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00:21 19.02.2015
Kein Strom, kein fließend Wasser, 105 Kameras: „Newtopia“ ist eine Art „Big Brother“ unter verschärften Bedingungen. Quelle: Thomas Pritschet

Am ersten Abend werden sie den Pizzaservice rufen, am nächsten Morgen bestellen sie sich sicher einen Ofen beim Baumarkt. Dann können sie selbst kochen.“ Das sagt Sandra Kavelly, die Architektin von „Newtopia“.  Das von ihr erschaffene Areal liegt in Zeesen, einem Ortsteil von Königs Wusterhausen südöstlich von Berlin. Das Gelände ist matschig, 13.500 Quadratmeter groß, früher hat es mal der Telekom gehört. 15 Menschen ziehen hier ein, um ihre Utopie einer neuen Gesellschaft umzusetzen. So jedenfalls kündigt es der Fernsehsender Sat.1 an, der sie Tag und Nacht dabei filmen wird. Am Vorabend läuft bei Sat.1 nicht mehr viel, seit die Telenovela „Verliebt in Berlin“ 2007 die Segel strich. Es kann gut sein, dass es wirklich Weltverbesserer braucht, um diese Uhrzeit mit Erfolg zu bespielen. Ein Jahr lang soll Newtopia sich im Fernsehen behaupten.

Die „Pioniere“, wie der Sender sie nennt, sind zwischen 18 und 65 Jahre alt und nach Konfliktpotenzial ausgewählt. Es gibt den Hartz-IV-Empfänger, der nichts dagegen hätte, wenn „die Mauer wieder aufgebaut wird“. Daneben die Künstlerin, die jede Autoritätsperson ablehnt. Dann den Mann, der „nichts gegen Gruppensex“ hat, ihm zur Seite eine Frau, die glaubt, man könne keine Utopie des Glückes etablieren, wenn „jeder mit jedem vögelt“.

„Es ist in diesem Jahr europaweit das größte und teuerste TV-Projekt, das wir anschieben“, sagt Kavelly. „Newtopia“ heißt die Realityshow. In den Niederlanden und der Türkei läuft das Projekt mit großem Erfolg. In den USA hingegen ist es vorzeitig abgesetzt worden. Kavelly sagt, die Amerikaner hätten das Konzept zu sehr verwässert. „Sie haben in der Wüste vor Los Angeles ein kleines Dorf gebaut, es war dort nicht entbehrungsreich, es wirkte wie ein Urlaubscamp.“

In Zeesen soll es anders zugehen. Als Besitz gilt nur, was man beim Einzug am Leib trägt. Es gibt keinen Strom, keine Toilette, kein Wasser, keine Heizung, keine Betten, nur ein altes Handy mit 25 Euro Guthaben. Über den Umgang mit dem Startkapital von 5000 Euro wird abgestimmt. Es kann etwa ein Wasser- und Stromanschluss beantragt werden. Die 15 Menschen sollen Handel treiben, nur das Areal dürfen sie nicht verlassen. Jeden Monat werden mittels Votum der Bewohner und des Fernsehpublikums einige der „Pioniere“ nominiert, die das Camp verlassen sollen. Im Gegenzug ziehen zwei neue Utopisten ein, die letztlich entscheiden, wer von den Nominierten auszieht. Es wird keinen Sieger geben, es gilt zu überleben. Finanziell und sozial. 8187 Bewerber gab es.

Es gibt eine Scheune und einen kleinen Stall auf dem Gelände. Im Teich schwimmen 25 Regenbogenforellen, die man fangen und essen kann, wenn man die Gerätschaft dazu hat. Es gibt 25 Hühner, die legen Eier – die Eier lassen sich verkaufen, man muss nur Kunden finden, doch dazu müsste man Annoncen schalten, also einen Internetanschluss beantragen. „Im klügsten Falle schlafen die Bewohner in den ersten Nächten im Stroh bei den zwei Jersey-Kühen“, sagt Projektleiter Matthias Wolf. Dann könne man sich Betten zimmern oder kaufen. Es sei nicht leicht gewesen, so ein rudimentäres Gelände einzurichten, die deutsche Bauordnung verlange Strom, Toilette, Abwasser, erläutert Wolf. Auf all das hat Sat.1 mit Bedacht verzichtet. Man musste sich um Ausnahmegenehmigungen kümmern. 105 Kameras sind auf dem Terrain installiert, jedes Wort wird eingefangen, jede Regung gefilmt. Nachts arbeiten Infrarotkameras.

Das eigentliche Utopia hat Thomas Morus vor 500 Jahren erdacht. Er schrieb von der idealen Gesellschaft und platzierte sie auf die fiktive Insel Utopia. Ein Ort, wo Gleichheit, Überfluss und Zufriedenheit herrschten. Die Menschen waren dort glücklich. Nie hat es so eine Gesellschaft in der Realität gegeben. Ausgerechnet im Privatfernsehen soll sie nun zur Blüte treiben?

Von Lars Grote

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