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Medien „The War on Drugs“ – Hinaus ins Licht, in die Welt!
Mehr Welt Medien „The War on Drugs“ – Hinaus ins Licht, in die Welt!
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20:00 25.08.2017
Sechs gegen den Rest der Charts: Adam Granduciel (3. v. r.) ist das Haupt einer Band, die Rock spielt, wo alle Pop machen. The War on Drugs sind für viele ein Geheimtipp, für andere die Band des Jahrzehnts. Quelle: © Shawn Brackbill
Hannover

Das Lied beginnt leise, sphärisch, mit einem elektronischen Atmen, so als seufze ein Synthesizer im Traum. Und was darauf folgt ist ein Monster von Song, wenn auch ein sanftes, sehr sehr trauriges Monster. Eine Gitarre hebt an und in deren Hall hinein beschwört eine leicht rauchige, helle Stimme Erinnerungen herauf. Der Sänger singt mit einer Stimme, die an eine softere, echtere Version von Bryan Adams erinnert, die dabei aber oft wie Bob Dylan phrasiert, von der Abenddämmerung am Missouri, von den verschwundenen Vögeln, die gerade noch übers Wasser geflogen waren und vom Schmerz in den Augen einer geheimnisvollen Frau, die in die Nacht entschwunden ist. Alle Dinge müssen vergehen.

„Die Liebe ist wie ein Geist“

Elf Minuten ist „Thinking of a Place“ lang und dabei anmutig bis zum leisen Versickern des letzten Akkords. „Thinking of a Place“ ist das längste der zehn langen Lieder von „A Deeper Understanding“, dem vierten Album der US-Band The War on Drugs. Es ist ein Lied von der Unwirklichkeit und Unmöglichkeit der Liebe und den seltsamen Stimmungen, die einen bei Nacht und speziell im Mondlicht befallen. „Die Liebe“, singt Adam Granduciel beklommen, „ist wie ein Geist.“ Und dann streckt er die Hand doch wieder aus und will es noch einmal mit der Liebe versuchen. Die schönsten, schwersten Fehler macht man mehr als einmal im Leben in der steten Hoffnung, sie führten einen doch zum Glück.

Granduciel, 38-jähriger Multiinstrumentalist, Sänger und Songwriter des Sextetts aus Philadelphia, ist ein Mann, der für seine Leidenschaft einen Preis zahlte. „Lost in the Dream“ hieß das unisono bejubelte Vorgängeralbum, in dessen Liedern ein Mann sichtbar wurde, der sich in seiner Musik verloren hatte. In Interviews beschrieb Granduciel sich damals als jemanden, der mit einfachsten Alltagsanforderungen nicht mehr zurecht kam, und den die Gedanken an Popularität eher bedrückten als reizten. Angstattacken befielen ihn aus heiterem Himmel auch auf der Bühne. Der Zweifler versuchte, seinen Zustand zu überspielen, aber 2014 sprachen Leute, die ihn trafen, von einem Gespenst – isoliert, bleich, viel zu lange ohne Sonnenlicht gewesen.

Ein Song muss wachsen, wachsen, wachsen

Das sei besser geworden, verriet er jüngst dem Magazin „Rolling Stone“. Aber noch immer macht Granduciel sich die Sache schwer. Er mag das Erwartbare nicht, gibt sich nicht mit dem Strophe-Refrain-Strophe-Schema zufrieden, mit den üblichen dreieinhalb Minuten radiogerechter Liedlänge. Ein Song muss bei ihm wachsen, wachsen, wachsen. Über lange Monate arbeitet er zuhause daran, dann lässt er ihn eine ganze Weile ruhen, bevor er noch einmal ans Werk geht, um ihn zu schleifen und zu polieren. „Ich baue sie so lange auf, bis es epische Songs sind“, erklärte der detailversessene Mann mit den dunkelbraunen, schulterlangen Locken der Musikwebsite „Noisey“ seine Arbeitsweise.

Und tatsächlich: Drei Instrumentalparts in einem Song – das traut sich heute niemand sonst, selbst die neuprogressiven Rocker wollen sich ihre Hörer nicht mit so viel Gniedelei vergraulen. Granduciel hat damit überhaupt kein Problem. Nach drei Minuten zieht in „Thinking of a Place“ eines der betörendsten Gitarrensoli herauf, das in den vergangenen zehn Jahren im Rock zu hören war (abgesehen von dem in „Pain“ vielleicht, einem anderen Song des Albums). Später unterbricht Granduciel seinen Gesang noch einmal mit einem pittoresken Mundharmonikaauftritt und abgerundet wird mit einem langen Miteinander diverser Gitarren, die mal funkelnde Klänge liefern, mal anmuten wie das Weh und Ach von Walgesängen.

Das Unerwartete war schon immer Programm

Das Unerwartete war bei The War on Drugs von Anfang an Programm: Musiker nehmen Drogen, aber wer um Gottes Willen nennt seine Band „Krieg gegen Drogen“? Granduciel kritzelte den Begriff 2005 auf ein Blatt Papier und fand Gefallen daran. Weil dieser Krieg der US-Regierungen, ausgefochten seit der Präsidentschaft Ronald Reagans, seiner Meinung nach ein typisch amerikanischer Blödsinn ist, und sie eine typisch amerikanische Band waren, die typisch amerikanische Musik spielt. Möglicherweise auch in der Hoffnung, dass der Tourbus dann nicht von der Polizei gefilzt würde.

Wer sich unter solch sperrigem Namen geduldig aus der Ecke der musikalischen Obskuritäten herausarbeitet, der hat den Erfolg verdient. Und so heißt die Plattenfirma jetzt Warner, werden die Hallen größer, nennen die Fans ihre Lieblinge inzwischen in sinnumkehrender Verkürzung The Drugs und haben die neuen Songs – getragenen oder mittleren Tempos, aber immer melancholisch – das Zeug, sogar ein Stadion zu erobern.

Und obwohl Songtitel wie „Pain“ (Schmerz), „Knocked Down“ (Niedergeschlagen) und „Nothing to find“ (Nichts zu finden) noch immer von brüchigen Seelenzuständen künden, obwohl einen die Klage um den Verlust der Liebsten in „You Don’t Have to Go“ zu Tränen rührt, ist Granduciel wie er sagt, doch zu einem „tieferen Verständnis“ seiner selbst gelangt. Im Eröffnungssong „Up all Night“, der an Fleetwood Mac zu „Mirage“-Zeiten erinnert, singt er, dass es zu regnen aufgehört hat. Er gehe nun hinaus ins Licht, in die Welt.

Ein Album, das man nie wieder vom Plattenteller lassen will

Die wartet. Zu „Fackelträgern“ hat der „New Yorker“ die Drugs ausgerufen. Und Rock kann dieses Feuer gut gebrauchen. In den Billboardcharts findet er derzeit kaum noch statt. Viele Rockbands – von Arcade Fire über Green Day bis hin zu Linkin Park, der einstigen Speerspitze des Nu Metal um den jüngst tragisch verstorbenen Sänger Chester Bennington – sind im Pop gelandet. Granduciel hält dagegen, feiert die authentischen Rock’n’Roller früherer Zeiten. In seinem alten Esszimmer in seinem Reihenhaus in Philadelphia hing ein Promoposter von Neil Youngs „Live Rush“, Bob-Dylan-Magneten klebten an seinem Kühlschrank. Diese beiden und noch viele andere Edelleute des Rock schimmern in den zehn coolen Songs durch: Bruce Springsteen, Tom Petty, Mark Knopflers Dire Straits und – im Gitarrensound zu Beginn von „Pain“ - sogar The Cure. Komplex und unglaublich lässig ist das alles. Dazu die feinen, unaufdringlichen Keyboards und Synthies. Man will dieses Album nie mehr vom Plattenteller lassen.

Seit einiger Zeit schon lebt Granduciel in Los Angeles. Und die Liebe hat ihn auch erwischt. Krysten Ritter, als Jessica Jones in der gleichnamigen Netflix/Marvel-Serie eine gebrochene Superheldin, hat sein Herz gewonnen, wie im August bekannt wurde. Dass die Songs nun zu wonnig werden könnten, befürchten die Fans. Zu viel Sonne?

Es regnet nie im Süden Kaliforniens, das wusste schon der große Albert Hammond. Es schüttet.

The War on Drugs live:

3. November, Köln, E-Werk; 20. November, München, Muffathalle, 21. November, Hamburg, Große Freiheit; 22. November, Berlin, Tempodrom.

Von Matthias Halbig / RND

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