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00:15 29.09.2014
Von Imre Grimm
Ein Bild aus alten Tagen: Familie Beimer 1986 – Vater Hans (von links), Tochter Marion, Sohn Benny, Mutter Helga und Sohn Klausi. Quelle: dpa
Köln

An einem lausigen Sonntagabend im Winter 1993 erfror Herr Schildknecht im Hinterhof eines gelben Mietshauses am Stadtrand von München in der „Lindenstraße“. Kurz darauf erreichten den WDR zahlreiche Briefe. Die Absender bewarben sich offiziell um die frei gewordene Wohnung in der Lindenstraße 3. „Ist das Arbeitszimmer steuerlich absetzbar?“, fragte einer. Der Nächste hatte „nichts dagegen, wenn dann am Sonntagnachmittag auch bei mir gedreht wird“.

„Manchmal erschrickt man wirklich“, sagte damals Wolfram Lotze, 21 Jahre lang Sprecher des „Lindenstraße“-Teams. „Es läuft einem kalt den Rücken herunter. Kinder - das ist Fernsehen!“

Ist es das? Der schmale Grat zwischen Schein und Sein verrutscht schon mal, wenn die deutscheste aller Seifenopern in drei Jahrzehnten zum Derivat für ein tiefes Grundbedürfnis wird: Nähe. Und wenn sie - neben dem nackten Entertainment selbst - den Lebenskontext ihres Publikums so beharrlich spiegelt wie die „Lindenstraße“. Soaps funktionieren mehrschichtig: Jüngere suchen Traumwelten, Mittelalte suchen ironisierbaren Stoff für die eigene Verortung in der Welt. Und die Alten suchen Verlässlichkeit in virtuellen Freundeskreisen.

Als Hubert Koch in Folge 518 Alzheimer bekam, bat eine Zuschauerin aus dem Raum Hannover so leidenschaftlich, ihn betreuen zu dürfen, dass das Team es nicht übers Herz brachte, sie ihrer Illusionen zu berauben. „Vielen Dank“, lautete die Antwort, „aber Herr Koch wird bereits bestens versorgt.“

Heute nun läuft die 1500. Folge, 29 Jahre nach der ersten Ausgabe am 8. Dezember 1985. Doch die Serie macht eine schwere Krise durch. Die Wenigsten wissen noch, wie die drei früheren Frauen von Olaf Kling heißen (Inge, Mary und Claudia), dass Matthias Steinbrück mit der Bratpfanne erschlagen wurde oder wie der Nachbar einst erblindete, weil Helga Beimers tüddeliger Onkel Franz dem kleinen Klaus ein Luftgewehr geschenkt hatte.

Fakten zur Lindenstraße

Die Serie spielt in München, die Kulissen der „Lindenstraße“ befinden sich aber auf dem WDR-Gelände in Köln-Bocklemünd. Gedreht wird – außer in der fünfwöchigen Sommerpause – das ganze Jahr über.

Als Inspiration diente dem Produzenten Hans W. Geißendörfer – neben der britischen Serie „Coronation Street“ – seine eigene Kindheit in einem Mehrfamilienhaus in Neustadt an der Aisch.


In der ersten Folge traf sich Familie Beimer zur Hausmusik: Hans und Helga mit ihren drei Kindern Marion, Benny und Klausi. 29 Jahre später ist von dieser Idylle nichts mehr übrig: Hans und Helga sind getrennt, Benny ist tot, Marion weggezogen und Klaus ein geschiedener Sozialhilfeempfänger.


Rund 250 Schauspieler hatten seit 1985 eine Hauptrolle. Zwölf Schauspieler aus dem ersten Jahr gehören auch heute noch zum Team, darunter Ludwig Haas (Dr. Dressler), Marie-Luise Marjan (Helga Beimer), Sybille Waury (Tanja Schildknecht), Joachim Hermann Luger (Hans Beimer) und Georg Uecker (Dr. Carsten Flöter).

Eine sanft sozialkritische, aufklärerische, erzieherische Serie schwebte Hans W. Geißendörfer vor, als er dem WDR seinen Plan vortrug. In den siebziger Jahren gehörte er der linken Intelligenzia an, hatte als Regisseur Ibsens „Wildente“ und Thomas Manns „Zauberberg“ verfilmt. Und er träumte von einer „linken ,Bild‘-Zeitung“. Einer, die die Massen im Kleid der Unterhaltung sanft ermahnt, aber so, dass sie es nicht merken. Und natürlich: in die „richtige“ Richtung. Alexander Kluge sprach mal von einem „mittleren Film“. Einem also, den nicht vor Anspruch kein Mensch guckt, so wie sein elitäres Meisterwerk „Die Artisten in der Zirkuskuppel: ratlos“, sondern einem „Kraftwerk der Gefühle“. Das unterhaltend-aufklärerische Erziehungsfernsehen war ein alter linker Traum, und mit der „Lindenstraße“ wurde er Realität. Sonntags trafen ausgeruhte Körper und Seelen auf Geißendörfer und wie er die Welt sah.

Zwölf Millionen waren es in den achtziger Jahren. Sie sahen Gabi Zenker im Weltschmerz versackt und Mutter Beimer mal wieder heulend beim Spiegeleierbraten. Sie sahen Ehen zerbröseln, Lebenspläne dahinsiechen, Glück und Unglück bei den Beimer-Schillers, den Beimer-Zieglers, den Zenkers, sie waren Gast im Akropolis, im Café Bayer und im Reisebüro mit dem wahrscheinlich dämlichsten Namen aller Zeiten: Träwel & Iwends.

Realitätsnähe ist Geißendörfers Credo. Irgendwann standen Nutella und Kellog’s Cornflakes auf dem Küchentisch, lange vor der Product-Placement-Debatte. Und es wurde bitter gelitten. Gäbe es derart viele Schicksalsschläge in irgendeiner Lindenstraße dieser Welt tatsächlich - man würde dort nicht wohnen wollen: Mobbing, Doping, Pleiten, Alzheimer, Scientology, Sterbehilfe, Leihmutterschaft, Neonazis (Klaus Beimer!), Scheidung, Unterhaltsstreit, Teenagerschwangerschaft, Drogensucht, Liebeskummer, Unfruchtbarkeit, Prostitution, Wechseljahre, Altersdepression, Umweltgifte, Kriegstraumata, militanter Islamismus und sämtliche Krankheiten von Aids bis Zöliakie. Der deutsche Alltag - ein Kampf ums Überleben.

Es ist aller Ehren wert, das Publikum nicht durch Verklärung der Wirklichkeit zu unterfordern. Aber Herrgott - musste dann auch noch die Schwulenehe in eine Krise geraten? Musste der Junge, den Carsten Flöter und sein Freund Käthe Eschweilwer nach langem Hickhack adoptieren durften, dann auch noch HIV-positiv sein? Und musste es Geißendörfer selbst sein, der in Folge 1069 die eigentlich unzerstörbare Else Kling - die vor ihrem Tod noch eine Stimme hörte - quasi als Schöpfer ins Jenseits rief?

Aktuell will Geißendörfer gerade eine Moschee in der „Lindenstraße“ errichten lassen. In Droh-Mails beschimpften ihn Zuschauer als „Salafisten“. Die Debatte finde er aber „gut“, sagt er. Man könnte auch sagen: Endlich mal wieder Feuer unterm Dach. Es ist lange her, dass der Bayerische Rundfunk die Wiederholung einer Folge verweigerte, weil sich zwei Männer küssten. Männer! Küssten! Unerhört! Tabubruch!

Aber das musste ja so kommen, wenn man um der Weltrettung Willen Fernsehen macht: Irgendwann wurde es verkrampft. Und anstrengend. Und: Die Konkurrenz wuchs. Heute schalten im Schnitt noch 2,7 Millionen Zuschauer sonntags um 18.50 Uhr ein. Inzwischen ist Realismus kein Alleinstellungsmerkmal mehr. Crystal-Meth-Dealer werden zu globalen TV-Ikonen („Breaking Bad“). Es ist nicht leicht, mit der Schlechtigkeit der Welt mitzuhalten.

Interview mit dem Regisseur Hans W. Geißendörfer

Wird Ihnen die „Lindenstraße“ nach 1500 Folgen und fast 30 Jahren nicht langsam langweilig?
Wenn sie mir langweilig würde, würde mir das Leben schlechthin langweilig. Es ist vom Leben abgekupfert, zwar mit fiktiven Elementen, aber sehr nah an der Wirklichkeit, an dem, was in Deutschland passiert. Wenn wir jetzt in der „Lindenstraße“ über einen Moscheebau diskutieren, hat das natürlich damit zu tun, dass in vielen Städten dieses Thema aktuell ist.

Kann die „Lindenstraße“ heute überhaupt noch so provozieren wie in ihren Anfängen, als sie zum Beispiel als erste TV-Serie zeigte, wie sich zwei schwule Männer küssen?
Das ist schwieriger geworden, da inzwischen alles mögliche im Fernsehen gezeigt wird, auch Dinge, die früher privat gewesen wären. Provokation in der Lautstärke wie früher ist kaum noch möglich. Aber das Thema Moscheebau zum Beispiel empfinden manche Zuschauergruppen als Provokation. Das, was erreichbar ist, ist eine kontroverse Diskussion zu den Inhalten, die wir anbieten.

Wie finden Sie nach 1500 Folgen noch neue Themen für die Serie?
Das ist wie bei einer Liebesgeschichte. Davon hat man auch schon viele erfahren, erlebt, in der Literatur gelesen und im Fernsehen gesehen, und trotzdem ist es immer wieder spannend. Das Thema ist immer Liebe und Beziehungskrise, aber die Ausführung und die Details sind jedes Mal neu, weil die beteiligten Personen aus einer anderen Perspektive berichten.

Wie kann die „Lindenstraße“ noch neue Zuschauer gewinnen?
Die wichtigste Möglichkeit kostet Geld und wird uns leider nicht finanziert, nämlich Werbung. Zur 1000. Folge gab es eine Plakataktion, bezahlt von der ARD, und die Zuschauerzahlen stiegen um vier Millionen. Zur 1500. Folge ist das nicht geplant. Werbung heißt ja auch, dass ein Sender voll hinter einem Format steht. Ich vermisse das schon sehr, dass wir da keine Unterstützung kriegen. Als Grund wird mir immer nur gesagt, „wir haben kein Geld“. Ich bin aber trotzdem zuversichtlich, dass wir noch viele Jubiläen mit der „Lindenstraße“ feiern können.

Wird es die „Lindenstraße“ also ewig geben?
Ich hoffe, dass ich mindestens 85 Jahre alt werden darf, bevor wir sie einstellen müssen. Aber auch wenn ich nicht mehr mitmache, gibt es ja Nachfolger, die das Ganze dann übernehmen können. Wir haben ein tolles Team, vieles läuft schon jetzt ohne mich. Aber momentan habe ich noch den Ehrgeiz, die Geschichten und Figuren zu entwickeln, da möchte ich meinen Einfluss noch stark geltend machen.

Interview: Petra Albers

Das Paradoxe ist ja, dass die „Lindenstraße“ mit ihren bröckelnden Soziotopen den nicht minder bröckelnden Soziotopen da draußen trotzdem über Jahre als stabiler Anker diente. Es wird daran liegen, dass sie kathartisch wirkte, dass ihre Besserungsappelle in den ironiefreien achtziger Jahren auf fruchtbaren Boden fielen. Aber es ist kein Zufall, dass der schleichende Niedergang der Serie mit dem Untergang der alten Bundesrepublik begann. Denn die „Lindenstraße“ durchweht der Geist einer BRD, in der rote Kaugummiautomaten neben den Kiosken und grüne Fliesen in den Badezimmern hingen. Heute wirkt die „Lindenstraße“ wie ein alternder Sozialkundler mit Eigelb im Bart, der auf der Wandergitarre „Kumbaya“ spielt, während seine Schüler auf dem Smartphone herumdaddeln. Dennoch: Die ARD hat den Vertrag bis 2016 verlängert.

Sie hat ihre Fans, weiterhin. Gerade erst hat Marie-Luise Marjan alias Helga Beimer das Hurricane-Festival in Scheeßel mit dem Preis „Helga!“ ausgezeichnet. „Ich bin begeistert, dass die jungen Leute derart unprätentiös feiern“, sagte die 74-Jährige beim Reeperbahnfestival in Hamburg. „Das hat etwas aus Mutters Stube.“ Das ist das Problem der „Lindenstraße“: Mutters Stube - das sind heute Popfestivals.

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