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08:13 13.12.2016
Der Profiler Stephan Harbort geht in der NDR-Dokuserie „Mundo“ einem alten Fall nach. Er stellt dabei auch die Tötung nach. Quelle: NDR
Hannover

Zwei Deutsche, Vater und Sohn, werden tot in Frankreich aufgefunden: ermordet durch Kopfschüsse, eingerollt in Teppiche. Französische und deutsche Ermittler suchen unabhängig voneinander nach dem Täter. Dann präsentieren die Deutschen den Mörder: Markus Mundo, der zweite Sohn der Familie. Er soll aus Habgier getötet haben. Was jedoch fehlt, ist ein klarer Beweis: Es kann kein Tatort ermittelt werden, kein klarer Tatzeitpunkt und keine Mordwaffe.

Obwohl die Franzosen Zweifel an Mundos Schuld haben, wird er 2013 in einem Indizienprozess zu lebenslanger Haft verurteilt. Aber Markus Mundo bestreitet die Tat – bis heute. Diesen mysteriösen Kriminalfall aus dem Jahr 2010 greift der NDR in der dreiteiligen Dokuserie „Mundo. Die Spur des Mörders“ auf, die am 19. Dezember um 22.55 Uhr startet. Die Serie begleitet den Profiler Stephan Harbort, Leiter eines Kriminalkommissariats beim Polizeipräsidium Düsseldorf. Es ist das erste sogenannte True-Crime-Format des Senders. Derartige Darstellungen von realen Verbrechen im dramaturgischen Gewand boomen derzeit. Sat.1 zeigt „Tatsache Mord? Auf der Spur des Verbrechens“, das ZDF die Reihe „Deep Undercover“ und RTL Nitro „Real Detective“.

Sarah Koenigs Podcast löst Hype aus

Die Bücher des Rechtsmediziners Michael Tsokos und des Strafverteidigers Ferdinand von Schirach über ihre Fälle werden zu Bestsellern. Ausgelöst hat den Hype der Podcast „Serial“ der Radiomoderatorin Sarah Koenig. Millionen von Fans verfolgen die Recherche einer Journalistin, die den Mord an einer 17-jährigen Schülerin in Baltimore neu aufrollt. Die Serie zeigt die Ermittlungsarbeit als „work in progress“, die Zuschauer können von Folge zu Folge in Echtzeit miträtseln – das hat eine ganz andere Direktheit im Vergleich zum „Tatort“. In Deutschland versucht der Sender RadioEins, das Format mit „Wer hat Burak erschossen?“ zu kopieren.

Besonders ausgiebig badet Netflix im True-Crime-Sud. „Making a Murderer“ verfolgt seit einem Jahr in Form von Interviews und Gerichtsaufnahmen die unglaubliche Geschichte von Steven Avery aus Wisconsin, der 1985 wegen Vergewaltigung zu lebenslanger Haft verurteilt wurde, obwohl er seine Unschuld beteuerte. 2003 wurde er nach 18-jähriger Haft aufgrund einer DNA-Analyse entlassen, zwei Jahre später jedoch erneut festgenommen – diesmal wegen Mordes.

Making a Murderer – das Erfolgsformat von Netflix Quelle: Netflix

Der große Erfolg der mehrfach Emmy-gekrönten Serie hat eine Debatte über das US-Justizsystem ausgelöst, selbst das Weiße Haus sah sich genötigt, Stellung zu beziehen. Das Magazin „Forbes“ nennt die Sendung sogar das bedeutendste Projekt des Streamingdienstes überhaupt. Weitere aktuelle Netflix-Projekte aus dem True-Crime-Lager sind „Amanda Knox“, die Dokuserie „Captive“ über Geiselnahmen und „Alias Grace“, eine Miniserie, die auf den True-Crime-Romanen von Margaret Atwood basiert.

Stern bringt eigenes Genre-Magazin auf den Markt

Mit „Stern Crime“ existiert auch ein eigenes Magazin für das neue Genre, das eigentlich gar nicht so neu ist. „Aktenzeichen XY… ungelöst“ gibt es schließlich schon seit 1967. Frisch ist hingegen das Label True Crime: Das klingt nach Wahrheit, nach Spannung, da hängt der Nachhall des Schusses noch in der Luft. Nach Scripted Reality, Histotainment und Dokusoaps werden hier also nun erneut die Grenzen zwischen Realität und Fiktion ausgelotet, um die Bedürfnisse des Publikums nach Identifikation und Unterhaltung zu befriedigen. Der Zuschauer kann sich darüber gruseln, dass sich die Verbrechen mehr oder weniger genau so zugetragen haben.

Ausgespielte Szenen bieten aber genug Verfremdung, um das Grauen auf Distanz und somit ertragbar zu halten. So befriedigt True Crime Voyeurismus, Informationsdurst und Gerechtigkeitsverlangen gleichermaßen, irgendwo zwischen „Big Brother“, „Schweigen der Lämmer“ und „Toto und Harry“.

Reale Geschichten mit noch nie da gewesener Eindrücklichkeit

Florian Müller, der zum Team der NDR-Doku „Mundo“ gehört, erklärt den Trend: „Ein Verbrechen schlägt in die Leben der Opfer und Angehörigen wie ein Meteorit ein. Danach ist nichts mehr, wie es zuvor war.“ So einen Wendepunkt müsse man als Dramaturg sonst am Reißbrett erfinden. „Uns ging es nicht darum, den Blick in den Abgrund zu gestatten, sondern zu sehen, wie die unterschiedlichen Menschen mit den Rätseln, Fragezeichen und Ausrufezeichen, die das Verbrechen ausgelöst hat, umgehen. Das zutiefst Menschliche nach einer unmenschlichen Tat.“ Müller meint: „Mit den Mitteln des modernen fiktionalen Films lassen sich nun reale Geschichten in nie da gewesener Eindrücklichkeit erzählen.“

Die Ur-Geschichte des Tru Crime: Das Schweigen der Lämmer mit Anthony Hopkins. Quelle: dpa

Und der Thrillerautor Sebastian Fitzek, der sich gut mit dem Verlangen der Menschen nach Gänsehaut auskennt, sagt: „Die Realität ist viel grausamer als das, was wir Thrillerautoren uns ausdenken. True Crime muss man draufschreiben, damit die Menschen nicht denken: Jetzt ist der völlig abgedreht.“ True-Crime-Thriller seien ähnlich wie historische Romane Zwitterwesen.

Für Hybridwesen interessieren sich Krimianhänger ohnehin besonders. Schließlich ist keine Figur so interessant wie jene, die zugleich Opfer und Täter sind. In der Realität kann man da oft nicht so gut entscheiden wie im Krimi.

Von RND/Nina May

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