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21:29 21.12.2015
Bringt alle unter die Haube: Jennifer (Katrin Ingendoh) mit Arbeitsgerät im Salon "Hair & Care". Quelle: NDR/Georges Pauly
Hamburg

Klischee – Abklatsch. Dem Französischen entlehnt, bezeichnet das aus der Drucktechnik stammende Wort im übertragenen Sinn die Wiederkehr des Immergleichen. Was nirgends deutlicher wird als im hiesigen Fernsehhumor. Friseure zum Beispiel sind darin grundsätzlich schwul, ihre Kolleginnen pink gestylt, Discobesitzer schmierig, Omas altklug und Taxifahrer von schlichtem Gemüt.

Mit einem Fön erdrosselt

Womit wir in Winsen an der Luhe wären, einer öden Schlafstadt vor den Toren Hamburgs: bevölkert von gewöhnlichen Leuten mit gewöhnlichen Leben. Leuten wie "Jennifer" – so meint man beim NDR. Ab Mittwoch schneidet sie im Fernsehen der Provinz das Haupthaar, genauer: Sie schnitt.

"Jennifer – Sehnsucht
nach was Besseres"
NDR|Comedy-Serie
mit Olli Dittrich
Mittwoch, 22.25 Uhr
Bewertung: 3 von 5 Sterne

Weil sich Inhaber Sandro mit einem Föhn erdrosselt hat, leitet sein Lebenspartner Dietmar nun den Salon "Hair & Care" und erteilt der Friseurin, die keinen Gesellinnenbrief vorweisen kann, gleich mal Scherenverbot. Was ihre resolute Großmutter (Doris Kunstmann) ebenso auf den Plan ruft wie Freundin Melanie (Laura Lo Zito). Beide helfen der Titelfigur dabei, den Untertitel der Serie "Jennifer" umzusetzen: "Sehnsucht nach was Besseres".

Humor der Güteklasse C

Diese Hassliebeserklärung an eine bildungsfern-proletarische Kleinstadtmittelschicht grundiert die Comedy von Regisseur Lars Jessen von der ersten bis zur letzten Minute. Der Regisseur hat diesbezüglich Erfahrung: Schon in "Dorfpunks" und "Fraktus" hat er den Alltagsfreaks seiner küstennahen Heimat filmische Denkmäler gesetzt. Auch hier findet sich Landeihumor der Güteklasse C mit allem, was die Region im Fernsehen symbolisiert, angefangen mit einem seltsam singenden Dialekt.

Doch nicht nur umgangssprachlich ersäufen die Bücher von Andreas Altenburg aus dem holsteinischen Dithmarschen und seinem "Stenkelfelder" Kollegen Harald Wehmeier die Figuren in Schlichtheit. Sie lassen auch sonst kein gutes Haar an ihnen. Als zur Differenzierung bereiter Zuschauer könnte man heulen – schimmerte nicht immer wieder ein barmherziger Glanz durch die halbstündigen Episoden.

Empathie und Fremdscham zugleich

Der liegt an Katrin Ingendoh, deren hingebungsvoll prollige Jennifer schon in den ersten drei Folgen von Haarverlängerung über Eventmanagement bis Immobilienmarketing drei verschiedene Wege "nach was Besseres" einschlägt. Mehr aber noch liegt es an dem Comedian Olli Dittrich. Sein ostentativ schwuler Dietmar ist so heillos überfrachtet mit Friseur- klischees, dass es schon wieder witzig wird.

Die ersten drei Folgen stehen bereits online.

Schließlich amüsiert hier der wahrhaftigste aller Persönlichkeitsparodisten im Land, schöpft aus dem großen Füllhorn seines Dittsche-Universums. Und bewirkt beim Zuschauer Empathie und Fremdscham zugleich. Wie dieser liebenswert bemitleidenswerte Knallcharge dank Anekdoten – etwa der über Vicky Leandros‘ Beleuchter, mit dem er mal beinahe befreundet gewesen sei – aufdringlich Eindruck schinden will, das ist schmerz- und lachhaft zugleich.

So gerät "Jennifer" am Ende doch zu etwas, das mehr Charme als Scham entfaltet – in den Pointen gern leicht bis schwer drüber und immer wieder unterhaltsam in seiner Küchenpsychologie. Kein "Tatortreiniger" also, kein Dittsche, nicht mal "Mord mit Aussicht", sondern betuliche Provinzialität als Betthupferl ab zehn. Hätte schlimmer kommen können, geht bedeutend besser.

Von Jan Freitag

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