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Welt Nervt Sie der Grüffelo manchmal, Axel Scheffler?
Mehr Welt Nervt Sie der Grüffelo manchmal, Axel Scheffler?
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10:00 01.12.2018
Schöpfer erfolgreicher Kinderbücher: Illustrator Axel Scheffler im Gespräch über seinen Werdegang, die Beziehung zum Grüffelo, und was der Brexit für ihn als Wahl-Londoner bedeutet. Quelle: Agnieszka Krus

Ich mag es kaum sagen, aber wenn man Ihren Namen bei Google eingibt, dann taucht – zumindest im deutschen Web – ziemlich schnell der Begriff Grüffelo-Vater auf.

Ich habe das schon öfter gehört, kann mich aber nicht wirklich damit identifizieren. Besonders, wenn dann Julia Donaldson die Mutter ist, dann mag ich mir das nicht vorstellen (lacht). Wir sind ja nicht privat verbandelt oder so. Ich kann damit leben, aber ich hätte den Begriff so nicht ausgesucht.

Auf Ihrer Website ist eine ganz interessante Skizze zu dem Thema: Sie im Kampf mit Ihrer prominentesten Figur. Nervt Sie der Grüffelo manchmal?

Ich hatte, als ich an dem Buch gearbeitet habe, tatsächlich große Schwierigkeiten. Es fiel mir nicht besonders leicht, das Buch zu zeichnen. Damals habe ich mir mit Rotraut Susanne Berner (Illustratorin der Wimmelbücher, Anm. d. Red.) fast täglich Faxe geschickt. Darin haben wir uns immer über unseren täglichen Kampf als Illustratoren ausgetauscht. Da war mein Kampf mit dem Grüffelo eben auch ein Thema. Ich habe das so wie auf meiner Website zu Papier gebracht.

Der Grüffelo kommt auf den ersten Blick auch etwas gruselig daher. Was glauben Sie, wie viel „Böses“ verträgt ein Kind?

Der Grüffelo ist ja nicht wirklich böse, sondern nur sehr hungrig. Eigentlich will er nur die Maus essen. Und in der Natur ist es einfach so, dass große gefährliche Tiere kleine Tiere verspeisen. Meine Erfahrung ist, dass die meisten Kinder es sogar ein bisschen spannend finden, wenn sich ein wenig Angst aufbaut. Natürlich darf sie nicht zu groß werden. Im Idealfall schauen sich Kinder Bilderbücher mit ihren Eltern an, sodass es am Ende hoffentlich nicht zu traumatisch wird.

Gibt es Momente, in denen Sie keine Lust mehr auf Kinderbücher haben? Sie haben ja inzwischen weit über hundert illustriert.

Klar. Wie in jedem Beruf, den man 30 Jahre lang gemacht hat, gibt es die Momente, in denen man sich langweilt oder in denen etwas nicht so klappt und man genervt ist. Aber am Ende ist es eine schöne Tätigkeit. Vor allem wenn man wieder reinkommt, dann macht es Spaß zu zeichnen. Und gerade bei Julia Donaldson sind die Themen immer wieder völlig neu, sodass man permanent eine Herausforderung hat.

Auch wenn Ihre Figuren mitunter ein kleines bisschen böse daherkommen, so sind Ihre Illustrationen am Ende immer sehr liebevoll. Welche Botschaft wollen Sie denn vermitteln?

Stimmt. So der ganz böse Illustrator bin ich nicht. Vielmehr sollte eine gewisse Ironie in den Bildern sein und eine leicht humoristische Auffassung durchschimmern. Auch die Eltern sollen schließlich etwas davon haben. Das höre ich immer wieder, dass Eltern Spaß dran haben, die Sachen anzuschauen. Es sollte nicht immer nur lieb und niedlich sein. Es braucht auch etwas Hintergründiges. Ich möchte ja auch unterhalten. Die Message wird eher in Julias Texten transportiert. Ich mag es sehr gern, dass sie nicht gleich mit dem Holzhammer um die Ecke kommt, sondern ihre Botschaften – etwa, dass man hilfsbereit sein sollte, wenn jemand in Not ist – dezent vermittelt.

Kommt Ihnen denn immer sofort eine Idee, wenn Sie die Texte von Julia Donaldson vorgelegt bekommen?

Die Ideen kommen immer relativ schnell. Ich muss mir zuerst überlegen, wie die Hauptfigur aussehen soll, und mache dazu Skizzen. Und es ist auch ein bisschen Teamwork mit der Lektorin und der Designerin gefragt, die auch Vorstellungen davon haben, was in dem Buch zu sehen sein soll. Dann fange ich an zu skizzieren. Julia Donaldson bekommt die Zeichnungen vor der Veröffentlichung natürlich auch noch mal zu sehen.

Sind sie sehr kritisch miteinander?

(überlegt) Die Damen haben häufig sehr starke Vorstellungen davon, wie es sein soll. Und da ich nicht sehr streitlustig bin, mach ich es dann häufig so, wie sie es sich wünschen.

Live-Zeichnen vor vielen kleinen Fans: Axel Scheffler bei einer Aktion im Wilhelm-Busch-Museum in Hannover. Quelle: Nancy Heusel

Wird das Kinderbuch im digitalen Zeitalter weiterhin Bestand haben?

Das hoffe ich doch. Also im Moment sind die Zahlen zumindest in Großbritannien so, dass der Kinderbuchmarkt wächst. Und ich hoffe sehr, dass das Bilderbuch überleben wird. Das Geschichtenerzählen wird natürlich andere Formen annehmen. Es wird sich nicht vermeiden lassen, dass die Leute Geschichten auf Bildschirmen lesen, aber das ersetzt nicht das gemeinsame Lesen von Eltern und Kindern. Ich denke, dass viele, die das als Kind erfahren haben, es auch so weitertragen und nicht einfach nur ihren Kindern ein Smartphone in die Hand drücken. Also kurzum: Ich habe da nicht so große Sorgen.

Sie haben eine elfjährige Tochter. Wie gehen Sie als Vater mit dem Thema digitale Medien um?

Also unsere Tochter hat noch kein Smartphone, guckt aber Sachen auf dem Computer und im Internet. Da wir in England wohnen, sind auch deutsche Sendungen darunter, so etwas wie „Pur+“ auf Kika. Leider ist sie keine Leserin, aber andererseits lesen wir viel gemeinsam. Ich lese nach wie vor jeden Abend vor. Das ist eine wunderbare Erfahrung.

Ziehen Sie Ihre Tochter als Kritikerin für Ihre Illustrationen heran?

Nicht direkt. Irgendwann habe ich mal eine Maus gezeichnet, bei der ich den Schwanz vergessen hatte. Darauf hat sie mich aufmerksam gemacht. Aber es ist nicht so, dass ich ihr meine Skizzen vorlege. Sie hat da sonst eigentlich keinen Einfluss drauf, und sie zeigt auch kein besonderes Interesse an meiner Arbeit. Meine Arbeit hat sich nicht groß verändert, seitdem ich Vater bin.

Hat Ihre Tochter Ihr Talent geerbt?

Ja, sie zeichnet auch gern und, wie ich finde, auch sehr gut.

Wie kann man Sie sich als Vater vorstellen? Sind Sie streng?

Ich würde eher sagen, dass sie eine strenge Tochter ist (lacht). Sie hat die Autorität. Sie ist oft von mir genervt. Aber ich glaube, alle Väter nerven. Das ist vielleicht auch ihre Aufgabe.

Wann war der Moment, in dem Sie Kinderbuchillustration als Ihre Nische entdeckt haben? Ursprünglich wollten Sie ja Pädagoge werden.

Ich habe mich einfach so aus Ratlosigkeit mal für ein Studium der Kunsterziehung beworben. Ich wollte was mit Kunst machen, und dann habe ich an Lehramt gedacht. Da wurde ich allerdings abgelehnt und habe mich für Kunstgeschichte eingeschrieben, musste aber schnell feststellen, dass ich kein Akademiker bin. Gezeichnet und mir Kinderbücher angeschaut habe ich immer gern. Aber auch für so kritische Zeichnungen und Cartoons wie bei Wilhelm Busch oder Jean-Jacques Sempé und Tomi Ungerer, die mich beeinflusst haben, habe ich etwa übrig. Damals dachte ich mir, ich probiere das mal, und bin nach England gegangen. Dort habe ich die Illustration zu meinem Beruf gemacht.

Und doch noch studiert.

Ja, ich war auf einer Kunstschule, habe dort aber nicht besonders viel gelernt. Die Lehrer haben mir nicht viel beigebracht. Aber es war einfach gut, drei Jahre zu zeichnen und zu wissen, dass Illustration mein Metier ist und dass man davon leben kann.

Eltern kommen ja an dieser Stelle oft mit der Furcht vor der brotlosen Kunst um die Ecke.

Genau. Mein Vater hat damals allerdings gedacht, Hauptsache, er macht irgendetwas, was ihm Spaß macht. Ich habe natürlich großes Glück gehabt, dass ich von meiner Arbeit gut leben kann. Viele Kollegen können das nicht.

Dafür ist ja sicher auch der Grüffelo verantwortlich, der Sie Ihr Leben lang verfolgen wird.

Ja, genau. Der hat mich in andere Regionen katapultiert.

Mit EU-Maus: Kaum mehr als zwei Minuten hat Axel Scheffler für diese Skizze gebraucht. Quelle: Scheffler

Sie sagen von sich, dass Sie ein eher pessimistischer und ängstlicher Mensch sind, gerade auch was die Zukunft der Menschheit anbelangt – der Brexit hat Ihnen die Ängste sicher nicht genommen?

Es weiß ja momentan keiner wirklich, was passieren wird. Es ist eine Riesenkrise und ein Chaos.

Was glauben Sie, wie sich diese Krise für Sie persönlich entwickeln wird?

Wir lassen es auf uns zukommen. Eigentlich würde ich gern in Großbritannien bleiben. Sicher bin ich nicht jemand, den sie dort als Erstes ausweisen würden. Aber es kommt auch ein bisschen darauf an, wie es sich auf unser alltägliches Leben auswirkt. Muss man dann jedes Mal, wenn man in die EU reist, drei Stunden Schlange stehen oder schlimmstenfalls gar Visa beantragen? Oder wird alles so bleiben, wie es ist? Die ganze Sache ist so unmöglich in der Praxis umzusetzen, dass sie noch einen anderen Weg finden müssen. Vielleicht gibt es noch mal eine Abstimmung. Es ist wirklich offen im Moment.

Sie sagten auch, dass Sie sich nicht mehr wirklich willkommen in Ihrer Wahlheimat Großbritannien fühlen.

Nicht ich persönlich. Und ich weiß natürlich auch, dass meine Bücher in Großbritannien superbeliebt sind und alle sagen, dass ich einer von ihnen bin. Aber das Volk hat bestimmt, dass es die EU-Bürger eigentlich nicht will. Und dann wird es hoffentlich nicht irgendwann heißen, wir wollen eigentlich keine Ausländer hier haben, die unsere Bücher illustrieren.

Sie leben inzwischen 36 Jahre dort. Ist Großbritannien mehr zu Ihrer Heimat geworden als Deutschland?

Nein, ich habe eigentlich zwei Heimaten – aber ab kommendem Jahr ist es eben alles ungewiss. Und wenn es wirklich zum Austritt kommt, dann ist mein Recht, dort zu sein, nicht mehr da.

Wohin würde es Sie denn ziehen, wenn Sie England mit Ihrer Familie verlassen? Ihre Frau ist ja Französin.

Ich glaube, wir werden dann lange Gespräche führen müssen darüber, wohin wir wollen. Aber es gibt im Moment keine Pläne und keine Entscheidung. Die französische Zukunft ist ja auch nicht so rosig, wenn man sich vorstellt, dass Macron möglicherweise scheitert. Was passiert dann dort? Wenn da etwa der Rassemblement National von Ma­rine Le Pen an die Macht käme, dann will man da ja auch nicht wohnen.

Gibt es künstlerisch ein neues Projekt?

Ja, wieder mit Julia Donaldson. Da geht es um Außerirdische. Wir haben inzwischen alle Themen auf der Erde abgearbeitet, jetzt gehen wir ins Weltall. Ich weiß schon, wie die Figuren aussehen, und muss die Geschichte nun noch skizzieren. Bis Weihnachten muss alles fertig sein. Es gibt zwei Außerirdischenfamilien, die nichts miteinander zu tun haben wollen. So ein bisschen wie bei Romeo und Julia, aber durchaus auch etwas vom Brexit beeinflusst. Am Ende verlieben sich Janet und Bill, so heißen die zwei Hauptfiguren, ineinander. So viel kann ich schon verraten.

Was würden Sie zeichnen, wenn man Ihnen völlig freie Hand ließe?

Ich klage zwar immer darüber, dass ich stets das machen muss, was andere mir sagen, aber eine wirkliche Idee habe ich nicht.

Geschichten selbst zu schreiben ist ja angeblich auch nicht so Ihr Ding.

Ich habe es zwar einmal versucht mit einem Pixi-Buch, mehr ist daraus aber nicht geworden.

Wie gefallen Ihnen denn die deutschen Titel Ihrer Bücher?

Unterschiedlich, die deutsche Sprache ist manchmal etwas sperriger. „The Snail and the Whale“ und „Room on the Broom“ – das geht im Deutschen nicht. Ich finde auch die Übersetzungen unterschiedlich gelungen.

Sie sollen sehr kritisch mit sich und der Welt sein. Gilt das auch für Ihre Zeichnungen?

Ja, ich denke schon. Ich bin nie so richtig zufrieden.

Axel Scheffler Quelle: Agnieszka Krus

Zur Person: Axel Scheffler

Von Hamburg in die Weltme­tropole London: Der deutsche Illustrator Axel Scheffler wollte eigentlich Lehrer werden. Doch daraus wurde nichts. Stattdessen hat er sich auf das fokussiert, was er schon immer am liebsten mochte: das Zeichnen.

Mit dem „Grüffelo“ gelang dem inzwischen 60-Jährigen im Jahr 2002 der Durchbruch. Bis heute hat sich das Kinderbuch mehr als 10,5 Millionen Mal verkauft und wurde in über 40 Sprachen übersetzt. Scheffler und die britische Autorin Julia Donaldson, die die Geschichte zum Grüffelo geschrieben hat, gelten als kongeniales Duo.

Was die beiden anfassen, wird ziemlich sicher zum Erfolg. So verkaufte sich auch „Room on the Broom“ (zu Deutsch: „Für Hund und Katz ist auch noch Platz“) über eine Million mal. Der Stock Stockmann und der aufgeweckte Drache Zogg sind weitere beliebte Charaktere der zwei.

Scheffler lebt mit seiner Frau, einer Französin, und seiner elfjährigen Tochter im Londoner Nobelviertel Richmond. Dort befindet sich im Dachgeschoss seines Hauses auch sein Atelier.

Von Carolin Burchardt

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