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22:41 18.06.2013
Von Imre Grimm
„Gäste sind keine Nüsse, die man knacken muss“: Markus Lanz ist heute Abend um 23.15 Uhr zum 500. Mal mit seiner Talkshow im ZDF zu sehen. Quelle: ZDF
Mainz

Es ist ja nicht so, dass er es nicht versuchen würde. Er macht Liegestütze mit Bierkiste auf dem Rücken. Er isst in der Mongolei gekochtes Schafsauge. Er knackt öffentlich Walnüsse mit dem Hintern. Er hämmert auf’s Klavier ein, als wäre er im Herzen ein Rock ’n’ Roller. Er wandert 400 Kilometer zu Fuß zum Südpol, bis die Zehen fast erfrieren. „Seht her“, heißt das alles, „ich habe Ecken und Kanten, doch, doch. Ich bin nicht bloß der wohlgeratene Glanzanzugträger, ich bin eine coole Sau. Man kann mordsmäßig Spaß mit mir haben!“
Doch wie cool können coole Säue sein, die ständig beweisen wollen, dass sie coole Säue sind?

Es ist, als träume Markus Lanz heimlich davon, mit vier Cowboys Sprüche klopfend im Saloon zu sitzen, und alle sagen: Der Lanz, das ist kein Weichei, der ist einer von uns. Aber gleichzeitig stehen eben draußen haufenweise artige Passatfahrer mit Poloshirts und sagen: Der Lanz, der ist aber auch einer von uns. Es ist ein Drama: Je mehr Facetten der Südtiroler von sich ausstellt, je mehr Zielgruppen er abzudecken bemüht ist, desto eigenschaftsloser erscheint er. Und je verzweifelter er versucht, mal ein Bonmot zu landen („Morgens Elmex, abends Ural“), desto schlimmer das Fremdschämen.

Das ist das Problem bei Markus Lanz: Alles, was er tut, einfach alles, wirkt beflissen. Als wolle er mit jeder Geste, jedem Satz, jedem Zucken der Augenbrauen seinen Mangel an Mutterwitz und Rampensäuigkeit korrigieren. Nichts erweckt je den Anschein, als habe Markus Lanz jetzt einfach mal richtig Bock darauf, das Jacket auszuziehen und dem Affen Zucker zu geben. Das wirkt, als folgten Geist und Körper einer Choreografie, für die er selbst nicht verantwortlich ist. Markus Lanz hat den Habitus eines Getriebenen. Wie ein Wahlkämpfer, gefangen im Korsett von Erwartungen – fremden und eigenen. Mhoch2 heißt seine Produktionsfirma. Markus hoch zwei. „Es ist das Ziel, mehr zu sein als die Summe seiner Einzelteile“, sagt Oliver Fuchs, ZDF-Hauptredaktionsleiter Show und Unterhaltung. Möglicherweise wäre Lanz kein schlechter Politiker. Die Frage ist bloß, ob ein Politiker der richtige Mann ist für diesen Job.

Heute Abend ist Lanz zum 500. Mal mit der ZDF-Talkshow auf Sendung, die seinen Namen trägt. Seit 2008, seit er Johannes B. Kerner beerbte, saßen rund 2500 Gäste auf diesen merkwürdigen Sesseln, die aussehen wie geviertelte Kokosnüsse – von Bill Gates bis Tony Blair, von Karl Lagerfeld bis Hape Kerkeling. Auf den Talk mit Blair ist Lanz bis heute stolz. Denn statt sich von Blairs Verniedlichungsversuchen irritieren zu lassen („very nice shoes“), habe er hartnäckig gekontert, findet Lanz. „Habt ihr den Film ,Frost/Nixon‘ gesehen?“, fragte er hinterher sein Team. So habe auch Nixon Frost zu verunsichern versucht. Als habe sein Geplänkel mit Blair irgendetwas mit dem legendären Interview zu tun, das David Frost 1977 mit dem ehemaligen US-Präsidenten Richard Nixon führte.

„Wir Journalisten sind keine Staatsanwälte“, findet er. Gäste seien keine „Nüsse, die man knacken muss“. Also fragt er mundgerechte Anekdoten ab, simuliert mit dem Zeigefinger am Mund Empathie, wirft die Stirn zur Erzeugung von optischer Kompetenz in die zur Verfügung stehenden vier Falten. Und bejubelt mit augenzwinkernder Kumpelhaftigkeit jedes laue Scherzlein („herrlich!“). Viele Gäste kommen gern in die Sendung, kein Wunder. Bis zu 1,5 Millionen Zuschauer gucken dreimal die Woche zu. Man muss keine knallharte Tiefenrecherche erwarten am späten Abend. Aber die Karriere des Markus Lanz verrät auch etwas über die Personalnot im deutschen Fernsehen.

Der Aufstieg des gelernten Kommunikationswirtes und Ex-Lebensgefährten von Birgit Schrowange begann 1998 als „Explosiv“-Moderator bei RTL, wo er die erste Liveübertragung einer Brustvergrößerung kommentierte. Es gibt nur drei Möglichkeiten, warum jemand von dort zum Nachfolger von Thomas Gottschalk wird: A) Er ist richtig gut. B) Er hatte Glück. Oder C) Es war kein anderer da.

Es gibt ein 150-Sekunden-Video des Medienjournalisten Stefan Niggemeier, das entlarvt, wie fixiert Lanz auf seine immergleichen Gesten und Wortstanzen ist. Seine Standardbegrüßung geht so: „[allegretto] Einenwunderschönengutenabendichfreuemichsehrdasssiedabeisind – [ritardando] Herzlich willkommen [crescendo)... zu unserer [finale furioso] ... Sendung!“. Und dann spricht er seltsam gestrig, wie ein Partygast, der immer den naheliegendsten Witz erzählt. Der „zum Bleistift“ sagt statt „zum Beispiel“. Und „Alles Roger in Kambodscha“. Es ging mal um „Tiki-Taka“ in der Show, die spanische Fußballvariante, und Lanz sagte, das sei „wie Balla Balla, kurz vor Bunga Bunga“, klinge aber auch nach „Taka Tuka“.

Sie feiern ihn in diesen Tagen beim ZDF. Aber sie feiern ihn, wie die SPD Peer Steinbrück feiert: weil sie müssen. Weil man sich nun mal auf ihn geeinigt hat. Und weil Aufgeben bloß das eigene Versagen zementieren würde. Steinbrücks Schutzheiliger war Helmut Schmidt („Er kann es“). Doch das ist schon eine Weile her. Lanz’ Schutzheilige war die „Bild“-Zeitung („Lanz kann’s“). Seit Mallorca ist die Liebe erkaltet.

Nein, es ist kein guter Zeitpunkt für den 44-Jährigen, eine Flasche Champagner zu köpfen. Mit der peinlichen Sommerausgabe von „Wetten, dass ...?“ haben Lanz und seine Redaktion den großen, alten Showdampfer vor die Wand gefahren. Eiswürfel in der Hose von Gerard Butler? Ernsthaft? Geht’s noch? Es war der Tiefpunkt: humoristisch, redaktionell, dramaturgisch, quotentechnisch. Und es verrät viel über die ZDF-Borniertheit, dass nach der Sommerpause allen Ernstes Talkgäste wie Ruth Maria Kubitschek oder Claus Kleber die Wende bringen sollen. Weil das im Schnitt 61-jährige ZDF-Publikum diese eher als „Stars“ akzeptiere als die RTL-Einkäufe Paul Panzer oder Jürgen Drews. Es ist eine Kapitulation vor der Erneuerung.

Kleiner Trost: Die Leserinnen der Zeitschrift „Auf einen Blick“ haben Lanz neulich zum schönsten Moderator Deutschlands gewählt. Es ist die Zielgruppe, auf die er zählen kann. Wird Zeit, dass er mal wieder Liegestütze macht. Zum Bleistift.

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