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Medien Warum Harald Schmidt dem „Tatort“ gut tut
Mehr Welt Medien Warum Harald Schmidt dem „Tatort“ gut tut
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00:16 11.12.2015
Von Imre Grimm
Die Liste der Schauspielengagements von Harald Schmidt wird immer länger. Quelle: Christoph Schmidt

Schmidt? Echt? Der Harald Schmidt? Der Spezialist für gehobenen Welt-ekel, der doch eigentlich bloß noch „Privatier mit abgeschlossener Vermögensbildung“ sein wollte? Der macht jetzt Sonntagskrimi? Er sei „ein Riesenfan des ,Tatorts‘“, hat Schmidt vor ein paar Jahren mal in seiner Show gesagt. Da hatte er noch lange Haare, Manuel Andrack und diesen Die-sind-alle-so-doof-und-ich-bin-ihr-Chef-Gesichtsausdruck.

Am ARD-Sonntagskrimi könne man prima die Uhr ablesen, erklärte er: „Wenn im Film ein Rentner mit der Kettensäge zu Gyros verarbeitet wird, ist es maximal zwanzig nach acht. Wenn ein Säugling von einem Hochhausdach gehalten wird, ist es fünf Minuten vor Filmende. Und Sie können sich hundertprozentig darauf verlassen, dass das Baby überlebt. Kurz vor ,Christiansen‘ kommt in der ARD kein Baby mehr zu Tode. Das sind so handwerkliche Sachen. Um neun Uhr kannst du noch ’ne Witwe sprengen.“

Nachfolger des Bodensee-Teams um Eva Mattes

Nun wird‘s ernst für Schmidt: Zwei Jahre nach dem Ende seiner Late-Night-Show steigt er ins neue „Tatort“-Team des Südwestrundfunks (SWR) im Schwarzwald ein. Schmidt wird in der festen Rolle des Kriminaloberrats Gernot Schöllhammer zu sehen sein, Vorgesetzter der beiden neuen Ermittler Franziska Tobler (Eva Löbau, 43) und Friedemann Berg (Hans-Jochen Wagner, 47). Sie treten die Nachfolge des Bodensee-Teams Klara Blum (Eva Mattes) und Kai Perlmann (Sebastian Bezzel) an.

Sitz der Kriminalpolizei-Direktion wird Freiburg sein, die Fälle spielen dann in wechselnden Orten der Region, die „für Mythen und Sagen genauso steht wie für atemberaubende Natur“, wie SWR-Fernsehdirektor Christoph Hauser gestern schwärmte. Drehbeginn ist 2016. Ausgestrahlt wird der erste Film dann voraussichtlich Anfang 2017.

"Ich gebe wohl Befehle!"

„Ich bin der Chef“, sagte Schmidt selbst über seine Rolle. „Ich weiß noch nicht, was ich da mache, man hat mir das Buch noch nicht gezeigt. Aber ich gebe wohl Befehle. ,Sprengt jetzt das Stadion!‘, ,Wir schließen den Flughafen!‘ oder ,Wir fluten den Landtag! – irgendwie sowas.“ Ob es zu Witwensprengungen oder Kettensägenmorden kommt, ist offen. Und nein – seine Assistenten werden dankenswerterweise weder Bimmel und Bommel noch Helmut Zerlett.

Sicher ist allerdings, dass die Verpflichtung von Schmidt der vorläufige Höhepunkt eines anschwellenden Besetzungswettstreits zwischen den ARD-Anstalten ist. Der NDR eröffnete spektakulär mit der Personalie Til Schweiger, der MDR folgte mit Christian Ulmen und Nora Tschirner, der NDR retournierte mit Helene Fischer – dann grätschte der SWR mit einem Event-„Tatort“ mit Heike Makatsch dazwischen. Der ist gerade abgedreht und spielt ebenfalls in Freiburg. Ein weiterer könnte folgen, dann aber in einer anderen Stadt.

Das neue Ermittlerteam aus dem Schwarzwald: Kriminaloberrat Gernot Schöllhammer (Harald Schmidt), Hauptkommissarin Franziska Tobler (Eva Löbau) und Hauptkommissar Friedemann Berg (Hans-Jochen Wagner). Quelle: Christoph Schmidt

Nun also der Schmidt-Coup. Die Liste seiner Schauspielengagements wird damit immer länger. Es war ein weiter Weg von der Rolle des zweiten Marmeluks in Lessings „Nathan der Weise“ 1981 an den Städtischen Bühnen Augsburg (einziger Sprechtext: „Nur hier herein!“) bis zum „Tatort“. Die rätselhafte „Traumschiff“-Spielerei als Kreuzfahrtdirektor Oskar Schifferle, die Gastspiele in seichten Gewässern bei „Rosamunde Pilcher“ oder „Unser Charly“, das war für den passionierten Kreuzfahrer Schmidt eher Lebeschön mit Büffett unter warmer Sonne – auch der permanenten Lust geschuldet, die Erwartungen zu unterlaufen. Zwischendurch wirkte er ja karrieremäßig wie ein Selbstmörder, der sich von jeder Brücke schmeißt, um hinterher festzustellen, dass er noch lebt.

"Eine Art Lothar de Maizière in Uniform"

Das „Tatort Schwarzwald“-Konzept habe ihm gefallen, weil dort nicht versucht werde, „Berlin wie Los Angeles oder Luzern wie die Bronx aussehen zu lassen“, sagte Schmidt gestern. Er spiele etwas ganz Verrücktes: einen heterosexuellen katholischen Familienvater. „Unsere Gesellschaft ist reif, ein derart radikales Lebensbild am Sonntagabend anzuschauen“. Seine Idee von der Rolle: „eine Art Lothar de Maizière in Uniform“.

Ein Comedy-„Tatort“ wie mit Ulmen und Tschirner in Weimar? Ein Popcorn-Actionkracher wie mit Schweiger in Hamburg? Nichts davon soll der Schwarzwald-„Tatort“ sein. Statt eines Pointenfeuerwerks oder explodierender Grillimbisse gibt‘s also eher heulende Eulen unter dunklen Tannen und Gummistiefel im Morgennebel. Schmidt ist ausdrücklich nicht als Spaßkanone eingestellt. „Wenn Sie sich die letzten Jahre meine Show angesehen haben, werden Sie merken, dass ich mich vom Lustigen verabschiedet habe“, sagte er ironisch.

Am Theater reize ihn, dass er von Menschen umgeben sei, „die besser sind als ich“. Das Wunderbare am Fernsehen sei, „dass man seine Defekte ausleben kann und dafür auch noch bezahlt wird“, sagte er einst. Der letzte echte Chef, den Schmidt spielte, war der eklige Senderboss Conrad „Conny“ Scheffer vor 16 Jahren in Helmut Dietls Film „Late Show“. Hoffen wir, dass Kriminaloberrat Schöllhammer ein Typ wird, mit dem man es eine Weile aushält.

Es könnte ja sogar sein, dass Schmidt mit Schöllhammer an seine alte Rolle als oberster Zeitgeist-Entschlüssler des Landes anknüpft. Denn der Phänotyp der Stunde ist ja nicht mehr der giftige Zyniker. Sondern eher der behagliche Schwarzwälder Spießer. Insofern: willkommen zurück in der Gegenwart, Harald Schmidt.

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