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Mehr Welt Medien Neue Serie über Drogenboss Escobar
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00:17 31.08.2015
Mit Dynamit und Schnauzer: Pablo Escobar (Wagner Moura) in der Netflix-Serie "Narcos". Quelle: Daniel Daza
Hannover

"Plata o plomo?" – was für eine Wahl! Nämlich zwischen Silber oder Blei: den Möglichkeiten, sich korrumpieren oder exekutieren zu lassen. Pablo Escobar (1949–1993) pflegte seine Gegenüber vor genau diese Wahl zu stellen. Der berüchtigte kolumbianische Drogenbaron steht im Zentrum von „Narcos“, der neuen selbst produzierten Serie des Streamingdiensts Netflix, deren erste Staffel ab heute zu sehen ist.

Wie ein rabenschwarzes Märchen mutet die Lebensgeschichte dieses Pablo Escobar an, der als viertes von sieben Kindern eines Viehzüchters zu einem der reichsten Menschen der Welt wurde und zeitweise 1,5 Millionen Dollar am Tag verdiente, auf dessen Konto mehr als 1000 tote Polizisten gehen und der zugleich, wegen seiner Spenden für die Armen, von Teilen der kolumbianischen Bevölkerung als moderner Robin Hood gefeiert wurde. Und wie im Märchen erzählt eine Stimme aus dem Off die Geschichte, begrüßt die Zuschauer in der Heimat des magischen Realismus, „in dem Träume und Realität verschwimmen“.

Die Stimme gehört dem US-Drogenfahnder Steve Murphy (Boyd Holbrook), einem Mann mit Cowboy-Attitüde, blond und idealistisch, der sich Anfang der Achtzigerjahre nach Bogotá versetzen lässt, um die bösen Buben zu jagen, die seine Heimat mit der Modedroge Kokain überschwemmen. Sein neuer Kollege Javier Pena macht ihm schnell klar, dass es hier nicht um einen Kampf von Gut oder Böse geht, sondern bestenfalls um eine moralisch gerade noch haltbare Positionierung in Grauzonen.

„Wir hatten keine Ahnung, worauf wir uns da eingelassen hatten“, spricht der gealterte Murphy aus dem Off. „Narcos“ verschweigt auch nicht, dass gerade die USA mit ihrer Unterstützung des chilenischen Diktators Augusto Pinochet den kolumbianischen Kartellen Vorschub leisteten.

Gnadenloser Pseudorealismus

Gezeigt wird eine Welt aus Sex, Drogen und Gewalt, also all das, was US-Erfolgsserien von den „Sopranos“ über „Breaking Bad“ bis zu „House of Cards“ so unwiderstehlich machten. Viele Darstellungen sind explizit. Was „Narcos“ (der Titel steht für die lateinamerikanischen Drogengangster) allerdings unterscheidet, ist der gnadenlose Pseudorealismus.

Der Produzent José Padilha („Onibus 174“, Tropa de Elite“), der bei den beiden ersten Folgen auch Regie führte, kommt vom Dokumentarfilm – und das ist offensichtlich. Gedreht wurde an Originalschauplätzen; auch in der deutschen Version sprechen die Kolumbianer Spanisch. Nur die englischen Stimmen wurden synchronisiert. Mit flirrender Handkamera geht es mitten hinein ins Geschehen, die Ausstattung ist liebevoll, die Schnauzbartdichte deutlich höher als einst beim zeitgenössischen Hochglanz-Gegenstück „Miami Vice“. Und immer wieder schneidet Padilha reale Archivaufnahmen hinein.

Dabei verzichtet er auf große Namen. Das kommende Bond-Girl Stephanie Sigman gibt die Escobar-Gespielin Valeria Vallejo, eine Journalistin, die dessen politische Ambitionen befördert. Den abgeklärten Drogenfahnder Pena spielt der charismatische Chilene Pedro Pascal, der gerade eine Paradevorstellung als Oberyn Martell in „Game of Thrones“ hinter sich hatte. Das größte Pfund jedoch ist der Brasilianer Wagner Moura, der sich für seine Rolle als Drogenbaron Escobar gut 20 Kilogramm anfutterte und Spanisch lernte. Mit seinem nuancierten Spiel macht er nicht nur den monströsen Verbrecher lebendig, sondern auch den gemütlich-jovialen Gemütsmenschen. Stellenweise wirkt „Narcos“ gar wie eine Schelmengeschichte, ohne jedoch je die Grausamkeit des Geschilderten zu verschweigen.

Plata o plomo, Silber oder Blei? Im Fall von „Narcos“ lautet die Antwort: Gold.

Von Stefan Gohlisch

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