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Welt „Ich bin nur einer Freundin zuliebe zur ersten Therapie gegangen“
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15:45 05.10.2018
Nova Meierhenrich. Quelle: Katrin Soening

Frau Meierhenrich, warum haben Sie ein Buch über die Depression und den Freitod Ihres Vaters geschrieben – und sich so dem Schmerz darüber erneut ausgesetzt?

Unfreiwillig war ich dem Thema jahrelang ausgesetzt: Es gab viele Berichte, die ohne Zutun oder Zustimmung unserer Familie in Medien veröffentlicht wurden. Nach und nach entstand bei mir der Gedanke, dass diese erzwungene Auseinandersetzung, der Schmerz und die Kraftanstrengung meiner ganzen Familie wenigstens zu etwas gut sein sollten: zu einem Buch, das Menschen in ähnlicher Situation hoffentlich helfen kann. Ich selber hätte mir solch ein Buch damals – mein Vater wählte 2011, nach einer langjährigen Depression, den Freitod - gewünscht.

Haben Sie sich damals allein gelassen gefühlt?

Unsere ganze Familie hat sich allein gelassen gefühlt. Vor rund 20 Jahren, als mein Vater krank wurde, waren Depression und Suizid noch viel stärker tabuisiert als heute. Und es gab kaum Anlaufstellen und Hilfe, die Angehörigen Halt gegeben haben. Oder die uns erklären konnten, wie wir uns selber schützen.

Aber da hat sich in den vergangenen Jahren doch manches verändert ...

Zum Glück, dennoch ist noch immer Aufklärungsarbeit nötig. Viele Menschen wissen einfach zu wenig über Depression. Sie stellen sich vor, dass es mit Schwäche zu tun hat, dass der Kranke sich einfach nicht genug zusammenreißt, dass er beruflich nicht belastbar ist. Zugleich herrscht eine große Angst vor der Krankheit.

Sie schildern in Ihrem Buch, dass Sie selber unter einer Co-Depressionen litten. Was ist das genau?

Durch die enge Bindung zu dem Depressiven besteht die Gefahr, dass die Bezugsperson dieselbe Krankheit ausbildet. Bei mir war das so: Ich habe in den letzten Jahren mein fast gesamtes Leben mehr und mehr nach der Krankheit meines Vaters ausgerichtet, war in einem permanenten Hilfemodus. Hatte er einen guten Tag, hatte auch ich einen guten Tag. Hatte er einen schlechten Tag, ging es auch mir schlecht. Das kann sich, wenn man sich nicht zu schützen weiß, zu einer richtigen Depression auswachsen.

Wie verlief das bei Ihnen?

Ich bin da hereingeschlittert. Nach außen hin habe ich mir nichts anmerken lassen. Doch ich habe mich privat immer mehr zurückgezogen und mir lange eingeredet: Ich muss mich um meinen Vater kümmern, und ich habe im Beruf viel um die Ohren – das ist doch normal, wenn ich abends nur noch auf dem Sofa sitze und die Wand anstarre. Den Gedanken, selber krank zu sein, habe ich lange nicht an mich herangelassen.

Wie sind Sie aus dieser Phase herausgekommen?

Dank einer guten Freundin. Sie hat mich immer wieder darauf angesprochen, dass das nicht in Ordnung sei und ich mir Hilfe holen müsste. Eigentlich bin ich nur ihr zuliebe zu meiner ersten Therapiestunde gegangen. Ich habe überhaupt nicht erwartet, dass ich das wirklich nötig habe – geschweige denn, dass mir ein Gespräch mit einem fremden Menschen helfen könnte.

Therapeuten plädieren dafür, dass wir offen mit Depression und Suizid umgehen. Sie auch?

Absolut, sonst hätte ich dieses Buch auch nicht geschrieben. Aber man sollte depressive Menschen auch nicht unter Druck setzen. Wenn ich den Eindruck habe, dass in meiner Umgebung jemand gefährdet ist, kann ich sagen: Ich weiß, wie du dich gerade fühlst, ich bin für dich da, du kannst mich jederzeit anrufen.

Das Gesprächsbedürfnis ist meist auch bei denjenigen groß, die einen Menschen verloren haben.

Ja, da kommen schließlich so viele Gefühle hoch: Trauer, Wut und Verzweiflung. Mein Buch heißt „Wenn Liebe nicht reicht“ – ich finde es besonders tragisch, dass man selbst mit ganz viel Liebe einen Menschen nicht halten kann. Und dann ist da auch noch das Gefühl von Schuld. Immer wieder kommt zwischendurch die Frage hoch: Hätte ich doch helfen können? Hätte ich etwas anders machen sollen? Dieses Schuldgefühl lässt einen nicht los.

Was ist das Wichtigste, das Sie Menschen mit depressiven Angehörigen vermitteln möchten?

Holt euch Hilfe! Man muss das nicht allein durchstehen. Und man muss sich keine Sekunde lang dafür schämen, dass man es nicht alleine schafft.

Am 5. Oktober erscheint: Nova Meierhenrich: „Wenn Liebe nicht reicht. Wie die Depression mir den Vater stahl“. Edel Books. 224 Seiten, 17,95 Euro

Von Martina Sulner/RND

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