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21:44 26.06.2013
Von Imre Grimm
Da hilft auch Sackhüpfen nichts: Markus Lanz kommt mit „Wetten, dass ...?“ nicht bei den Zuschauern an. Und Holywood macht sich über das ZDF lustig. Quelle: dpa
Mainz

Fassen wir das Elend kurz zusammen: Die großen Hollywoodstars? Vergrault. Spätestens, seit Gerard Butler auf Mallorca Eiswürfel in der Hose hatte. So etwas spricht sich herum in New York und Los Angeles.

Der Versuch, mit RTL-Leihgästen „junge Zuschauer“ anzulocken? Gescheitert. Als ob sich junge Zuschauer automatisch für Trash interessieren, bloß weil sie jung sind. Zu blöd waren dem ZDF-Publikum schrille RTL-II-Renommisten wie das Millionärsehepaar Carmen und Robert Geiß und seltsame Bierzeltsänger wie Mickie Krause und Tim Toupet.

Die Quote? Auf Rekordniveau – im negativen Sinne. Noch nie in 32 Jahren und 209 Sendungen haben so wenig Menschen „Wetten, dass ...?“ gesehen wie am 8. Juni aus Palma: 6,74 Millionen.

Cindy aus Marzahn? Will nicht mehr. Die pinkfarbene Prinzessin der Herzen, die Markus Lanz’ Defizite in Sachen Mutterwitz und Wärme ausgleichen sollte, wirft hin. „Aus Zeitgründen“, wie sie sagte. Im Herbst startet ihre neue Bühnentour „Pink is bjutiful“. Außerdem aber, erzählt man sich, habe sie ein feines Gespür dafür, wann ein Zug gegen die Wand fährt.

Die Redaktion? Machte haarsträubende Fehler. Selbst Thomas Gottschalk, bisher um diplomatische Zurückhaltung bemüht, brach angesichts der Mallorca-Show „der Schweiß aus“, wie er in der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ schrieb. Denn neben der abgezockten Rampensau Stefan Raab sah Markus Lanz aus wie Mario Götze bei den Hells Angels. „Nur so viel: Barack Obama käme nie darauf, einen Taliban-Häuptling auf sein Sommerfest einzuladen“, schrieb Gottschalk. „Wer hat um Himmels willen die Schnapsidee gehabt, den Duschkopf-Terroristen Raab als Gast, und noch dazu als ersten, in die Arena zu holen?“

Das ist die Lage. Sie ist ernst. In der Wirtschaft würde man sagen: „Wetten dass ...?“ ist „nicht gut aufgestellt“. Mit der Reform des Klassikers ist es wie mit dem SPD-Wahlkampf: Die Sache kommt nicht in Fahrt, weil a) der verunsicherte Kandidat und das Produkt nicht zusammenpassen, b) das Team im Hintergrund dazwischengrätscht und c) eine Mischung aus Ratlosigkeit und Fatalismus über dem ganzen Unternehmen schwebt.

„Wir werden die Sommerpause intensiv nutzen, um mit allen Beteiligten an der Sendung zu arbeiten“, sagte ZDF-Programmdirektor Norbert Himmler. Die erste Entscheidung ist gefallen: Am kommenden Montag übernimmt Oliver Heidemann die Leitung der „Wetten, dass ...?“-Redaktion. Er folgt auf Birgit Göller, die sich seit Mitte 2010 um die Sendung gekümmert hatte. Eigentlicher Chef im Ring aber ist und bleibt Oliver Fuchs, seit Mitte 2012 ZDF-Unterhaltungschef. Er erhofft sich „neuen Spirit durch eine neue Spitze“.

Fuchs war vor seinem ZDF-Job Trash-Experte beim deutschen Ableger der niederländischen TV-Firma Eyeworks. Er verantwortete zum Beispiel die RTL-Fremdschäm-Kuppelshow „Schwiegertochter gesucht“ oder die bei Vox gefloppte Matthäus-Dokusoap „Lothar – Immer am Ball“. Seine RTL-Beziehungen sind eine mögliche Erklärung dafür, warum zuletzt gern mal „private“ Helden auf Lanz’ Sofa saßen. Und warum Cindy, die zur neuen TV-Saison von RTL zu SAT.1 wechselt, sich aus dem Fuchs’schen Kosmos zurückzuziehen scheint.

Fuchs’ neuer rechter Arm Heidemann hat Musikwissenschaft, Publizistik und Germanistik in Münster studiert und über französische Operngeschichte promoviert. Er ist seit 1999 beim ZDF, zuletzt verantwortlich für die Redaktion „Music and Variety“ in der Hauptredaktion Show. Zu „seinen“ Formaten gehörten der „Echo Klassik“, „Götz Alsmanns Nachtmusik“, die neue „Helene Fischer Show“ und (bis zur Einstellung 2007) die „Lustigen Musikanten“ mit Marianne und Michael. Ein Klassik- und Schlagerexperte als Retter von „Wetten, dass ...?“ Das passt zum angeblich intern diskutierten Plan, künftig eher auf Iris Berben oder Ruth Maria Kubitschek zu setzen als auf Cameron Diaz, Katie Melua oder Jennifer Lawrence. Lanz fühle sich wohler mit deutschen Gästen, heißt es. Außerdem akzeptiere das traditionelle ZDF-Publikum nationale Gesichter eher als „Stars“. Das heißt: Rückzieher statt Offensive. Die neue Zielgruppe ist die alte.

Nichts gegen Kubitschek & Co. – aber ist Neobiedermeier wirklich das richtige Rezept für eine moderne Familienshow? Was für ein bitteres Symptom der kreativen Krise im Zweiten. Gerade die jüngere Vergangenheit hatte kurz der Hoffnung Nahrung gegeben, dass das ZDF an die Gegenwart anzuknüpfen bereit sei: Die Programmreform 2011 brachte frischen Wind. Volksmusik wurde reduziert. Joko Winterscheidt und Klaas Heufer-Umlauf liefen sich bei ZDFneo warm. Bei ZDFkultur erfanden „Roche & Böhmermann“ die Talkshow neu. Oliver Welkes „heute show“, wirkte mit ihrem seziererischen Scharfsinn aufklärerischer als tradierte „seriöse“ Journalismusformate. Und ausgerechnet Mainz galt – Donnerwetter – plötzlich als TV-Pionier.

Aber dann ging vieles schief: Joko und Klaas wanderten zu Pro7 ab. „Roche & Böhmermann“ zerstritten sich. ZDFkultur wird ersatzlos gestrichen. Und Fuchs redet sich die Mallorca-Katastrophe schön: „Saisonale Schwankungen, insgesamt geringere Sehbeteiligungen im Sommer oder sommerliches Wetter machen die Quotendiskussion schwierig.“

War’s das also schon mit der Frischwindoffensive? Ein paar RTL-Stars einladen und gucken, ob einer guckt? Und wenn keiner guckt, dann geht’s gleich zurück in den sicheren Hafen des Seniorenfernsehens? Das ewige Geschrei nach sofortiger Einstellung von „Wetten, dass ...?“ ist billig. Genauso billig aber ist es, nach ein paar halbherzigen Krawallexperimenten schon sämtliche Verjüngungstendenzen aufzugeben. Wenn Hollywood nicht zu Lanz passt – muss das dann zwingend an Hollywood liegen?

Heidemann, der Neue, sei ein „erfahrener, kreativer und durchsetzungsstarker Unterhaltungsmacher“, lobte Fuchs seine eigene Personalentscheidung. „Wir werden gemeinsam daran arbeiten, zusammen mit Markus Lanz eine starke nächste Staffel an den Start zu bringen.“
Die erste Sendung nach der Sommerpause kommt am 5. Oktober aus Bremen. Der letzte Versuch freilich, mit einem neuen Redaktionsleiter eine kranke Show zu retten, ging schief. Die Sendung hieß „Gottschalk live“.

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