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09:23 11.09.2014
Von Imre Grimm
Vor dem Aus: Das SAT.1-Montagsmagazin "Planetopia" wird sofort eingestellt. Quelle: SAT.1

Stellen wir uns kurz vor, wir wären SAT.1-Chef Nicolas Paalzow und schalteten sonntags so gegen 0.30 Uhr mal das eigene Programm ein: Da sitzt ein soignierter Alexander Kluge und palavert aus dem Off 45 Minuten lang mit dem voluminösen Gesamtkunstwerk Peter Berling in wechselnder Verkleidung über die napoleonischen Kriege, eine „Clavigo“-Inszenierung von Claus Peymann oder „riskante Missverständnisse zwischen den Supermächten im Herbst 1983“. Unterbrochen wird das unaufgeregt gehaltene Szenario alle naselang von typografischen Unfällen im Stile einer Stummfilm-Schrifttafel, die Gesprächsbruchstücke optisch aufbereitet.

Und wir wüssten: Das guckt jetzt wieder kein Schwein. Keiner. Einfach niemand. Quote: 0,0 Prozent. Vielleicht drei weggeduselte Dauergäste und ein Geschichtsfex. Und wir müssen es trotzdem senden, obwohl man so schön „Promi Big Brother“ wiederholen könnte.

Eindeutige Botschaften

Seien wir ehrlich: Uns schwölle der Hals. Regelmäßig erregen sich Deutschlands Privatfernsehmanager über die sogenannten Drittsendelizenzen. Hinter dem anstrengenden Wort verbergen sich Programmfenster, die der Meinungsvielfalt wegen an unabhängige Drittanbieter vergeben werden müssen – quasi Kuckuckskinder im eigenen Programm (siehe Kasten). Manche dieser Sendungen – wie Kluges „News & Stories“ oder „Planetopia“ bei SAT.1 – wirken seit Jahrzehnten wie Fremdkörper. Andere dagegen – wie „stern tv“, „Spiegel TV“ oder „30 Minuten Deutschland“ bei RTL – fügen sich nahtloser ins Programm ein.

Immer wieder kommt es zu Ruckeligkeiten zwischen Produzenten und Sendern, die sich gelegentlich gegängelt fühlen. Gerade erst hatte RTL für kurze Zeit „stern tv“ und „Spiegel TV“ ausgesetzt, weil es wegen eines inzwischen korrigierten Formfehlers der zuständigen Niedersächsischen Landesmedienanstalt nicht zur Ausstrahlung verpflichtet war. Inzwischen laufen beide Shows wieder – aber die Botschaft war eindeutig: Wir zeigen euch nur unter Protest. Weil wir müssen.

Nun hat sich SAT.1 in einem seit Jahren schwelenden Rechtsstreit durchgesetzt: Der Sender muss vorerst gar keine Sendezeiten für Drittanbieter mehr zur Verfügung stellen. Das hat das Oberverwaltungsgericht Koblenz in zwei Eilbeschlüssen entschieden. Die Begründung: Die damals für SAT.1 zuständige Landeszentrale für Medien und Kommunikation Rheinland-Pfalz (LMK) hatte die Lizenz 2013 erneut für fünf Jahre an den Mainzer Medienunternehmer Josef Buchheit mit seiner Firma News and Pictures sowie Kluges DCTP vergeben – sich aber bei der Ausschreibung einseitig an Buchheits Bedürfnissen orientiert. Damit sei die Bewerbung „nicht fair und ergebnisoffen“ gewesen.

Drittsendelizenz:

Hinter dem sperrigen Begriff „Drittsendelizenz“ verbirgt sich ein rundfunkpolitisches Instrument aus den Anfangszeiten des Privatfernsehens: Kommerzielle Vollprogramme in Deutschland, die einen Marktanteil von mehr als zehn Prozent haben (oder deren Sendergruppe insgesamt auf 20 Prozent kommt), müssen laut Rundfunkstaatsvertrag unabhängigen Drittanbietern eine bestimmte Zahl von Sendeplätzen zur Verfügung stellen. Das trifft auf RTL und SAT.1 zu. SAT.1 war bislang verpflichtet, wöchentlich 180 Minuten „Fremdprogramm“ zu zeigen. Das soll die Meinungsvielfalt sichern helfen.

Wer diese Sendeplätze füllen darf, entscheiden diejenigen Landesmedienanstalten, die den Privatsendern ihre Lizenz erteilt haben. Die Bewerbung für die Lizenzen ist offen für alle Anbieter. Beispiele für Sendungen, die auf Basis der Drittsendelizenz laufen, sind etwa Alexander Kluges (dtcp) „10 vor 11“ (RTL) sowie „News & Stories“ (SAT.1) oder auch bekanntere Formate wie „stern tv“ (SAT.1) und „Spiegel TV“ (RTL). Auch die Produktionsfirma AZ Media, eine Tochter der Verlagsgruppe Madsack, liefert mit der RTL-Reportagereihe „30 Minuten Deutschland“ ein Drittsendelizenzformat. gri

Geklagt hatten in einem bisher einmaligen Akt der Sender SAT.1 selbst – der seit Jahren mit Buchheit über Produktionskosten streitet – und der damals unterlegene Mitbewerber N24 von Ex-­„Spiegel“-Chefredakteur Stefan Aust. Als der Konflikt eskalierte, war SAT.1 zum Januar 2013 gar mit seiner Sendelizenz von der NLM in Ludwigshafen zur Medienanstalt Hamburg/Schleswig-Holstein gewechselt. In der Branche sah man die Flucht in den Norden als Versuch, Mauschelei und Filz bei der Medienaufsicht in Rheinland-Pfalz zu entkommen. Buchheit und die LMK hatten gar gegen die Neuvergabe der SAT.1-Lizenz in Hamburg zu klagen versucht – vergeblich.

Für gleich mehrere SAT.1-Sendungen könnte diese „erfreuliche Entscheidung“ des Gerichts (SAT.1-Sprecherin Daniela Schadt) nun das Aus bedeuten: Das Magazin „Planetopia“ aus dem Hause News and Pictures werde sofort eingestellt, hieß es gestern bei SAT.1. Über die sonntägliche Morgensendung „Weck up“, Kluges angejahrtes Format „News & Stories“ sowie die Reportageableger von „Spiegel TV“ und „Focus TV“ werde noch beraten. Für die Firma News and Pictures bedeute das Ende von „Planetopia“, dass der Betrieb mit 25 Mitarbeitern zum Jahresende eingestellt werde, sagte Geschäftsführer Buchheit gestern. Ein Gang vor das Bundesverfassungsgericht werde noch geprüft.

Über die Lizenzen für Drittanbieter muss nun neu entschieden werden – dann in Hamburg, nicht mehr in Ludwigshafen. In den Markt der Kuckuckskinder kommt damit Bewegung. Das muss – mit Blick auf Kulturformate, die seit 26 Jahren quasi unverändert über den Sender gingen – für den Zuschauer nichts Schlechtes bedeuten. Ebenso wenig für die Transparenz in der Medienaufsicht.

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