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Welt Islamwissenschaftlerin warnt vor Judenhass
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06:30 09.11.2018
Die Islamwissenschaftlerin Lamya Kaddor ist Mitgründerin des Liberal-Islamischen Bunds. Quelle: epd

Frau Kaddor, wie kommt es, dass Sie sich als Muslimin gegen den Judenhass engagieren?

Ich verstehe mich zuallererst als Mensch. Wenn man wie ich Islamwissenschaft studiert, studiert man das Judentum ein Stück weit mit. In der Theologie und im Alltag stehen sich Muslime und Juden näher als Muslime und Christen. Mein Interesse fürs Judentum ist zwar schon älter, mein Engagement gegen Antisemitismus begann aber mit Aufflammen der Integrationsdebatten. Da lernte ich als in Deutschland geborene Tochter syrischer Einwanderer, dass Juden ähnliche Probleme mit Ausgrenzung haben. Antisemitismus ist die älteste und schlimmste Version von Menschenfeindlichkeit.

Sie kümmern sich in Ihren Projekten vor allem um Schulklassen. Warum?

Ich war lange Lehrerin. Was liegt da näher? In der Schule, manchmal schon im Kindergarten findet sich der Anfang dieses Fremdelns gegenüber anderen Kulturen. Deshalb sollte dort angesetzt werden.

Was ist mit den Lehrern selbst?

Das Thema Antisemitismus begeistert die Schülerschaft nicht gerade. Und wenn wir ehrlich sind: Die wenigsten Lehrer gehen über den Holocaust hinaus. Kinder und Jugendliche erfahren alles über die Vernichtungsgeschichte und nahezu nichts über jüdisches Leben oder über religiöse Überschneidungen. Das ist aber wichtig, um die eigenen Werte an denen anderer Kulturen oder Religionen abgleichen zu können.

Antisemitismus ist nicht nur vergangenheitsfixiert, oder?

Der Nahost-Konflikt macht Debatten im Klassenzimmer, gerade dort, wo mindestens die Hälfte der Schüler einen muslimischen Hintergrund hat, sehr schwer. Lehrer, die das nicht im Blick haben, machen die Erfahrung, dass sie am Ende die Dummen sind. Sie wissen häufig zu wenig über den Konflikt, machen etwa den Fehler, Juden und Israel gleichzusetzen. Aber man kann nicht alle Juden außerhalb und innerhalb Israels für die Politik einer Regierung verantwortlich machen. Zwar verteidigen fast alle das Land, obwohl sie an der einen oder anderen Stelle völlig anders als die Regierenden denken, aber das hat damit zu tun, das Israel im Fall der Fälle einen Fluchtort darstellt.

Verbreiten vor allem Einwanderer den Antisemitismus in Deutschland?

Wir dürfen das Problem nicht klein reden, auch wenn es in der Bundesrepublik seit Jahrzehnten einen hartnäckigen und aggressiven Antisemitismus gibt. Viele Einwanderer kommen aus Ländern, in denen Antisemitismus kaschiert als angebliche Israelkritik so eine Art Staatsräson ist. Die treffen bei uns auf die zweite oder dritte Generation früherer Einwanderer mit einer eher diffusen Judenfeindlichkeit. Aktuell kommen dazu die Rechtspopulisten, die heute vieles aussprechen, was lange unsagbar war.

Woran denken Sie da?

Ich denke an den Vogelschiss-Vergleich von AfD-Chef Gauland oder die Bezeichnung des Holocaust-Mahnmals als Denkmal der Schande durch den Thüringer AfD-Chef Höcke. Einige Tabus müssen Tabus bleiben, damit Teile unserer Geschichte nicht relativiert werden können. Je mehr Grenzen eingerissen werden, desto mehr fühlen sich andere in ihrer Judenfeindlichkeit ermutigt und desto weniger wissen Pädagogen, wie sie in der Schule Kinder und Jugendliche gegen Rassismus und Antisemitismus wappnen können.

Was hilft dagegen?

Wir müssen uns mit solchen Denkweisen stärker auseinandersetzen, indem wir differenzieren und streiten. Demokratie darf nicht als etwas Beliebiges wahrgenommen werden, wie uns die Populisten weismachen wollen. Wir müssen unsere Verfassung ernst nehmen. Das bedeutet: Wer zu uns gehören will, muss sich damit beschäftigen und hinter diesen Werten stehen. Dabei geht es um mehr als Antisemitismus oder Islamfeindlichkeit.

Es geht um den Wandel der Gesellschaft generell?

Ja, die Gesellschaften verändern sich gegenwärtig überall sehr schnell. Die nächste Herausforderung des Wandels ist schon da: Gestern diskutierten wir noch über Patchwork-Familien. Heute zieht gegenüber das schwule oder lesbische Paar mit seinen Kindern ein.

Von Thoralf Cleven

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