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Medien „Es ist kein Film für Christian Wulff“
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00:15 28.02.2014
Kai Wiesinger spielt in „Der Rücktritt“ den ehemaligen Bundespräsidenten Christian Wulff. Quelle: Archiv

KAI WIESINGER wurde 1966 in Hannover geboren und feierte 1992 seinen Durchbruch in Sönke Wortmanns Kultfilm „Kleine Haie“. Er war seitdem in vielen Kinofilmen und Fernsehproduktionen wie „14 Tage lebenslänglich“, „Dresden“ oder „Die Gustloff“ zu sehen. Wiesinger war mit der Schauspielerin Chantal de Freitas verheiratet, die im vergangenen Jahr starb, und hat aus dieser Ehe zwei Töchter. Der 47-Jährige ist mit Schauspielkollegin Bettina Zimmermann liiert.

Herr Wiesinger, Sie sagen in einem „Making-of“ zum SAT.1-Dokudrama „Der Rücktritt“: „Es ist schrecklich, wenn man derjenige ist, über den ein Film gemacht wird.“ Warum finden Sie den Film über Christian Wulff dennoch wichtig?
Ich kann mir in der Tat vorstellen, dass es aus der Perspektive desjenigen, über den so ein Film gemacht wird – der nicht nur  eine Lobeshymne ist –, schrecklich ist. Aber wenn man einen öffentlichen Beruf ausübt, dann werden die Persönlichkeitsrechte etwas eingeschränkt. Dann muss man damit leben können, dass gewisse Dinge  beobachtet und beschrieben werden. Wir versuchen darzustellen, wie Wulff und die anderen handelnden Personen sich gefühlt haben könnten. Und mir ist wichtig, dass wir eine Diskussion darüber führen, wie wir in Deutschland miteinander umgehen wollen.

Sie erhoffen sich eine gewisse Wirkung?
Ich erhoffe mir von jeder kreativen Leistung eine gewisse Wirkung, sonst wäre sie sinnlos. Im Museum gibt es auch Bilder, die nur dazu da sind, einen zu erfreuen, wie ein schöner Blumenstrauß. Und es gibt solche, die mich verändert zurücklassen. So eine Wirkung wünsche ich mir auch von diesem Film.

Faktencheck

Kurz nach Ende des Films lesen Sie an dieser Stelle einen "Faktencheck" – wie sehr hält sich "Der Rücktritt" an die belegten Fakten? Wo wird dramaturgisch zugespitzt oder sogar verfälscht?

Wäre Ihnen Wulffs Meinung zu Ihrer Darstellung wichtig?
Das wäre mir nicht so wichtig. Unser Film ist ja nicht für Christian Wulff gemacht, sondern für ein breites Publikum. Ich habe bislang drei oder vier Menschen gespielt, die es wirklich gegeben hat und die noch leben. Zweimal bekam ich unglaublich nette, liebevolle Briefe von Angehörigen zurück, die sich für meine Darstellung bedankten, weil sie einfach ehrlich gewesen sei. Es ist natürlich mein Ziel, dass ich demjenigen gerecht werde.

In „Der Rücktritt“ sind immer wieder auch echte Nachrichten-Bilder zu sehen. Ist es schwierig gewesen, dagegen anzuspielen?
Wir haben nicht versucht, nahtlos an diese Bilder anzuschließen. Meine Bewegungen sind anders, auch mein Sprachduktus, die Stimme. Es gibt die Bilder, die wir alle gesehen haben, und dann gibt es unsere Interpretation dessen, was dazwischen passiert sein mag.

Im Film geht es um das aus der Balance geratene Verhältnis zwischen Medien und Politik – wie ließe sich da wieder ein Gleichgewicht herstellen?
Ich finde das unglaublich schwer zu beantworten. Diese totale Entblößung, dieser Spaß an der Skandalisierung, den es im Fall Wulff gab, hat doch nichts Positives. Es hat sich in dem Fall nicht um wichtigen, investigativen Aufklärungsjournalismus gehandelt. Das mag hier und da eine Triebfeder gewesen sein, aber dann ist es mutiert. Und der Spaß an der Skandalisierung hat alles andere überrollt.

Bei der Berliner Premiere des SAT.1-Films gab es Applaus für die „Bild“-Recherche.
Ja. Ein schwieriges Thema. Die Auseinandersetzung gab es ja auch schon damals bei der Auszeichnung mit dem Henri-Nannen-Preis. Ich finde die Ansätze, wie alles ins Rollen gekommen ist, interessant und richtig, aber irgendwann ist aus dem investigativen Journalismus etwas anderes geworden. Wobei auch Christian Wulff eine Verantwortung trägt für das, was da losgetreten wurde. Denn wenn ich als Ministerpräsident moralisches Verhalten so vehement einfordere, wie er es getan hat, dann muss ich mich daran messen lassen.

Wulff versuchte sich ja noch zu verteidigen – in einem Interview mit Ulrich Deppendorf und Bettina Schausten.
Dieses Interview hatte auch seine guten Momente. Nur, was ich unerträglich fand, war die Aussage von Bettina Schausten, dass sie für eine Übernachtung bei Freunden 150 Euro zahlen würde.

Genau dieser Moment des Wulff-Interviews fehlt in „Der Rücktritt“.
Darauf habe ich keinen Einfluss. Ich frage mich aber an der Stelle: Das ist doch eine intelligente Frau, aus welchem Geist wird so eine Äußerung geboren?

Es geht in „Der Rücktritt“ viel um die „Bild“-Zeitung, über die die Sängerin Judith Holofernes einst schrieb, sie sei „ein bös­ar­ti­ges Wesen, das Deutsch­land nicht be­schreibt, son­dern macht. Mit einer Agenda.“ Teilen Sie diese Auffassung?
Das würde ich so nicht unterschreiben. Es ist ja jeder mitverantwortlich dafür, was er mit sich machen lässt. Wir sind alle mündige Bürger – wenn wir es denn mal wahrnehmen würden. Letztlich sind wir sehr viel mehr von wirtschaftlichen Faktoren abhängig als von der Stimmungsmache einer Zeitung.

Warum haben Sie selbst sich 2012 dann doch entschieden, Ihr Privatleben mit der „Bild“ zu teilen?
Weil es eine Situation in meinem Leben gab, wo man so anfällig ist und so labil, dass man erpresst werden kann. Außerdem können Überschriften und Texte durch Kürzungen so verändert werden, dass eine Wirkung erzielt wird, die nie beabsichtigt war. Und es können Wahrheiten im Netz kursieren, die nichts mit der Realität zu tun haben. Ich bin in eine Situation reingeraten, die ich niemandem wünsche, die ich nie wiederholen möchte und die nicht von mir zu steuern war.

Hatte das damit zu tun, dass auf Sie Druck von Journalisten ausgeübt wurde?
Ja. Es gibt Situationen, da wird man erpresst. Und es gibt Situationen, in denen man versucht, andere Menschen zu schützen. Mir war meine Familie immer das Höchste und das Wichtigste in meinem Leben, das ist es nach wie vor. Dass das plötzlich anders dargestellt wurde, ist ein Horror. Es gibt auch andere Medien, die ich erlebt habe, die Dinge schreiben, die nicht der Wahrheit entsprechen, die Leute einschleusen. Dieses Verhalten ist kein Alleinstellungsmerkmal der „Bild“.

Das Interview führten Jakob Buhre und Paula Emilia Huppertz

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