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Medien Warum digitale WM-Fernsehbilder verzögert zu sehen sind
Mehr Welt Medien Warum digitale WM-Fernsehbilder verzögert zu sehen sind
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20:23 06.07.2010
Geschmückte Satelliten-Antenne in Greifswald: Das Signal von den WM-Spielen kommt codiert an und muss dann wieder entschlüsselt werden. Quelle: dpa

„Ein schneller Pass auf Thomas Müller, Müller gerät ins Straucheln, er liegt am Boden, er schießt den Ball im Liegen zu Podolski, Podolski könnte schießen, aber er legt quer auf ...“ „Toooor!“ jubeln die Nachbarn im Garten gegenüber.

Tor? Wie, wo, was ...? „Toooor!“, jubeln auch wir, denn jetzt hat Miroslav Klose auch bei uns getroffen. 2:0 gegen Argentinien. Fünf Sekunden später.

Es ist neben den Vuvuzelas das zweite akustische Phänomen dieser Weltmeisterschaft: Nicht alle jubeln zur gleichen Zeit. Ausgerechnet die Zuschauer, die zur WM technisch aufgerüstet haben, die sich mit digitalem HD-Empfang oder Internet-TV an die Spitze der Entwicklung gesetzt zu haben glaubten, haben das Nachsehen: Sie jubeln mehrere Sekunden später als die Analog-Zuschauer. Das sorgt in manchen Wohngegenden für Jubel-Echos. Hoffst du noch, oder jubelst du schon? Der Grund ist technischer Natur: Im Gegensatz zum analogen Sendesignal kommen die technisch aufwendigen, digitalen Bilder aus Südafrika verspätet bei uns an.

Seit es Satelliten-TV gibt, gehört der verzögerte Empfang zum TV-Alltag. Das Bildsignal muss 36 000 Kilometer zum Satelliten zurücklegen – und wieder zurück. Das freilich dauert nur einen Sekundenbruchteil – und ist damit kaum wahrnehmbar. Anders beim neuen Digitalempfang: Für die gestochen scharfen WM-Bilder von Schweinsteiger & Co. muss das Signal des sogenannten „Basic International Feed“, das jeweils 32 HDTV-Kameras im WM-Stadion einfangen, zur Verbreitung per Kabel (DVB-C), „terrestrisch“ per digitaler Antenne (DVB-T), per Satellit (DVB-S oder DVB-S2) oder per Internetfernsehen (IP-TV) in einem Rechenvorgang „codiert“ werden. Zu Hause müssen die Bilder dann wieder von privaten, digitalen Empfangsgeräten „decodiert“ werden. Das Umrechnen dauert. Die Verzögerung kann zwischen drei und fünf Sekunden dauern. Digitale Bilder sind schick, kosten aber Zeit. Erstjubler gucken analog, Spätjubler digital.

Live is live? Das galt einmal. Mancher Zuschauer wird auch heute Abend beim Halbfinalspiel Deutschland gegen Spanien wieder enttäuscht darüber sein, dass die frühzeitige Jubelei der Nachbarschaft die Spannung raubt. Lösung? Technisch geht nichts. Die Fernsehsender müssten das analoge Bildsignal gegenüber dem digitalen künstlich verzögern. Das aber ist technisch nicht machbar, weil der neue „digital gap“ („digitale Spalt“) je nach Übertragungsweg, Empfangsgerät, Kabel oder HD-Receiver überall unterschiedlich ausfällt. Sogar bei baugleichen Geräten und identischer Bildquelle kann es Signalverzögerungen geben. Die TV-Technik wird immer komplexer.

Die Schweizer TV-Produktionsfirma HBS (Hoast Broadcast Services), die die Bilder aus Südafrika im Auftrag der FIFA liefert, schätzt, dass am Ende rein rechnerisch bis zu 30 Milliarden Menschen ein WM-Spiel gesehen haben werden. Und jeder Einzelne von ihnen hat seine eigenen Erwartungen an Bild und Ton. Grundsätzlich gilt folgende Temporangfolge: Am schnellsten sind die WM-Bilder per analogem Kabelnetz, gefolgt vom digitalen Kabel (DVB-C) und dem digitalen Satellitenempfang in herkömmlicher SD-Qualität. Auf den weiteren Plätzen folgen das digitale Antennen-Fernsehen (DVB-T) und der digitale Satellit für HD-Qualität. Beim Empfang per Internet-TV oder Handy – etwa mit den iPhone-Apps des Bezahlsenders Sky oder der Telekom – kann die Bildverzögerung sogar bis zu 30 Sekunden dauern, weil die Betreiber das Bild „puffern“ – das heißt: speichern und sammeln –, um es am Stück weiterleiten zu können.

Tötet das Phänomen die Spannung? Selbstversuch im heimischen Garten: Der Nachbarsjubel variiert. Schnell kristallisieren sich akustische Gesetzmäßigkeiten heraus: Jubeln ist gut. Jubeln heißt: Tor. Quieken („Iiiieh!“) ist dagegen nicht gut. Quieken heißt: Neeiin, das wird knapp für uns. Beziehungsweise: Das wird knapp für uns gewesen sein. Futur zwei auf der Terrasse. Ganz blöd: Schweigen im Nachbargarten bei einer Ecke. Schweigen heißt: Das wird nix. Ganz verrückt wird’s beim Elfmeterschießen: Jubeln die da drüben schon, weil der Spieler gleich trifft? Oder weil der Torwart halten wird? Oder wie oder was? Aber die digitale Verzögerung hat auch ihr Gutes: Sie schont die Nerven. Und für Torjubel gilt ja immer noch: Besser spät als nie.

Imre Grimm

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