abholen. Plötzlich stand ich inmitten der Menschen. Die hatten alle Angst.“ Die Polizei habe ihm schließlich geholfen, die Frau zu finden.

20 Minuten Fußweg vom Tunnel entfernt liegt der Gewölbebau des Duisburger Rathauses. Auch dort liegt in einer Nische neben dem Paternoster ein Kondolenzbuch. Eine Menschenschlange gibt es nicht. Hier trauern diejenigen, die allein sein wollen, Zeit brauchen. „Liebe Freunde, Ihr seid nicht umsonst gestorben“ steht auf den ersten Seiten des Hefts. Zwei geschlossene Bücher liegen daneben. Sie sind bereits vollgeschrieben.

dpa

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