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13:10 08.06.2013
Von Imre Grimm
Flach, aber komplex: Windows 8 ist ein Beispiel das „Flat Design“. Quelle: dpa
Hannover

Sie waren so stolz auf ihre fliegenden Aktenordner, auf die schillernden Knöpfe und dreidimensionalen Ladebalken. Die Pioniere der Softwaregestaltung liebten ihre halbtransparenten Windows-Fenster, ihre Glitzerbuttons und die winzigen Druckersymbole mit Schatten, die wie zum Anfassen wirkten. Sie erfanden gar eine alberne, animierte Büroklammer namens „Clippy“, die in Deutschland „Karl Klammer“ hieß. Karl Klammer! Und er hatte Augen! Der Office-Klugscheißer („Anscheinend wollen Sie einen Brief schreiben. Brauchen Sie Hilfe?“) war der Tiefpunkt des naturalistischen Softwaredesigns – und gleichzeitig der Höhepunkt der Infantilisierung in der Computerwelt.

Seit den neunziger Jahren, seit „Software“ mehr konnte als grobe Klötzchen auf einem schwarz-weißen Monitor anzuzeigen, hieß die Devise für IT-Designer: Der technische Fortschritt muss bitteschön sichtbar sein. Und „sichtbar“ hieß vor allem: bunt, grell, mit naturidentischen Oberflächen, multidimensionalen Licht- und Schattenspielen, animierten Figürchen, funkelnden „Chromleisten“. Gefragt war alles, was die Programme optisch der Glasscheibe enthob, hinter der sie liefen. Noch die biederste Tabellenkalkulation protzte mit Gloss und „Tiefe“, bis die Grafikkarte qualmte.

Inzwischen aber beherrscht ein neuer Trend die Welt des sogenannten UI-Designs (User Interface = Benutzeroberfläche). Und dieser Trend macht Schluss mit allem, was Erhabenheit vorgaukelt. „Flat Design“ heißt das Prinzip, das mit den 3-D-Idealen bricht und bei kleinen App-Entwicklern und globalen Softwareriesen immer mehr Anhänger findet. Der Durchbruch kam, als Microsoft für die inzwischen ikonografische Kacheloptik seines Smartphone-Betriebssystems Windows Phone komplett auf alles Dreidimensionale verzichtete. Spätestens seit Windows 8 gilt: Schlicht ist das neue schön. Die Zukunft ist spartanisch. Und sie ist flach.

Moderne Apps kommen in zurückgenommenen Pastellfarben daher, wirken dezent, asketisch, entrümpelt und absolut zweidimensional. Google etwa setzt fast nur noch dünne, prunklose Schriften auf rechteckigen Farbflächen mit schlichten Icons ein – Schluss mit abgeschrägten Kanten, Schlagschatten, Prägungen oder Glanzeffekten. „Flat Design“ folgt folgenden Prinzipien:

Oberstes Ziel: Minimalismus! Verzichte auf jede überflüssige Dekoration. Lass alles weg, was nicht unbedingt gebraucht wird. Falsches Mauerwerk, Holzoptik, nachgebaute Radioknöpfchen oder Lederimitat aus Pixeln lenken nur vom Inhalt ab. Frage nicht, was möglich ist – frage, was sinnvoll ist. Und dann lass es trotzdem edel aussehen.

Farben sind wichtiger als Effekte! Wähle klare, kontrastreiche, leuchtende, aber nicht offensive Farben ohne Muster oder Struktur (Keine Tapete!). Sehr populär sind „Retro-Farben“ wie Altrosa, Türkis, Koralle, Hellblau und zartes Lila.

It’s the typo, stupid! Wähle moderne, aber schlichte Schriften ohne Serifen (verzierende Abschlüsse an Buchstaben). In einer schlichten, ungekünstelten Umgebung entfaltet Text eine größere Wirkung als in einem chaotischen Potpourri.

Arbeite sorgfältig! „Flat Design“ sieht simpel aus, „ist aber schwierig zu gestalten, denn jedes Detail zählt“, schreibt die Website designmodo.com. Designer könnten „Unperfektheiten nicht einfach mit Schatten oder Effekten übertünchen“.

Schluss mit Spielereien! Software ist keine Leistungsschau der Grafikabteilung, sondern ein Alltagswerkzeug, das im Jahr 2013 nicht mehr damit protzen muss, was technisch alles geht (Wow! Die Wolken bewegen sich!). Der kritische Netzkunde lässt sich nicht mehr von Bling-Bling-Gedöns verführen.

Tatsächlich geht es um mehr als eine aktuelle Mode in der Softwarewelt. Der Trend zur optischen Reduktion ist eine Reaktion auf die anschwellende Flut von Links, Bildern, Videos, Texten und Meinungen, die auf moderne Mediennutzer einströmt. Überfrachtete, schwerfällige Webseiten und Apps haben wenig Chancen, denn das Bedürfnis nach Klarheit, Aufgeräumtheit und Struktur wächst. Letztlich geht es um ein Gefühl von Ehrlichkeit. Was blinkt und buhlt wie ein Kasino in Las Vegas, wirkt gestrig, anstrengend und wenig vertrauenswürdig.

Auffällig ist, dass gerade Google, Facebook und Microsoft, die großen Datensammler und -broker, mit luftigen Webseiten und flachen Interfaces Transparenz und Authentizität simulieren. Ausgerechnet Google kommt, was die Gestaltung seiner Produkte betrifft, fast zart und schüchtern daher. Dahinter steckt konsequentes Effizienzdenken: Ziel des „Weniger ist mehr“-Prinzips ist allein die maximale Nutzbarkeit der Google-Produkte. Legendär ist die Story, dass sich ein Google-Team nicht zwischen zwei Blautönen entscheiden konnte – und deshalb 41 „shades of blue“ testete, bis das perfekte Design stand.

Simple Oberflächen bedienen die Sehnsucht nach einer Entkomplexisierung der Gegenwart. Je gigantischer die exponenziell wachsenden Datenmassen auf den Servern der Netzriesen, je unfassbarer die „Big Data“-Algorythmen, die – ob wir wollen oder nicht – unseren Alltag mitdefinieren, desto größer der Wunsch nach einem schlichten, überschaubaren Einfallstor in dieses Chaos.

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