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Panorama Ernst August gegen Ernst August: Es geht um 44 Millionen und dieses Schloss
Mehr Welt Panorama Ernst August gegen Ernst August: Es geht um 44 Millionen und dieses Schloss
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18:40 26.01.2019
Erbprinz Ernst August (links) und Prinz Ernst August streiten sich darum, was mit der Marienburg bei Hannover passieren soll. Der Junior will verkaufen Quelle: RND/Montage/dpa/Rainer Dröse
Hannover

Es herrschte Volksfeststimmung. Mehr als 20.000 Objekte aus dem Hausstand der Welfen kamen auf der Marienburg im Jahr 2005 unter den Hammer. Gemälde, Möbel und Rüstungen erzielten bei der bis dato größten deutschen Adelsauktion Preise, von denen die Experten des Auktionshauses Sotheby‘s nicht zu träumen gewagt hatten. Allein zum „Ramschtag“ der mehrtägigen Versteigerung kamen 2000 Besucher auf die Burg; manche Preziose wurden gleich auf dem Parkplatz weiterverscherbelt. Kunsthistoriker beklagten einen Ausverkauf hannoverscher Geschichte.

Der junge Ernst August Erbprinz von Hannover und sein Bruder Christian jedoch waren zufrieden mit den Einnahmen von insgesamt 44 Millionen Euro. „Wir sind überglücklich, dass unsere Stiftung einen so positiven Start hat“, ließ er wissen. Die neue Stiftung sollte mit dem Geld aus der Auktion den Erhalt des Schlosses seiner Ahnen bei Pattensen sichern und dies zum „Neuschwanstein des Nordens“ machen. Heute ist klar: Aus alldem ist nichts geworden. Schlimmer noch – die Kasse ist abermals leer. Die Ebbe scheint so dauerhaft zu sein, dass die jungen Welfen das Schloss nun lieber heute als morgen ans Land Niedersachsen abgeben wollen.

Wo sind die 44 Millionen hin?

Stimmt das wirklich? Sicher ist: Die 44 Millionen Euro aus der Auktion sind ausgegeben – wenn auch nicht vorrangig für das Schloss. „Mit dem überwiegenden Teil haben wir Schulden abbezahlt“, sagt Ernst August junior selbst. Nach unbestrittenen Recherchen der „FAZ“ ist mehr als die Hälfte des Geldes in die Tilgung von Schulden geflossen, die der stets skandalumwitterte Ernst August senior angehäuft hatte. Zudem soll das Auktionshaus eine Vergütung von 25 Prozent erhalten haben. Auf dem Pattensener Burgberg jedenfalls ist wenig angekommen – von einem gerade noch mittleren einstelligen Millionenbetrag ist die Rede.

Darum geht es: das Schloss Marienburg. Quelle: Holger Hollemann/dpa

Zwar hat der mittlerweile 35-jährige Schlossherr den Hauptturm saniert, ein schickes Restaurant eingerichtet und Ausstellungen sowie Konzerte inszeniert. „Meine Mitarbeiter und ich haben es binnen weniger Jahre geschafft, die Zahl der Besucher von 30.000 auf 200.000 pro Jahr zu steigern“, berichtet der scheue Ernst August von Hannover. Doch das historische Gemäuer blieb trotz allem ein gewaltiges Zuschussgeschäft. Sagt der Erbprinz.

Sein Vater hingegen, der ihm die deutschen Besitzungen der einstigen Könige von Hannover im Jahr 2004 übertragen hat, rechnet völlig anders.

„Last für den Steuerzahler“

In einem Brief an Ministerpräsident Stephan Weil (SPD), der der "Hannoverschen Allgemeinen Zeitung" (HAZ) vorliegt, verleiht der gesundheitlich angeschlagene Ernst August senior ganz im stolzen Ton des pater familias seiner Verwunderung darüber Ausdruck, dass über den Schlossverkauf überhaupt verhandelt wurde, „ohne dass ich als Chef des Hauses Hannover zu irgendeinem Zeitpunkt davon in Kenntnis gesetzt oder beteiligt worden bin“.

Der 64-jährige Ehemann von Caroline von Monaco gibt sich im österreichischen Grünau ganz so, als wollte er Niedersachsen vor einer bösen Fehlinvestition bewahren: „Wenn das Haus Hannover in der Vergangenheit Teile seines Vermögens verkauft hat, dann nur zu dem Zweck, seiner sozialen Verantwortlichkeit insbesondere gegenüber den Mitarbeitern nachzukommen, ohne öffentliche Mittel in Anspruch nehmen zu müssen“, schreibt der Senior. Er habe kein Verständnis dafür, „dem Steuerzahler auf Dauer die Lasten der Erhaltung aufzubürden“. Schließlich habe er seinem Sohn Schloss und Kunstschätze nur überschrieben, um deren Erhalt in der Familie sicherzustellen. Und dann fällt der Satz: „Um diesen Erhalt finanzieren zu können, habe ich ihn im Schenkungswege auskömmlich versorgt.“

Prinz Ernst August von Hannover – der Senior. Quelle: imago/photo2000

Ist der Nachwuchs also mit dem Geld falsch umgegangen? Ein wenig Licht ins Dunkel bringt hier ein zweiter, längerer Brief aus dem Welfenhaus. Ernst August junior hat ihn im vergangenen November an den „Lieben Daddy“ geschrieben. Er legt dar, warum es mit der geschichtsträchtigen Immobile so nicht weitergehen könne und dass er sie nun aus der Hand der Familie abgeben müsse.

Das Schloss macht Miese

„Aus dem Betrieb sind in den letzten Jahren fortlaufend Verluste entstanden“, heißt es in dem Schreiben des Erbprinzen an seinen Vater, das der HAZ ebenfalls vorliegt. Demnach hat der Schlossbetrieb seit 2011 rund 1,6 Millionen Euro verschlungen. Die Betreibergesellschaft EAC, musste rund 700  000 Euro unter anderem für Instandhaltungen aufbringen. Für Investitionen und die Finanzierung von Verlusten wurden noch einmal rund 900  000 Euro fällig.

Der Erbprinz zeichnet seinem Vater ein düsteres Bild von der Finanzlage des sanierungsbedürftigen Schlosses: Seit 2014 gingen sogar die Finanzbehörden nicht mehr davon aus, dass sich mit der Burg Gewinne erzielen ließen. Sein Fazit: „Weitere Aufwendungen für Schloss Marienburg kann ich nicht verantworten“.

Mit einem großen Deal wollte der Welfenspross daher die Reißleine ziehen. Aus dem Verkauf von rund 100 Kunstschätzen an das Landesmuseum Hannover für 2 Millionen Euro sollten unter anderem Bankschulden der EAC in Höhe von 500  000 Euro beglichen werden. Geht das Geld an Banken – oder auch an „EA“s Mutter Chantal, die der EAC über eine eigene Firma auf den Virgin Islands wirtschaftlich verbunden ist? Und welche Rolle spielt die erste, in London lebende Frau von Ernst August senior überhaupt? Es waren in jedem Fall Fragen offen, als Niedersachsens Kulturminister Björn Thümler (CDU) den Handel Ende November auf der Marienburg stolz verkündete – auch, bevor Kunsthistoriker des Landes die für die Entschuldung vorgesehenen Kunstgegenstände überhaupt abschließend bewertet hatten.

Und das Schloss selbst? Der Erbprinz wollte es bisher einer Idee der Landesregierung folgend für einen Euro an eine Tochtergesellschaft der Klosterkammer abgeben. Die alles andere als begeistert war, auf Druck der Landesregierung eine sanierungsbedürfte und defizitäre Immobilie übernehmen zu müssen.

Nicht nur Familiensache

Dem Vernehmen nach knallten in der Klosterkammer die Korken, als sich der Vater des Erbprinzen einschaltete. Ernst August von Hannover senior spricht seinem Sohn mittlerweile nicht nur die solide Haushaltsführung ab – er fordert die Marienburg nun sogar zurück. Seit seiner Intervention liegt der Verkauf auf Eis.

Erbprinz Ernst August von Hannover – der Junior. Quelle: Sebastian Gollnow/dpa

Ist Ernst-August junior nun also „auskömmlich“ versorgt gewesen und hat Geld wie Immobile fahrlässig verwaltet? Oder ist sein Vater dem Ganzen nicht mehr gewachsen und stellt unhaltbare Behauptungen auf, die seinen um Schadensbegrenzung bemühten Sohn desavouieren sollen?

Die Antworten auf diese Fragen sind mehr als eine Familienangelegenheit eines der ältesten deutschen Adelsgeschlechter. Es geht am Ende um Steuergeld. Die Sanierung des bisher unheizbaren Schlosses, auf dem kein Welfe lange gewohnt hat, wird auf mindestens 27  Millionen Euro taxiert. Und wenn der Junior richtig kalkuliert hat, kostet der Betrieb auch künftig hundertausende Euro im Jahr. Aber man wird es auch kaum verfallen lassen können.

In dieser zähen Melange aus finanziellen, rechtlichen, kulturellen und politischen Fragen bewegt sich derzeit nichts. Eigentlich sollte die EAC den Betrieb schon zum Jahreswechsel an die neue Schloss Marienburg GmbH der Unternehmer Carl Graf von Hardenberg und Nicolaus von Schöning übergeben, nach Informationen der HAZ für 166  000 Euro. Die erfahrenen Hoteliers hatten offenbar auch geplant, 33 Hektar Forst in der Umgebung der Burg für 330 000 Euro zu kaufen – ein Zeichen für nachhaltiges Interesse an dem Ort. Inzwischen reagiert eine Mitarbeiterin schmallippig auf Anfragen: „Zu Angelegenheiten, die die Marienburg betreffen, äußern wir uns derzeit nicht.“

Von Simon Benne, Marco Seng und Hendrik Brandt/HAZ/RND