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Medien Johnny Rotten: „Freier Wille, das ist Punk“
Mehr Welt Medien Johnny Rotten: „Freier Wille, das ist Punk“
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16:50 25.07.2017
Sein Gehirn betrachtet er als sein wichtigstes Instrument: Der Sänger und Moderator Johnny Rotten. Quelle: obs
Hannover

Er ist eine Legende und Punk der ersten Stunde: Johnny Rotten präsentiert derzeit den Arte „Summer of Fish ’n’ Chips“.

Guten Morgen Miami, wie spricht man Sie am besten an – John, Johnny, Mr. Lydon, Mr. Rotten?

Also, auf John reagiere ich manchmal ganz gut.

Bei der Vorstellung der von Ihnen moderierten Reihe „Summer of Fish ’n’ Chips“ hat Arte Sie als Herr Rotten angekündigt.

Mit hartem deutschen R? Großartig.

Wie ist Ihr Verhältnis zu Deutschland?

Historisch betrachtet eher distanziert, aber meine Frau ist Deutsche, also doch recht eng.

Moderiert der vielleicht bekannteste lebende Punkrocker aus England deshalb eine deutsche Fernsehsendung?

Vielleicht. Aber erst in der Kombination „deutsch-französisch“ klingt es richtig gut. Ihr als Host zu dienen, empfinde ich gerade wegen dieser jahrhundertealten Feindschaft bis zum Zweiten Weltkrieg als angenehm europäisch. Außerdem liebe ich visuelle Kunst.

Sie sehen also fern?

Ich höre praktisch nie damit auf! Soll ich Ihnen die erste Erfahrung mit dem deutschem TV erzählen? Ein Auftritt von James Last und seinem Orchester vor ungefähr 45 Jahren, das mit geschwärzten Gesichtern New Orleans Jazz zu einer Art Umpaah-Techno parodiert hat. Entsetzlich! Ich habe gar nichts gegen ihn, er ist ein hervorragender Musiker, aber wenn es zu einem stilistischen Wettstreit mit der britischen Musik käme, James wäre last …

Wie fühlt es sich für Sie an, Teil der britischen Popkultur zu sein?

Wenn man nie versucht hat, populär zu sein, sehr gut. Wie Public Image Ltd. zum Beispiel ) Der Ursprung von Pop ist doch immer die Kunst, allerdings nicht wie anderswo unterteilt in Bild, Wort oder Ton, sondern alles in einem. Wobei es mir dabei immer um Integrität ging. Ich habe nie jemandem etwas vorgespielt, wie es der Pop oft tut.

Andererseits geht die Legende, die Sex Pistols seien eigentlich eine gecastete Boygroup gewesen.

Ach, der Neid ist und bleibt doch eines der mächtigsten Gefühle im Universum … Andererseits wäre die Sache mit der Boygroup ja ein wundervolles Kompliment an meinen Gesang, also danke dafür. Und als humorvoller Mensch akzeptiere ich sowieso jede Form der Herabsetzung. Vielleicht hat das was mit meiner Erziehung in einem katholischen Kloster zu tun. Sehr qualvoll, aber es hat mich duldsam gemacht.

Auch religiös?

Wenn man von einer Idee so indoktriniert wird wie ich damals, lehnt man sich entweder radikal dagegen auf oder fließt mit dem Strom. Und bei allem, was ich mir im Leben vorzuwerfen habe, gehört Letzteres sicher nicht dazu. Aber die Nonnen haben es mir auch ziemlich leicht gemacht. Weil Linkshänder wie ich seinerzeit als Gesandte Satans galten, wurde ich vom ersten Tag an misshandelt. Außerdem war ihnen verdächtig, dass ich schon mit vier lesen und schreiben konnte. Deshalb war ich wohl auch so ein schlechter Schüler.

Und schon frühzeitig ein Rebell?

Eher das, was ein Kind für rebellisch hält. Die Beatles zum Beispiel konnte ich anfangs musikalisch nicht leiden, was schon frühzeitig meinen Hang zur Antimusik gezeigt hat. Aber ihre Frisuren entsprachen exakt meiner Vorstellung von Aufsässigkeit. Und wo wir gerade davon sprachen: Ohne Deutschland, besonders Hamburg, hätte es die Beatles nie gegeben und damit die wichtigste Band der Popkultur. So viel zur Bedeutung Englands.

Was halten Sie denn von den anderen Künstlern, die Sie im „Summer of Fish ’n’ Chips“ präsentieren?

Also die Rolling Stones hatten eine Reihe sehr inspirierender Platten, was ihre Karriere absolut rechtfertigt. Das Gleiche gilt für andere Bands, die bei Arte mit fantastischen Filmen gewürdigt werden. Depeche Mode zum Beispiel, und zwar schon wegen „Personal Jesus“. Für Opfer des Katholizismus ein saukomischer Song. Außerdem mag ich die Sleaford Mods mit ihrer rauen, verstörend unerbittlichen Art, die Verhältnisse zu kommentieren.

Sind Sie mit über 60 Jahren denn noch so politisch wie als junger Punk?

Selbst wenn ich versuchen würde, es nicht zu sein, würde mich die Tagespolitik schlicht überrollen. Nehmen Sie den Brexit, den ich anders, als mal kolportiert wurde, nie unterstützt habe. Die Menschen wurden da so lange desinformiert, dass sie entweder dafür waren oder nicht abgestimmt haben. Furchtbar.

Haben Sie als bekannter Teil der Popkultur da mehr politischen Einfluss als andere?

Da ich in den meisten Ländern der Welt schon mal Einreiseverbot hatte und vom Parlament als Hochverräter eingestuft wurde, wohl schon. Sehr ehrenvoll, aber auch gefährlich. Damals stand darauf in England ja noch die Todesstrafe. Umso wichtiger war es für mich, den Mächtigen dabei zuzusehen, wie sie sich aus purer Angst lächerlich machten. Das hat meine Empathie für die Entrechteten der Welt nur geschärft.

Was halten Sie von Ihrem Label als Urvater des Punk?

Ich bevorzuge King of Punk, dieser Titel wurde mir quasi verliehen, und irgendwie habe ich ihn mir ja auch verdient.

Wodurch?

Integrität. Den Menschen nichts vorzumachen. Freier Wille – das ist Punk! Und sich nie unterkriegen zu lassen. Jeder hat nämlich das Recht auf eine Karriere. Britney Spears zum Beispiel mag nicht die intelligenteste Lebensform des Planeten sein, aber für die einen hat sie einfach tolle Musik gemacht, für andere sah sie heiß aus in ihrem Schulmädchen-Outfit; jeder kann sich da etwas rausziehen. Wer den ungeheuren Aufwand betreibt, Musik oder welche Kunstform auch immer zu machen und sich damit der Öffentlichkeit zu stellen, verdient für diesen Mut Anerkennung. Mehr verlange ich auch nicht für das, was ich mein Leben lang getan habe.

Machen Sie noch immer Musik?

Ja. Ich nenne es Throat-Whistle. Nur die Stimme, sonst nichts. Es ist mein Ehrgeiz, in Regionen zu singen, die für mich bislang unerreichbar waren. Nachdem ich die Geschichte der Musik studiert habe, wurde mir klar, dass sie nichts ist als Imitation der Natur. Das Erste, was der Mensch vor Urzeiten hatte, sich künstlerisch auszudrücken, war seine Stimme. Obwohl – ein Instrument ist mir noch wichtiger: mein Gehirn. Ich versuche bewusst, meine Gefühle durch seine Kraft in Worte zu verwandeln.

Von Jan Freitag/RND

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