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Panorama Geständnis des Doppelmörders offenbart grausame Details
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22:18 13.04.2011
Von Wiebke Ramm
Mahnwache beim Prozessauftakt: Viele Trauernde haben sich am Mittwoch vor dem Landgericht Göttingen versammelt – darunter auch Mitschüler der beiden grausam ermordeten Teenager Nina und Tobias. Quelle: dpa

Ninas Mutter steht kurz vor dem Zusammenbruch. Sie atmet schwer. Ihr Kinn sinkt immer tiefer Richtung Brust, ihre Haare fallen ihr ins gerötete Gesicht. Ihre Schultern heben und senken sich mit jedem kaum vernehmbaren Schluchzen. Die ersten Gerichtsreporter fliehen aus dem Schwurgerichtssaal des Landgerichts Göttingen. Ilona B. aber bleibt. Man wünscht, sie täte es nicht. Wie soll eine Mutter diese Bilder jemals wieder aus ihrem Kopf bekommen?

19 Seiten hat Jan O. in seiner Zelle im Hochsicherheitstrakt der Justizvollzugsanstalt Rosdorf vollgeschrieben. Minutiös schildert er darin, wie aus dem Gedanken, ein Mädchen zu vergewaltigen, erst der Mord an der 14-jährigen Nina, dann ein zweiter Mord an dem 13-jährigen Tobias geworden ist.

Der 26-Jährige berichtet detailliert, wie er sich an dem sterbenden Kind weidet, sich an dem Mädchen noch vergeht, als es irgendwann doch tot ist. Wie er nach zwei Tagen noch einmal zu Ninas Leiche geht, weil er „mal gucken“ will, „wie ein Mädchen aussieht, wenn es schon zwei Tage tot ist“. Wieder schändet er es und filmt sich dabei mit seinem Handy. Beim dritten Mal – fünf Tage nach ihrem Tod – lässt er seinen Körper endlich in Ruhe, weil ihn eine Spinne erschreckt. Er verlässt das Fichtenwäldchen und trifft auf Tobias, den er für ein Mädchen hält.

Ruhig, fast monoton trägt die Beisitzende Richterin am Mittwoch die Worte von Jan O. vor. „Endgeständnis“ hat er seine 19 handgeschriebenen Seiten genannt. Deren Inhalt ist kaum zu ertragen.

Jan O. selbst sagt an diesem ersten Prozesstag nicht viel mehr als seinen Namen, sein Geburtsdatum und seine Adresse. Er hat sich einen buschigen Schnauzbart wachsen lassen. Sein Verteidiger Markus Fischer erklärt, sein Mandant räume die Vorwürfe ein, werde sich jedoch zunächst nicht weiter äußern. Er verweist auf das schriftliche Geständnis. Ob richtig sei, was dort geschrieben steht, fragt der Vorsitzende Richter Ralf Günther den Angeklagten. Jan O. drückt den Rücken durch, richtet das Mikrofon und sagt mit fester Stimme: „Ja, das stimmt.“

Es stimmt demnach, dass er Nina am 15. November, während sie laut Vorsitzendem Richter „erhebliche Qualen“ litt, plötzlich nicht mehr vergewaltigen will, sondern stattdessen kannibalistische Handlungen an ihrem Hals und ihrem Fuß verübt. Irgendwann stirbt das Mädchen infolge des Blutverlusts.

Es ist der Moment, in dem man Ilona B. gerne aus dem Saal schicken will. Der Vorsitzende Richter lässt ihr über einen Sicherheitsbeamten Wasser bringen. Ihr Sohn, Ninas Halbbruder, knetet mit einer Hand unablässig die Schulter seiner Mutter. Er ist ein Jahr jünger als Jan O.

Jan O. kannte Nina vom Sehen. Sie war „das Mädchen, das immer mit so einem kleinen Pferd rumläuft in Bodenfelde“, so hat er es notiert.

Jan O., der arbeitslose Exjunkie war an jenem 15. November wie so oft zu Fuß aus dem nahen Uslar in das 3400-Seelen-Dorf Bodenfelde in Südniedersachsen gelaufen. Drei bis vier „Bierchen“ hatte er als Wegzehrung dabei. Stundenlang sei er durch den Ort gestromert. Ein Freund, den er besuchen wollte, war nicht zu Hause. Er lief weiter umher, sprach junge Mädchen am Bahnhof an und wurde schon da übergriffig. Ein Mädchen, das er belästigt hat, sei sehr erleichtert gewesen, als ihr Zug endlich einfährt. So schildert es Jan O. selbst.

Gegen halb sechs am Abend trifft er auf einen „Kollegen“ aus der geschlossenen Drogentherapieeinrichtung „Neues Land“. Auch Jan O. ist dort Patient gewesen. Das Amtsgericht Uelzen hatte ihn wegen 40 Diebstählen im „rauschhaften Zustand“ 2006 zu zwei Jahren und neun Monaten verurteilt. Er wurde vorzeitig auf Bewährung entlassen und zugleich in die Einrichtung „Neues Land“ im Bodenfelder Ortsteil Amelith eingewiesen. Er kam runter von den Drogen und zunächst auch vom Alkohol. Doch als er rückfällig wird, muss er die Einrichtung verlassen.

Zunächst hielt er sich noch an die Auflagen seines Bewährungshelfers. Etwa Ende Oktober fällt er wieder auf. Er setzt einen Schuppen in Brand, klaut Mofas und Fahrräder. Im Gefängnis landet er nicht.
Der „Kollege“, den Jan O. am 15. November am Bahnhof von Bodenfelde trifft, ist denn auch „sehr überrascht“, schreibt Jan O., ihn in Freiheit anzutreffen. „Der dachte, ich bin im Knast.“

Jan O. bringt seinen Freund zum Bus nach Amelith. Er selbst wartet auf seinen Zug nach Uslar, wo er lebt. Doch das Warten wird ihm zu lang. Er kauft mehr Bier, streift weiter durch Bodenfelde.

In die Nähe der Schrebergartenkolonie trifft er schließlich auf Nina. Er grüßt sie, sie grüßt zurück. Er fragt sie nach dem Weg, sie antwortet höflich. Doch offenbar spürt das Mädchen die Gefahr. Immer wenn Jan O. ein paar Schritte näherkommt, weicht es zurück, registriert er. Schließlich packt er Nina, befiehlt ihr, „artig“ zu sein und zerrt sie in das nahe Fichtenwäldchen. Sogar das Bellen von Hunden notiert er. Es sind die Hunde von Ninas Familie. Ihr Elternhaus ist gut 50 Meter entfernt von dem Ort, an dem sie sterben wird.

Nach der Tat wäscht er sich das Blut ab und läuft zurück nach Uslar. Er habe bemerkt, dass sein Portemonnaie noch am Tatort liege, schreibt er. Er wird es dort später finden und mitnehmen. Zu Hause duscht er und geht dann ein Stockwerk tiefer zu einer befreundeten Nachbarin.

Fünf Tage später, am 20. November, treibt er sich das dritte Mal am Tatort rum. Es ist der Abend, an dem ihn eine Spinne von ihrem Körper vertreibt. Auf dem Weg aus dem Wäldchen begegnet ihm Tobias.
Er habe ihn für ein Mädchen gehalten und sich ertappt gefühlt, weil die tote Nina nur ein paar Meter entfernt, kaum von Laub bedeckt, gelegen hat, schreibt er nieder.

Tobias sagt ihm, dass er ein Junge sei. Doch Jan O. glaubt ihm nicht, zwingt ihn sich auszuziehen, drückt ihm mit beiden Händen den Hals zu. Aber Tobias stirbt nicht. Also sticht er mit einem Messer wie wild auf ihn ein. Das Blut verteilt er auf dem Körper des toten Jungen. Ninas Leiche liegt nur ein paar Meter entfernt.

Ein paar Minuten später wählt Jan O. den Notruf. „Schönen guten Tag“, sagt er und stöhnt und keucht. „Ich habe ein Problem.“ Es sei nichts Lebensbedrohliches, „aber ich halt’s vor Schmerzen nicht mehr aus“, jammert er. Er habe sich mit einem Messer geschnitten. Man kenne doch sicher dieses Spiel, bei dem man sich die Klinge möglichst schnell zwischen die Finger steche. Dabei sei es passiert.

„Eigentlich habe ich gedacht, ich schaffe das, aber ich halt das nicht mehr aus.“ Er röchelt. Wo er denn sei? An einer Landstraße zwischen Bodenfelde und Uslar. Er solle dort bleiben, ein Rettungswagen komme gleich. Jan O. klingt erleichtert. „Danke schön“, sagt er und: „Ciao“. Jan O. hat sich mit dem Messer an der Hand verletzt, als er Tobias ermordet hat. Es ist keine Stunde her. Der Krankenwagen kommt, Jan O. wird in ein Krankenhaus gebracht und an der Hand versorgt.

Der Staatsanwalt attestierte Jan O. am Mittwoch eine „seelische Abartigkeit“. Er ist davon überzeugt, dass er die Taten „zur Befriedigung seines Geschlechtstriebs, heimtückisch und grausam“ begangen hat. Die Anklage sieht in ihm eine Gefahr für die Allgemeinheit.

Der Prozess wird am Freitag fortgesetzt. Hoffentlich ist Ilona B. dann nicht dabei. Für Ninas Mutter sei ihre Anwesenheit im Gerichtssaal „die einzige Möglichkeit, ihm die Stirn zu bieten“, versucht ihr Anwalt Carsten Ernst in einer Pause zu erklären, warum sie sich das antut. „Es ist ihre Form der Verarbeitung“, sagt er.

Die Eltern von Tobias haben eine stationäre Therapie begonnen. Von den kannibalistischen Handlungen wissen sie nach Angaben ihres Anwalts nichts.

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