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11:37 19.03.2015
Von Imre Grimm

Die Zukunft des Fernsehens beginnt in einem alten Teppichmarkt in Köln-Ehrenfeld. Oder zumindest die Zukunft des ZDF. Jedenfalls ganz sicher die Zukunft von Jan Böhmermann (33), von Beruf Hoffnungsträger, Nerd, Entertainer, Aufreger.

Eine 3000-Quadratmeter-Halle. Gestühl für 200 Zuschauer. Ein Tisch, ein Stehpult für Sidekick und Pulloverfetischist William Cohn. Ein Schlagzeug unter Plastikplanen, junge, coole Fernsehtypen. Es riecht nach Sägemehl und Farbe. Gleich wird der Studiofußboden gegossen, ein pechschwarzer „shiny floor“, auch so ein Fernsehzauberwort. Es steht für Glamour, Witz, Anarchie, große Bühne, große Geige. Die Farbe muss vier Tage trocknen. Noch sechs Tage bis zur Premiere von „NeoMagazin Royale“, der XXL-Ausgabe von Böhmermanns „NeoMagazin“, in dem er seit 2013 als Ein-Mann-Sittenpolizei im Spartensender ZDFneo der Welt ihre Schlechtigkeit nicht durchgehen lässt. ZDF-Programmchef Norbert Himmler (44) hat sich schon Joko und Klaas von Pro7 wegschnappen lassen. Auch darum darf Böhmermann jetzt ins Hauptprogramm. 34 Folgen sind bestellt, eine Showband gab’ s obendrauf: Rapper Dendemann wird sie leiten.

„Tja“, sagt Böhmermann - „Band, Schreibtisch, Bühne, tagesaktuelle Comedy: Offensichtlich haben wir versehentlich eine Late-Night-Show geplant.“ Im Kapuzenpulli sieht er aus wie ein Irgendwas-mit-Medien-Student. Sie tragen während der Sendung alle schwarz, auch die Kameraleute, aus „Respekt vor dem Medium“. Das klingt ein bisschen albern, aber bei den Jungs von der bildundtonfabrik ist das okay, der Produktionsfirma um Böhmermanns Vertrauten Philipp Käßbohrer (31), die aus einer Clique von Medienstudenten hervorging und die eine quasifamiliäre Omertà, Verschworenheit, umgibt. Das Ziel ist, ab Sommer „live on tape“ zu drehen - also in einem Guss, ohne Schnitte.

Herr Böhmermann, Sie verlassen die lauschige Nische und stellen sich dem Mainstream. Nervös?
Es gibt ja diesen Harald-Schmidt-Nimbus, die Annahme also, dass niemand eine Late-Night-Show machen kann wie Schmidt außer Schmidt. Und ich glaube, das stimmt auch. Aber es kann auch niemand eine Late-Night-Show machen wie Stefan Raab außer Raab. Und keiner kann das machen, was ich mache, außer mir selbst - wie auch immer man das auch findet, was ich mache.

Wie hoch schätzen Sie die Ironiefähigkeit von ZDF-Zuschauern um Mitternacht ein? Möglicherweise hat Ihr neues Publikum nicht jeden Twitter-Hype mitgekriegt.
Niemand verlangt von uns, dass wir uns ändern. Den Sendeplatz empfinde ich als Auftrag, so weiterzumachen wie bisher. Es geht ja nicht um Anpassung oder Verjüngung. Es geht darum, auch im ZDF Dinge abzubilden, die es in der Welt nun mal gibt. Das ist nicht nur der Sender von Helene Fischer, sondern auch von Außenseiterfreaks wie uns. Ist doch schön, wenn beides parallel Platz hat. Wenn das Ding hier einigermaßen läuft, bin ich schon relativ nah am vollkommenen Glück.

Ernst? Oder Ironie? Böhmermann ist der Gerhard Richter in der Kunst der Uneigentlichkeit, eine Art lebendes Zwinker-Smiley. „Es hat etwas Befreiendes, sich auf eine uneigentliche Position zurückzuziehen“, sagt er. Der Bremer, 1981 geboren, ist bisher gut gefahren mit diesem Schutzmantel. Die Schule war nicht lustig. „Ich war ein richtiger Nerd“, sagt er. „Ich hab schon als Kind alle mit meinem Performance-Zwang genervt. Diesen Beruf wählt man ja nicht. Er findet einen, das ist eine Zwangsläufigkeit. Entweder man wird Entertainer, oder man macht beruflich etwas völlig Unauffälliges und implodiert privat.“ 17 Jahre alt war er, als sein Vater, ein Polizist, an Leukämie starb.

Böhmermann schrieb für die Lokalzeitung, studierte kurz und halbherzig Medienkram in Köln und wollte dann Schauspieler werden. Aber dann fuhr er nach Hannover zu seinem vierten Vorsprechen. „Und dann standen da diese 19-Jährigen mit Säbeln an der Seite und Federn im Haar, die alle in der Theater-AG zehn Jahre auf diesen Tag hingearbeitet hatten. Ich bin dann doch nicht reingegangen.“ Für 1Live erfand er die Podolski-Parodie „Lukas’ Tagebuch“, in der er den Satz „Fußball ist wie Schach - nur ohne Würfel!“ prägte, den schon viele Podolski zuschrieben. Das brachte ihm neben einer Klage mittelfristig einen Job beim großen Meister ein. In den drei „unpädagogischen, sehr lehrreichen“ Jahren bei der „Harald Schmidt Show“ wurde er zur Feuilletonvariante von Oliver Pocher - schmerzfrei und dickfellig, aber deutlich klüger, böser und lustiger. Er kämpft gegen Campino, gegen Pegida, gegen Kai Diekmann, gegen die Ignoranz. Böhmermann gegen den Rest der Welt.

In einem lustigen Film haben Sie Sami Slimani erschossen, den nervigen Youtube-Star und Kleinemädchenhelden, der mit Kalendersprüchen und Schmalz viel Geld verdient. Hat er das verdient?
Wir haben uns in der Redaktion zwei Jahre lang lustig gemacht und dann beschlossen: Wir behandeln Slimani jetzt mal nicht wie einen Youtube-Star, sondern wie jeden anderen Star auch. Und die Fans waren sofort auf 180, weil sie das Gefühl hatten, dass da jemand ihre Youtube-Welt betritt, der da nichts zu suchen hat.

Hassmails tragen Sie gern gerappt vor. Kann man aus Ablehnung Kunst machen?
Das Hauptfeedback ist nun mal Ablehnung. Es melden sich nur die Nörgler, diese Leserbriefschreiber kennt jeder in der Branche. Das war immer so: bei der Zeitung, beim Radio, beim Fernsehen. Aber eine Sache war mein ganzes Leben lang immer völlig klar: dass es mir egal ist, was andere von mir denken, solange ich mir selber nur fest genug einrede, dass ich weiß, wo oben und unten ist. Diese Gewissheit hat mich als kleiner Nerd vor dem Zusammenbruch bewahrt.

Und sie hat Ihnen den Ruf eingebracht, zynisch, arrogant, schnell, moralisch und lustig zu sein. Trifft irgendetwas davon zu?
Eigentlich treffen alle Schlagworte auf mich zu - aber auf jeden anderen auch.

Sie wirken, als ginge es Ihnen nicht bloß um den nächsten Gag, als würden Sie insgeheim doch die Welt retten wollen.
Ja. Bei mir ist schon viel dummer Idealismus im Spiel. Und eine gewisse Grundaggression und Angriffslust. Man muss offensiv sein. Das fiel mir anfangs schwer. Denn wer die große ZDF-Bühne betritt, wird auf großer ZDF-Bühne verhauen. Das ist halt so. Das ist meine Jobbeschreibung.

Aber das ZDF glaubt an Sie, oder? Sie haben immerhin einen Zweijahresvertrag.
Das Grundvertrauen ist da. Aber natürlich sagt jeder Sender auch mal: Mach das lieber nicht. Wer eine Sendung macht, kann nicht nur seine eigenen strategischen Ziele verfolgen. Man ist immer auch nützliches Werkzeug anderer Leute.

Langsame Gewöhnung am „Programmrand“ - es könnte das richtige Rezept sein, um das ZDF-Publikum und Böhmermann einander näherzubringen. Er soll zur Schnittstelle werden zwischen Wellness und Coolness. „Man kann sich nicht ewig mit dem Prädikat ,Nachwuchs‘ schmücken“, sagt der mehrfache Vater. Gerade hat er Streit mit dem Rapper Haftbefehl. Irgendwas ist immer. Immerhin: Seine Anzüge muss er nicht mehr selber mitbringen. Die kriegt er jetzt vom ZDF bezahlt.

„NeoMagazin Royale“ mit Jan Böhmermann. Erstausstrahlung donnerstags, 22.15 Uhr in ZDFneo, freitags um 24 Uhr im ZDF.

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