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„Wetten, dass ...?“: Zwischen Gaga und Gähnen

Fernsehen „Wetten, dass ...?“: Zwischen Gaga und Gähnen

Das ZDF hat seinen Klassiker „Wetten, dass ...?“ mit Thomas Gottschalk am Sonnabend aus Braunschweig gesendet.

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Der Sänger Robbie Williams (links) mit Moderator Thomas Gottschalk und Komoderatorin Michelle Hunziker.

Quelle: ddp

Wer hätte das gedacht? Der Mann kann richtig lustig sein. Frisch wie der junge Morgen hüpft Thomas Gottschalk durch die Volkswagenhalle in Braunschweig, eine Kopie seiner selbst vor 20 Jahren. „Wie alt bist du?“, fragt er ein Mädchen. „Acht?“ Blick auf die Mutter. „Vor acht Jahren war ich zum letzten Mal hier.“ Perfektes Timing. Zwei aufgerüschte Ehepaare samt Glitzertop in Leopardenoptik lässt er aufstehen und sagt: „Deswegen hat Abba aufgehört.“ Das kann er. Da ist er gut. Das ist lustig, pfiffig, schnell. Braunschweig freut sich. Und dabei ist Robbie Williams (kreisch!) noch gar nicht aufgetreten.

Das Problem ist nur: Es ist 20.05 Uhr. Die Kameras sind noch nicht eingeschaltet. Es ist nur die Aufwärmrunde.

Es wird wohl immer ein Mysterium bleiben, warum Gottschalk im Korsett des ZDF-Klassikers „Wetten, dass …?“ so wenig Gottschalk ist. „Mehr Spontanietät“ hat er sich selbst verordnet, weil er weiß, dass das Abgezockte und Routinierte, der Mich-kann-nichts-mehr-überraschen-Habitus, tödlich ist für den Esprit der kriselnden Show. Live lebt vom Unvorhergesehenen, also will er die Wetten erst in der Show kennenlernen, nicht schon bei den Proben. „In seinem Kopf läuft immer eine Art Rasterfahndung nach dem nächsten Gag ab“, hat Günther Jauch mal über Gottschalk gesagt. Aber was war dann los? Raster zu weitmaschig? Radar kaputt?

Wenig aufregend verlaufen weite Strecken dieser 184. Ausgabe. Formel-1-Vizeweltmeister Sebastian Vettel versichert, dass er mit seinem Gehalt „gut über die Runden kommt“, was ebenso tröstlich ist wie doppelsinnig. Nazan Eckes sagt, sie sei „schon immer autointeressiert“ und tätschelt wie zum Beweis Vettels Knie. Ah, so. Harald Schmidt erklärt sein seltsames Engagement als Eintänzer auf dem ZDF-„Traumschiff“ („Das Tragen von Uniformen macht mich geil“), „Wundergeiger“ David Garrett zeigt dampfend vor Selbstbewusstsein, dass er sehr hübsch sehr schnell geigen kann, was aber eher einem Triumph der Mechanik über die Kunst gleichkommt. Und Elisabeth von Thurn und Taxis, soeben erst den Fängen der Pubertät entkommen, referiert über den Sinn des Lebens. Das hätt’ nicht sein müssen. Braunschweig ist tapfer. Der Culture-Clash-Moment des Abends findet statt, als Lady Gaga und das ZDF-Publikum aufeinandertreffen. Wer ist bloß diese junge Dame? Immerhin hat sie einen Rilke-Vers auf dem Arm.

Und dann war da noch er, sehnsüchtig erwartet unter anderem von einer nicht mehr ganz taufrischen Damenriege mit Häschenohren. Robbie Williams (kreisch!) rockt die Halle mit seinem Comeback-Hit „Bodies“, lässt sich gar zu einem braven Talk auf dem Sofa herab, freundlich, cool, nachdenklich: „Man muss auf das Herz und die Seele und den Geist aufpassen.“ 2000 Braunschweiger toben im Rahmen ihrer Möglichkeiten.

Und die Wetten? Ein Österreicher liest lange Sätze von rotierenden Walzen ab, ein 21-Jähriger aus Soest läuft über fahrende Autos, ein Mainzer erkennt Po-
abdrücke von 22 Mädchen, ein 30-jähriger Heizungsbauer wirft Basketbälle per Bagger in den Korb (und wird Wettkönig). Und eine kleine chinesische Dame namens Yao Chunzi trennt per Stäbchen Eigelb von Eiweiß, eine Art Joint Venture mit der chinesischen „Wetten, dass …?“-Ausgabe, weshalb sich die Dame ausführlich und für europäische Ohren etwas zu devot beim chinesischen Staatssender CCTV bedankte.

Es war eine solide, keine herausragende Ausgabe des ZDF-Klassikers, und solide blieb denn auch die Quote: 9,85 Millionen Menschen sahen zu (Marktanteil: 30,2 Prozent). Das ist wie beim FC Bayern München: Platz acht in der Tabelle ist nicht schlecht, aber für den eigenen Anspruch viel zu wenig. Schwach waren die Talks, die reine Anwesenheit von Topprominenz genügt halt nicht mehr für elektrisierendes Fernsehen. Und was immer Michelle Hunziker genommen hat („Ich mach’ jetzt Paaaaarty!“) – das Gekicher allein wird der Sendung nicht zu alter Blüte verhelfen.

Einer, ein einziger wirklich guter Gag gelingt Gottschalk fast am Ende der Liveshow. „Mauerfall?“, sagt er. „Das war doch damals die Stadtwette in Berlin.“ Doch das kriegt schon kaum jemand mehr mit. Braunschweig ist müde.

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