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Welt Neuro-Enhancer: Auf dem Weg zum optimierten Hirn
Mehr Welt Neuro-Enhancer: Auf dem Weg zum optimierten Hirn
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11:00 01.12.2018
Kann es ein perfektes Mittel zur Steigerung der Hirnfunktion geben, und wenn ja, sollte man es nutzen? Quelle: iStockphoto
Hannover

Für immer schlau? In jeder Sekunde des Ausbildungs-, Studien-, Berufs- und Familienlebens hellwach, gelassen und stark sein? Das muss doch irgendwie gehen! Wer vorankommen will im Leben, der muss das eigene Gehirn ständig auf Hochtouren laufen lassen, glauben immer mehr Menschen – und weil das von alleine nicht geht, setzen sie massenhaft auf Gehirndoping.

Einer Studie zufolge, die im August in der Fachzeitschrift „Journal of Drug Policy“ erschien, ist der Verbrauch leistungssteigender Medikamente in den letzten Jahren vor allem in Europa deutlich gestiegen. 12,4 Prozent der Belgier schluckten im Jahr 2017 „Brain Power“-Pillen, zwei Jahre zuvor waren es nur 3,6 Prozent; in Frankreich kletterte die Zahl im gleichen Zeitraum von 0,6 auf 4,6 Prozent, in Großbritannien von 1,7 auf 5,1 Prozent. Und in Deutschland hat sich der Anteil der Leistungsgetriebenen immerhin von 1,5 auf 3 Prozent verdoppelt.

Unter Studenten ist die Quote besonders hoch: In einer Umfrage der Wilhelmshavener Jade-Hochschule vom April 2017 gaben 23 Prozent der Studenten an, im Klausurstress „Neuro-Enhancer” zu nehmen, um effektiver zu lernen. Viele zahlen einen hohen Preis dafür.

Massive Nebenwirkungen

Denn die meisten Medikamente haben massive Nebenwirkungen. So verheißt der Beipackzettel von Ritalin, einem Medikament, das beim Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom eingesetzt wird, mehr Wachheit und größere Konzentration, warnt aber auch vor Schlaflosigkeit und Kopfschmerzen. Modafinil, das vor allem bei Menschen mit Narkolepsie eingesetzt wird, kann Herzrhythmusstörungen, Angstzustände und heftige Hautreaktionen auslösen. Und der Wachmacher Amphetamin macht schnell süchtig.

Kann es also jemals ein perfektes Mittel zur Steigerung der Hirnfunktion geben, und wenn ja, sollte man es nutzen? „Ich glaube nicht, dass ein perfekter Neuro-Enhancer möglich ist“, sagt Sabine Müller, Leiterin der Arbeitsgruppe Neurophilosophie, Neuroethik und Medizinethik an der Berliner Charité. „Das Gehirn ist so stark vernetzt und komplex, dass man nicht selektiv in eine seiner Funktionen eingreifen kann, ohne dabei auch andere Funktionen zu beeinflussen.“

Gefahr einer Suchtentwicklung

Gerade Medikamente, die wie Amphetamine den Dopaminhaushalt verändern, bergen immer die Gefahr einer Suchtentwicklung, denn Dopamin ist auch der Botenstoff des Belohnungssystems. Den heiligen Gral der Psychiatrie, eine nebenwirkungsfreie Leistungssteigerung, haben Chemiker und Pharmazeuten bislang jedenfalls noch nicht gefunden. Müller plädiert deshalb dafür, dass alle leistungssteigernden Medikamente staatlich reguliert bleiben sollten, so wie die heute verfügbaren Medikamente auch.

Andere Bioethiker sehen das Neuro-Enhancement deutlich rosiger. „Es gibt keinen prinzipiellen Grund, warum Neuro-Enhancer immer starke Nebenwirkungen haben sollten“, sagt etwa Marcello Ienca vom Labor für Medizinethik und Gesundheitspolitik an der Eidgenössischen Technischen Hochschule (ETH) Zürich. „Wenn man sich die Entwicklung der Medizin anschaut, ist es plausibel anzunehmen, dass ein perfekter Neuro-Enhancer einmal verfügbar sein wird.” Der Weg dahin müsse aber nicht unbedingt über die Pharmakologie führen.

„Im besten Fall können wir uns schon bald mit einer künstlichen Intelligenz vernetzen“: Elon Musk will einen Breitbandanschluss ans Gehirn entwickeln. Quelle: Richard Drew/AP

Hoffnung machen den Befürwortern etwa Technologien wie die transkranielle Magnetstimulation (TMS). Dabei wird die Hirnrinde durch die Schädeldecke hindurch mit starken magnetischen Feldern stimuliert. Tatsächlich sei TMS „sehr vielversprechend“, schließt etwa eine Übersichtsstudie im Journal „NeuroImage“ aus dem Jahr 2014.

Nebenwirkungen konnten bisher nicht beobachtet werden. Allerdings geben die Studienautoren zu bedenken, dass „jede Intervention im Gehirn zu langfristigen und breiten Veränderungen in der Physiologie führen könnte“. Nur lang angelegte, über viele Jahre durchgeführte Untersuchungen könnten diese Frage letztlich klären.

Noch futuristischer sind die Pläne von Elon Musk, dem Gründer des Elektroautoherstellers Tesla und des Raumfahrtunternehmens SpaceX. Mit seiner Firma Neuralink will Musk einen Breitbandanschluss ans Gehirn entwickeln, über den der Mensch sich direkt mit einem Computer verbinden kann. Seit zwei Jahren arbeiten Ingenieure und Forscher an diesem Link.

Unfairer Vorteil für Reiche

„Im besten Fall können wir uns schon bald mit einer künstlichen Intelligenz vernetzen“, sagte Musk kürzlich in einem Interview mit dem amerikanischen Youtube-Star Joe Rogan. Nur so hätten wir in Zukunft eine Chance, mit der Entwicklung der künstlichen Intelligenz mitzuhalten. In ein paar Monaten soll ein erster Prototyp vorgestellt werden.

Aber einmal angenommen, der perfekte Neuro-Enhancer, ob Pille oder Hirnschnittstelle, würde bald Realität. Wäre es dann auch richtig, die geistige Leistung damit zu steigern? Schließlich hätten Einzelne dann womöglich einen unfairen Vorteil gegenüber anderen, die sich Technologien nicht leisten können.

Zumindest im Gaming-Sport scheint die Frage schon heute entschieden: Bei der E-Sport-Liga ESL zum Beispiel sind Neuro-Enhancer jeglicher Art verboten. Seit 2015 werden sogar Hirndopingtests durchgeführt.

„Team Secret“ jubelt über den Sieg beim „Dota 2“-Turnier bei der „ESL One Hamburg 2018“. Bei der E-Sport-Liga ESL sind Neuro-Enhancer jeglicher Art verboten, es werden sogar Hirndopingtests durchgeführt. Quelle: Daniel Reinhardt/dpa

Zwar ist auch der Alltag oft eine Art Wettkampf — um die Karriere, ein besseres Gehalt oder den potenziellen Partner. In dieser Arena aber werden Formen des Hirndopings von jeher genutzt: Wer gesund isst oder regelmäßig Kaffee trinkt, dessen Leistung ist auch höher, ohne dass man ihm faules Spiel vorwirft. „Jeder Mensch sollte frei entscheiden, ob und wie er sein Gehirn verbessert“, findet Ienca deshalb.

Wichtig sei nur, dass sich die Menschen sowohl der Wirkungen als auch der Risiken bewusst sind. Wie frei aber wäre die Entscheidung noch, wenn Menschen, die sich dagegen entscheiden, deutlich hinter andere zurückfallen? In dieser Frage sind die Forscher Müller und Ienca ausnahmsweise einig: Ein perfekter Neuro-Enhancer könnte die Gesellschaft letztlich sogar gerechter machen.

Ein optimierter und staatlich subventionierter Neuro-Enhancer könne soziale Unterschiede ausgleichen, selbst wenn alle Menschen ihn nutzten. Schließlich: Was sei schon gerecht, wenn das Schicksal eines Menschen von seinen angeborenen geistigen Kapazitäten bestimmt wird? Oder chronischem Schlafmangel?

Von Christian Honey

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