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00:19 14.08.2014
Von Martina Sulner
In Pose: Boxer Rukelie Trollmann Ende der zwanziger Jahre. Quelle: Frank Wilde
Hannover

Es ist nur eine kleine Bäckerei in Berlin-Kreuzberg, doch was dort geschieht, ist typisch. Anfang Juni 1933 liegen im Schaufenster der Bäckerei Brätzke Autogrammkarten von Johann „Rukelie“ Trollmann aus. Der Boxer steht kurz vor dem Wettkampf um die Deutsche Meisterschaft, und die beiden Verkäuferinnen bei Brätzke schwärmen für den Sportler. Sie finden ihn über die Maßen attraktiv, und sie bewundern seinen Boxstil: seine Schnelligkeit, seine hervorragende Beinarbeit, die Leichtigkeit, mit der er im Ring kämpft. Als Trollmann ihnen zwei Autogrammkarten schenkt, legen sie die stolz aus. Ein paar Wochen später müssen die Autogramme aus der Auslage verschwinden. Der Blockwart hat es - bei Androhung von Strafe - angeordnet. In einem deutschen Laden dürften nicht Autogramme eines „undeutschen“, „nicht-arischen“ Sportlers ausliegen. Und als solcher gilt der 1907 in der Nähe von Gifhorn geborene und in Hannover aufgewachsene Trollmann plötzlich. Weil er Sinto ist.

Die Geschehnisse in der Bäckerei sind fiktiv, die Geschichte von „Rukelie“, wie er genannt wurde, ist es nicht. Im Sommer 1933 gewann er den Meisterschaftskampf im Halbschwergewicht - ein paar Tage später erkannte man ihm den Titel ab. Ein „Zigeunerboxer“ sollte diesen Ehrentitel nicht tragen dürfen.

In ihrem Roman „Deutscher Meister“, der heute erscheint, erzählt Stephanie Bart von Rukelie Trollmann. Jahrzehntelang war das Schicksal des Boxers, der 1944 in einem Außenlager des KZ Neuengamme ermordet wurde, nahezu vergessen oder totgeschwiegen. 2008 kam Roger Repplingers Sachbuch „Leg dich, Zigeuner“ heraus, das die Lebensgeschichten von Trollmann und dem HSV-Fußballer und SS-Mann Tull Harder, der zur Wachmannschaft in Neuengamme gehörte, schildert. Vor vier Jahren wurde im hannoverschen Ballhof das Theaterprojekt „Trollmanns Kampf“ uraufgeführt; Anfang 2013 hatte Eike Besudens Film „Gibsy“ über den Boxer Premiere.

Stephanie Bart zeichnet in ihrem Roman nicht die Biografie Trollmanns nach. Der Boxer steht zwar im Mittelpunkt, doch die Autorin, die bislang nur den Roman „Goodbye Bismarck“ veröffentlichte, schreibt über zahlreiche Figuren. Da gibt es die Verkäuferinnen in der Bäckerei, Trollmanns Manager, seinen Trainer, einen britischen Boxenthusiasten, duckmäuserische Journalisten - und Trollmanns Widersacher, darunter den Ersten Vorsitzenden des Verbands Deutscher Faustkämpfer, einen ehemaligen Fleischer. „Er hatte eine kleine Metzgerei in einer ruhigen Seitenstraße besessen, die prompt vom internationalen Weltjudentum mit seinen undurchsichtigen Machenschaften in den Ruin getrieben worden war“, heißt es zu Beginn des Romans. Schon im März 1933 beginnt der Vorsitzende mit der „Säuberung“ des Vereins; er kontrolliert die Mitgliedslisten und streicht mit dem Lineal die jüdischen Boxer und Funktionäre durch: „Der Erste Vorsitzende machte die Juden weg“, heißt es lapidar.

Der Roman beschränkt sich zeitlich auf ein paar Monate im Jahr 1933, doch weist er von der ersten Seite an auf die folgenden Jahren und das folgende Grauen hin. In ruhigem Erzählton, aber mit viel bitterer Ironie erzählt die Autorin von der Gleichschaltung des Verbands und der Presse, von Arier-Wahn, von Gewalt - und auch davon, wie Trollmann lange glaubt, dass er nur gut boxen müsse, um anerkannt zu werden. Eine fatale Fehleinschätzung des herausragenden Sportlers.

Stephanie Bart entwickelt keine Charakterstudie Trollmanns, sondern vielmehr ein vielschichtiges Bild seines Umfelds. Immer wieder, wie in einem Film, blendet sie zwischen verschiedenen Szenen hin und her. So schreibt die 1965 geborene Autorin, wie Trollmanns Familie von Hannover zum Meisterschaftskampf nach Berlin reist, wie sein Manager, sein Trainer und sein Gegner Adolf Witt die Stunden vor dem Kampf erleben - und blendet dabei mehrmals zu einem anderen großen Boxkampf hinüber: dem Fight zwischen dem Amerikaner Max Baer und Max Schmeling am 8. Juni 1933 in New York, den der Deutsche verlor.

Man merkt, wie gut die Autorin sich mit der Historie des Boxens auskennt; detailliert und mit ansteckender Begeisterung beschreibt sie die zahlreichen Kampfszenen, erklärt quasi nebenbei, worauf es im Ring ankommt.

Dem Buch hätte es gut getan, wenn Autorin Bart auf einige der Nebenfiguren verzichtet hätte. Doch auch so ist „Deutscher Meister“ ein spannender, berührender Roman, der eine große, grausame Geschichte erzählt. Der kurze Epilog über Johann Trollmanns Schicksal nach 1933 endet mit den Worten: „Ehre seinem Andenken, Friede seiner Asche“.

Stephanie Bart: „Deutscher Meister“. Hoffmann und Campe. 383 Seiten, 22 Euro.

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