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Medien Sonne macht albern - Das Phänomen Sommerloch
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18:02 22.07.2010
Von Imre Grimm

Und da ist es wieder. Drohend hat es sich aufgetan, gähnend, schwarz und tief. Das Sommerloch 2010. Toter die Hosen nie waren. Ein Land im Leerlauf. Die WM ist vorbei, Berlin macht Ferien, sogar Guido Westerwelle schweigt im Rahmen seiner Möglichkeiten. Die Nachrichtentöpfe im Juli gleichen dem wabernden Nichts aus Michael Endes „Unendlicher Geschichte“. „Spiegel Online“ macht mit einer Story zur Mülltrennung auf. Das darf man ruhig Verzweiflung nennen.


Spätestens jetzt hat jeder eine Chance. Denn Löcher müssen gestopft werden. Also heraus, ihr Hinterbänkler! Vor die Mikrofone! Nutzt das journalistische Vakuum als Karrierekatalysator! Die Medien brauchen euch! Höchste Zeit, wieder etwas Feines zu fordern: das Sitzpinkelgesetz für Männer, ein Verkaufsverbot für gefährliche Ü-Eier, eine Gummibärchensteuer, den Intelligenztest für Zuwanderer, die Helmpflicht für Cabriofahrer – egal was, Hauptsache skurril und erregend. Der Klassiker: „Mallorca soll 17. Bundesland werden“. Das wünschte sich 1993 der humorbegabte CSU-Mann Dionys Jobst. Die Bundesrepublik möge Mallorca doch bitte für 50 Milliarden Mark kaufen. Die „Bild“-Zeitung wollte ihn gern missverstehen und startete eine Debatte, die sie und Herrn Jobst über den halben Sommer rettete.

Es hat etwas Verlässliches: Sonne macht albern. In diesem Jahr eröffnete – leicht verfrüht – das Orakel von Oberhausen den Reigen: Der halbe Kontinent ging vor Tintenfisch Paul in die Knie, wollte ihn heiligsprechen, kaufen oder frittieren und verschaffte ihm einen Ehrenplatz in der Galerie der tierischen 15-Minuten-Berühmtheiten, die sommers die Republik in Atem halten. Wir erinnern uns: 1994 entwischte der Brillenkaiman Sammy in einem Badeteich bei Dormagen („Die Bestie vom Baggersee!“), bis ein Taucher das verängstigte und hungrige Häuflein Elend nach einer Woche aus dem Trüben fischte. 1998 hüpfte Känguru „Manni“ durch Nordrhein-Westfalen, 2001 verspeiste angeblich der „Killer-Wels“ Kuno in einem Weiher in Mönchengladbach einen Dackel samt Halsband, und 2006 tapste dann Bruno, der sympathische „Problembär“, durch Bayern und die Schlagzeilen, bis ihn übereifrige Schafschützer eiskalt abknallten.

Was praktisch alle Sommerlochtiere gemeinsam haben: den tief sitzenden Drang nach Freiheit. Offensichtlich ist es dieser Traum von individueller Entfaltung in freier Natur, der sie zu Helden macht: Stellvertretend für das im Alltag festpappende Publikum wagen Sammy, Skippy, Manni & Co. den Sprung hinaus in die Welt, lassen ihr gewohntes Refugium hinter sich, als Pioniere im Ungewissen. Vielleicht war auch deshalb die Trauer um Bruno so groß: Mit dem Bären starb ein Sommertraum von Freiheit.

In England trägt die nachrichtenarme Zeit den schönen Titel „silly season“. Das klingt viel sympathischer als das sachlich-deutsche „Sommerloch“. Es ist die Blütezeit des Irrsinns, wenngleich es der Irrsinn schwerer hat als früher, weil der alltägliche Irrsinn das Jahr über schon irrsinnig genug ist. Manchmal glaubt man, das Sommerloch geht von Januar bis Dezember.

Wie wird ein Thema zum Sommerlochfüller? Medien reduzieren mit ansteigenden Temperaturen den professionellen Reflex, etwas ganz genau wissen zu wollen. Ab 30 Grad Celsius, wenn schwitzende Redakteure an klebrigen Schreibtischen jede der spärlich eintreffenden Agenturmeldungen mit Jubel und Trompetenschall begrüßen, reicht „ungefähr“, wenn die Meldung nur schön genug ist: 1982 zum Beispiel sorgte Spucknapf „Chopper“ in einer Regensburger Zahnarztpraxis für Aufsehen, weil er Patienten beschimpfte oder auch mit Liebesschwüren erfreute. Man hätte es wissen können: Alles nur ein Trick gelangweilter Zahnarzthelferinnen.

A propos Langeweile: 2000 ballerten derart viele Deutsche im Büro auf virtuelle Moorhühner, dass a) der Tierschutzbund Alarm schlug und b) die deutschen Arbeitgeber sich öffentlich um die Schaffens­moral ihrer Mitarbeiter sorgten. Und noch so ein Sommerlochknaller: 2007 forderte „CSU-Rebellin“ Gabriele Pauli die Ehe auf Zeit. Das war fast so schön wie die „CDU-Medienexperten“, die Jahr für Jahr via „Bild“ die Aussetzung der GEZ-Gebühr im Sommer forderten, wie die „taz“ genüsslich repetierte: „Weniger Gebühren für Gähn-TV“ (2004), „Und dafür zahlen wir auch noch Gebühren“ (2005), „Gähn-TV! Politiker will Gebühren-Erhöhung stoppen“ (2007) etc.

„Im Sommer macht der News Value Urlaub“, sagt der Medienexperte Norbert Bolz, also das Gebot von Wert und Belegbarkeit einer Nachricht. Nachrichtenagenturen nennen das: „den Filter nach unten öffnen“. Jetzt darf auf den Ticker, was sonst durchrutscht. Bolz: „Gern steigern sich die Themen ins Monströse. Im Sommerloch kommt der Journalismus zu seinen Wurzeln, zurück in jene Zeit kurz nach der Erfindung der Druckerpresse, als mangels Nachrichten fiktive Berichte von den Monstern an den Rändern der Welt besonders beliebt waren.“ Der moderne Urtyp ist das schottische Ungeheuer von Loch Ness, sein bescheidener Nachfahr das „Rheinkrokodil“ von 2001 – von keinem Menschen je gesehen, von keiner Kamera je erfasst, aber heiß diskutiert. Hier findet die archaische Angst des Menschen vor dem Eindringen der wilden Natur in seinen Lebensraum ein Ventil.

Und dann ist da noch Sommerloch, eine 431-Seelen-Gemeinde in Rheinland-Pfalz, in der, nun ja, nichts los ist. Das Dorf ist das perfekte Sinnbild für das mediale Sommerloch: ein paar Winzer, die St.-Ägidius-Kirche von 1789, ein Sportplatz, fünf barocke Grabkreuze – und sonst: nichts. Nur im Sommer belebt sich die Szene. Dann schleicht ab und an ein Journalist durch Sommerloch, des Namens wegen.

Der Klassiker unter den Sommerlochthemen freilich ist das Sommerloch selbst: Medien berichten im Sommerloch über das Sommerloch. Inzwischen berichten Medien sogar über Medien, die über das Sommerloch berichten.

Das kommt aber nur ganz selten vor. Im absoluten Notfall. So Mitte, Ende Juli.

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