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Medien RTL will mit minimalem Aufwand erfolgreich bleiben
Mehr Welt Medien RTL will mit minimalem Aufwand erfolgreich bleiben
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21:09 12.07.2010
Von Imre Grimm
Neue Show für Günther Jauch: Der zukünftige Sonntagstalker im Ersten gibt „stern tv“ ab, ist aber weiter in „5 gegen Jauch“ mit Oliver Pocher, „Wer wird Millionär?“ und dem neue Quiz-Event „Alt gegen Jung – Das Duell der Generationen“ zu sehen. Quelle: dpa (Archiv)

Was macht eigentlich RTL? Man hat ja länger nichts gehört von den Krawallbrüdern aus Köln vor lauter WM und Bundespräsidentenwahl. Gut – neun Spiele aus Südafrika durfte auch RTL zeigen. Pech für Günther Jauch und Jürgen Klopp, dass das allesamt ziemliche Gurkenkicks waren, gute Quote hin oder her. Nun also will der private Marktführer wieder durchstarten. Aber so nüchtern nennt RTL-Chefin Anke Schäferkordt das natürlich nicht bei der Präsentation des RTL-Programms für die Saison 2010/11 im Hamburger Lokal „Seepferdchen“ am Hafen. „Ich will Ihnen ein Lächeln aufs Gesicht zaubern“, sagt sie. Denn sie habe „noch einige Verspanntheit bei Ihnen verspürt“.


Kann am WM-Aus gegen Spanien am Vorabend liegen. Kann aber auch am RTL-Programm liegen.

Die Budgets sind auf Kante genäht, das kann man sehen. Der Sender dröhnt von „einzigartigen visuellen Erlebnissen“, als habe man soeben das Fernsehen erfunden. Pech nur, dass das visuelle Erlebniss doch wieder nur Peterzwegatausberlin heißt, der künftig noch ärmere Säue mit noch höheren Schulden noch strenger an die Kandare nehmen wird. Auch die „Super Nanny“ darf weitermachen. Gestrichen wird dagegen „Teenager außer Kontrolle“, „Süchtig“ und „Die Ausreißer“ – zu brachial.

Das ist einer der TV-Trends der letzten Jahre: Harmonie liegt im Kommen, Rumbrüllen ist out. Schäferkordt sieht „Sättigungseffekte bei zu konfliktintensiven Real-Life-Formaten“. Heißt übersetzt: RTL sucht Liebe statt Hiebe.

Kreischende Schulabbrecher, die ihre kettenrauchenden Eltern im Nachmittagsprogramm in unsäglich peinlichen, frei erfundenen „Geschichten“ herumschubsen, ziehen nicht mehr. „Wir müssen uns verändern“, hat die 47-jährige Senderchefin (und ehemalige Controllerin) erkannt. Das neue Zauberwort bei RTL heißt „Leichtigkeit“. Schäferkordt verwendet es 23 Mal in 90 Minuten. „Humor und Leichtigkeit sind in Krisenzeiten eine willkommene Abwechslung.“

Erstmals seit Jahren hat RTL wieder klassische, 30-minütige Sitcoms in der Entwicklung, verrät aber noch nichts. Fortgesetzt werden die vier Eigenserien „Doctor’s Diary“ (dritte Staffel), „Countdown“ (zweite Staffel), „Lasko“ (dritte Staffel) und der Dauerbrenner „Alarm für Cobra 11“. Auch neue US-Serien werden derzeit getestet. In Sachen Eigenspielfilm setzt der Sender im Herbst auf ein sehr überschaubares Portfolio dünner Massenware mit wenig versprechenden Titeln wie „Geister inklusive“, „Undercover love“, „Das Vermächtnis der Arche“, „Westflug – Entführung aus Liebe“ oder auch „Die Akte Golgatha“, einen religiös verbrämten Mystery-Thriller, in den sich sogar die arme Katharina Schüttler als „naiv-freche Romanautorin“ verirrt hat. Einziges Qualitätswagnis ist im Frühjahr 2011 der Event-Zweiteiler „Hindenburg“ über das Zeppelin-Unglück am 3. Mai 1937 in Lakehurst (USA)mit Ulrich Noethen, Hannes Jaennicke, Christiane Paul, Heiner Lauterbach und Greta Sacchi – der teuerste RTL-Film aller Zeiten.

Der Gefahr, das beste Pferd im Stall endgültig an die Konkurrenz von der ARD zu verlieren, begegnet RTL mit einer neuen Show für Günther Jauch. Der zukünftige Sonntagstalker im Ersten gibt nach 20 Jahren „stern tv“ ab (die Nachfolge ist noch nicht geregelt), ist aber weiter in „5 gegen Jauch“ mit Oliver Pocher, „Wer wird Millionär?“ und dem neue Quiz-Event „Alt gegen Jung – Das Duell der Generationen“ zu sehen. Auch Hape Kerkeling macht nach Jahren mal wieder bei RTL Station – mit „Hapes zauberhafte Weihnachten“, Gastauftritte von Horst Schlämmer und Uschi Blum inklusive.

Abgesehen vom Zeppelin spielt RTL in der neuen Saison klar auf Halten: hinten alles dicht, und nach vorne geht wenig. Marktführer mit 17,8 Prozent in der Zielgruppe – da ist kein Platz für Experimente. Was in Hamburg über die Monitore flimmert, ist eher die hohe Kunst des Trailerschnitts als die hohe Kunst des Fernsehmachens. Und allen Harmoniebestrebungen zum Trotz: Auch Schadenfreude-TV behält seinen festen Platz bei RTL: mit neuen Staffeln der Fremdschäm-Reihen „Bauer sucht Frau“ und „Schwiegertochter gesucht“, der siebten Staffel von „Deutschland sucht den Superstar“ und dem unvermeidlichen „Dschungelcamp“ im Januar 2011 (die C-Promi-Boulevardsause fiel in diesem Jahr wegen zu hoher Kosten aus) sowie einer neuen Reihe für die schon mehrfach als gnadenlose Sozialschnüfflerin aufgefallene Hartz-IV-Ermittlerin Helena Fürst, die sich jetzt „Anwältin der Armen“ nennen darf.

Anwältin der Armen? Es ist exakt diese Rolle, die Schäferkordt für ihren gesamten Sender vorsieht. RTL solle „das Sprachrohr des Bürgers sein“, sagte sie in Hamburg, ohne mit der Wimper zu zucken. RTL will Urlaubern gegen „Abzocker“ helfen, Rechtsirrtümer aufklären, Nachbarschaftsstreits schlichten, Knastbrüder bespaßen, Restaurants retten, Kleingärten gestalten, Häuser renovieren, Jobs besorgen, Teenager beruhigen, Kätzchen von den Bäumen retten, alten Damen über die Straße helfen – man sieht sich offenbar als eine Art „gelbe Engel“ des Alltags. Der Sender der Liebe. Nachdem Deutschland inzwischen quasi komplett durchgecastet ist, muss etwas Neues her.

Wundern Sie sich also nicht, wenn ihnen im Winter plötzlich ein RTL-Moderator beim Schneeschippen hilft. Oder bei der Seelenwanderung. In „Mein erstes Leben“ begleitet Moderatorin Katja Burkard Menschen „bei ihrer Rückführung in einer frühere Existenz“. In ein Leben also, als es RTL noch nicht gab. Herrlich. Wie sieht das bloß aus? Verpufft Katja Burkard dann plötzlich?

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