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Welt Kardinal Marx bittet um Entschuldigung für das Versagen der Kirche
Mehr Welt Kardinal Marx bittet um Entschuldigung für das Versagen der Kirche
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16:22 25.09.2018
Beim Eröffnungsgottesdienst der deutschen Bischofskonferenz in Fulda. Wichtigster Tagesordnungspunkt ist die Studie über sexuellen Missbrauch in der Katholischen Kirche. Quelle: dpa
Frankfurt

Der Vorsitzende der katholischen Deutschen Bischofskonferenz, Reinhard Marx, hat die Opfer des massenhaften sexuellen Missbrauchs unter dem Dach der Kirche in aller Form um Entschuldigung gebeten. „Allzulange ist in der Kirche Missbrauch geleugnet, weggeschaut und vertuscht worden. Für dieses Versagen und für allen Schmerz bitte ich um Entschuldigung“, erklärte Marx am Dienstag in Fulda bei der Vorstellung einer Studie, die den sexuellen Missbrauch von Kindern und Jugendlichen durch katholische Kleriker in den vergangenen Jahrzehnten umfangreich dokumentiert.

Marx fügte an: „Ich schäme mich für das Vertrauen, das zerstört wurde; für die Verbrechen, die Menschen durch Amtspersonen der Kirche angetan wurden; und ich empfinde Scham für das Wegschauen von vielen, die nicht wahrhaben wollten, was geschehen ist und die sich nicht um die Opfer gesorgt haben.“ Das gelte auch für ihn selbst. „Wir haben den Opfern nicht zugehört. All das darf nicht folgenlos bleiben.“ Er konstatierte: „Viele Menschen glauben uns nicht mehr. Und ich habe dafür Verständnis.“

Beratungen über mögliche Strukturänderungen

Marx hatte am Montag in diesem Zusammenhang angedeutet, dass die Bischöfe im Laufe der Woche bei ihrer Herbst-Vollversammlung in Fulda auch über mögliche Strukturänderungen in der Kirche beraten wollten. Er sprach von „einem Wendepunkt für die katholische Kirche in Deutschland - und nicht nur in Deutschland“.

Die Studie ergab unter anderem, dass zwischen 1946 und 2014 mindestens 1670 katholische Kleriker 3677 Minderjährige missbraucht haben sollen. Marx erklärte dazu: „Die Auseinandersetzung mit den Ereignissen und den Konsequenzen ist damit nicht abgeschlossen, sondern beginnt jetzt.“

Forderungen nach tiefgreifenden Veränderungen

Die ehemalige Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) sagte bereits vor der offiziellen Veröffentlichung: „Die Bedingungen für den Machtmissbrauch, für den Gewissensmissbrauch, dürfen nicht so gut sein, wie sie anscheinend bislang waren.“

Der Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung, Johannes-Wilhelm Rörig, forderte, Kirche und Staat müssten bei der weiteren Aufarbeitung zusammenarbeiten. Der Sozialpsychologe Heiner Keupp sagte, wenn die Kirche jetzt nicht ganz andere Wege einschlage, habe sie „sich selber ein Grab geschaufelt“.

Schavan sagte im RBB-Hörfunk, es brauche „tiefgreifende Veränderungen, die das Klima in der Kirche anders werden lassen als es in der Vergangenheit war“. Die Fälle von sexueller Gewalt in der katholischen Kirche seien ein schwerwiegender Vertrauensbruch. Bei der Aufklärung habe die Kirche zu stark ihren eigenen Schutz und nicht den der Opfer in den Vordergrund gestellt, sagte die CDU-Politikerin, die bis 2008 dem Zentralkomitee der Deutschen Katholiken angehörte.

Der Missbrauchsbeauftragte Rörig zeigte sich zutiefst erschüttert über die Ergebnisse der Studie. Wenn man weiteren Streit, Schaden und Leid für die Betroffenen verhindern wolle, müssten gemeinsame Wege zwischen Staat und Kirche für die Aufarbeitung gefunden werden, sagte er im SWR. Auch Externe sollten einbezogen werden.

Auch Protestanten wollen Aufarbeitung

Die evangelische Kirche zeigte sich offen für die von Rörig geforderte unabhängige Aufarbeitung über Fälle in den Kirchen. „Richtig an dem Vorschlag ist der Ansatz, dass eine sachgemäße Aufarbeitung sexuellen Missbrauchs nicht durch die betroffenen Institutionen allein erfolgen kann“, sagte der Bevollmächtigte der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) in Berlin, Martin Dutzmann, dem Evangelischen Pressedienst.

Keupp, der Mitglied der unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs ist, sagte im SWR, die katholische Kirche stehe am Abgrund. Bisher fehle es an Respekt und Anerkennung für die Betroffenen. „Viele Opfer fühlen sich, wenn sie überhaupt an die Kirche herantreten, wie Bittsteller und werden oft auch genau so behandelt“, sagte der Sozialpsychologe.

Der Mitbegründer der katholischen Laienorganisation „Wir sind Kirche“, Christian Weisner, forderte staatliche Behörden auf, mehr gegen sexualisierte Gewalt hinter Kirchenmauern zu unternehmen. Die Missbrauchsstudie zeige nur die „Spitze des Eisberges“, da nicht alle 27 Bistümer ihre Archive geöffnet hätten, sagte Weisner dem Radiosender Bayern 2.

Kriminologen sehen Studie skeptisch

Der Kriminologe Christian Pfeiffer kritisierte die Missbrauchsstudie scharf und sprach von einer „organisierten Verantwortungslosigkeit“. Zwar sei die Erhebung vorbildlich und exzellent aufgearbeitet, sagte er der „Passauer Neuen Presse“. Doch das Entscheidende fehle: „Wir wissen nicht, wer die Verantwortlichen sind“.

Wenn die Kirche das Vertrauen der Gläubigen zurückgewinnen wolle, müsse sie statt bloßer „verbaler Erschütterungsrhetorik“ offenlegen, wo sie Fehler begangen hat und personelle Konsequenzen ziehen, betonte der Wissenschaftler. Eine ähnliche Haltung vertreten auch Opfervertreter.

Von RND/epd