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00:15 07.02.2014
Von Imre Grimm
Quelle: r./Symbolbild

Aus dem Nichts, an einem Frühlingstag im Mai, kam Nikola Blaschke ein gespenstischer Gedanke. Sie hatte ihr Abitur in der Tasche, im Kopf kreisten Fragen über Zukunft, Leben, Wünsche. Sie war 17 Jahre alt, sie war keine Außenseiterin, sie simste, facebookte, chattete. So wie alle. Aber was, dachte sie plötzlich, wenn ich jetzt sterbe, in dieser Sekunde? Wenn das Letzte, was von mir bleibt, eine Plattitüde bei Facebook ist? „Stell dir vor, ich bin tot, und alle lesen mein Facebook-Profil“, dachte sie. „Und ganz oben steht, dass Mathe heute ätzend war – und dieser Satz bekommt eine ungeheure Bedeutung. Und ich kann nichts tun, denn ich bin tot.“

Die Vorstellung machte ihr Angst: dass sie digital weiterlebt, obwohl sie eigentlich tot ist. „Das hat mich tief geschockt“, sagt sie. Nikola Blaschke ist jetzt 20. Sie studiert in Stuttgart Agrarwissenschaften. Und sie ist nicht mehr bei Facebook. „Ich musste da raus, denn da war nichts mehr. Wenn ich ehrlich mit mir war, gab es nichts dort, was ich wissen wollte. Es war witzlos, nur noch Stress.“

Zehn Jahre alt wird Facebook heute. Keine Website der Welt hat die Normen der Kommunikation in dieser Zeit stärker verändert als Mark Zuckerbergs omnipräsenter Datenstaubsauger aus Palo Alto. Das digitale Jahrbuch der US-Eliteuniversität Harvard wurde zum Zentrum des globalen Netzes, zum Sinnbild und zur Triebfeder für die kurzatmige, erregbare, theatralische, exhibitionistische Kommunikationskultur der Gegenwart.

Wenn Google das Nervensystem des Netzes ist, das Milliarden Info-Neuronen um den Erdball schickt, dann ist Facebook der Blutkreislauf, der Puls, an dem sich Gefühle ablesen lassen. Man kann sich fernhalten, so wie Nikola Blaschke. Aber Zuckerbergs Datenimperium, gestartet am 4. Februar 2004, hat nicht nur das Leben seiner 1,2 Milliarden Nutzer verändert, sondern die Welt insgesamt.

In Blaschkes Angst vor der digitalen Unsterblichkeit schwingt die Frage mit, wie die Welt uns wahrnehmen soll. Was von uns kommt, was von uns bleibt. Es ist diese Sorge um die eigene Außenwirkung, die zur bestimmenden Maxime der Gegenwartskultur geworden ist, auch außerhalb der sogenannten digitalen Sphäre. Facebook bestärkte uns darin, unsere Biografien aufzurüsten, unsere Schwächen zu tarnen, uns „gut zu verkaufen“. Es rief einen endlosen Optimierungswettlauf um die meisten Freunde aus, die meisten „Likes“, die meisten „Views“, die coolsten Interessen. Im Grunde wurde die Unredlichkeit, die vorsätzliche Unvollständigkeit zum Leitmotiv. „Wenn man schreibt, per SMS oder bei Facebook, kann man lügen“, sagt Blaschke. „Man kann behaupten, es gehe einem gut, auch wenn man heult. Es ist einfach.“

Mehr noch: Facebook (und Amazon, Google, iTunes und Twitter) lockerte die Impulskontrolle in unserer Gesellschaft, indem es uns – im Gegenzug für Bilder, Meinungen, Daten – Mitwirkung versprach und Gestaltungsmacht. Es gewöhnte uns an eine Instant-Bedürfnisbefriedigung, eine globale Like-it-Kultur, in der alles immer sofort verfügbar ist. Es trainierte uns die Fähigkeit ab, Leerzeiten auszuhalten ohne neues „Status-Update“. Müßiggang empfinden wir als tote Zeit, einen leeren Smartphone-Akku an der Bushaltestelle als Stress. Und: Studien zeigen, dass soziale Medien die Art, wie wir lesen, grundlegend verändern: Wir scannen Inhalte unbewusst auf Relevanz für Freund und Feind, wir entscheiden beim Lesen schon mal mit, was wir wann mit wem teilen. Kurz: Wir lesen nicht mehr für uns allein, sondern stellvertretend. Und die Contentindustrie reagiert darauf mit Niederschwelligkeit, ­Effekthascherei und simulierter Relevanz.

Selbstverständlich strahlen diese Prinzipien auch in die analoge Welt aus – betreffen indirekt also auch die sechs von sieben Menschen auf der Erde, die nicht bei Facebook sind. „Unser Verhalten im Netz verändert unseren Blick auf die ganz reale Welt“, sagt der Netzkulturexperte Bill Tancer. Dass Facebook bei den Jüngeren schon wieder an Strahlkraft verliert, weil Lehrer, Mütter und Großmütter sich dort tummeln, dass Teenager Snapchat, WhatsApp, Tumblr und Twitter bevorzugen und eine umstrittene Studie Facebook schon mit einer Epidemie im Endstadium vergleicht – es ändert nicht viel. Gerade einmal drei Millionen Teenager haben Facebook seit 2011 verlassen. Die Essays über die Zeitenwende in Palo Alto kommen zu früh. „Neulich, auf einer Party, fragte jemand ,Wo ist eigentlich Annemarie’?“, erzählt Blaschke. Annemarie ist nicht bei Facebook – und ihre beste Freundin hatte schlicht vergessen, sie persönlich einzuladen. Es war das Ende der Freundschaft. Bei der Generation U-40 geht im Jahr 2014 nichts ohne Facebook – als Veranstaltungsmanager, Kontakthof, Geschmacksbarometer.

In den Achtzigern waren Computer klobige Taschenrechner mit Tastatur. In den Neunzigern kamen E-Mail und Onlineshopping. Seit den Nullerjahren ist Computerhistorie keine Technologiegeschichte mehr, sondern Kulturgeschichte. „Ich finde bei Facebook einfach nichts, was wirklich relevant für mich ist“, sagt Nikola Blaschke. Und so ähnlich wie ihr geht es auch mir. Auch ich bin nicht bei Facebook. Es gibt viele Gründe, nicht bei Facebook zu sein. Man kann die Frage stellen, ob man seine Daten einem 29-Jährigen anvertrauen möchte, der einst ätzte: „They trust me — dumb fucks!“ („Sie vertrauen mir, diese Volldeppen“). Ob man den Gedanken mag, dass an der Schnittstelle zwischen zwei Menschen ein Server steht. Ob ein kommerzieller Weltkonzern die Fäden unseres sozialen Lebens zusammenhalten sollte und die Werkzeuge definieren, mit denen wir Liebe, Freundschaft und Beruf organisieren. Ob ein Privatunternehmen wirklich die Interessen seiner Nutzer vertritt und nicht eher seine eigenen.

Man kann durchaus auch den Gedanken gruselig finden, dass die vorsätzlich undurchschaubaren Datenschutzrichtlinien von Facebook 2005 noch 1004 Wörter umfassten, inzwischen aber schon 5830 – mehr als die Verfassung der USA (4543).
Die wichtigsten Gründe: Es fehlt mir nicht. Es fräße meine Zeit. Ich bin nicht bereit, Daten gegen personalisierte Werbung einzutauschen. Nur ein Prozent der Facebook-Nutzer generiert regelmäßig neue Inhalte. Die Übrigen teilen, klicken und lesen nur. Forscher der Universität von Michigan zeigten, dass der rein passive Konsum von Facebook-Inhalten – das also, was die meisten User tun – unzufrieden, einsam und unruhig macht. Das könnte daran liegen, dass die soziale Interaktion auf einem Niveau verharrt, das als Surrogat für reale Beziehungen schlicht untauglich ist. Kurz: Ich brauche es nicht.

Und dennoch hat Facebook auch mein Leben verändert. Vor allem bin ich ungewollt Mitglied einer Randgruppe geworden. „Facebook-Verweigerer sind die Bremser unserer Zeit“, klagt ein populärer Blog. Als Abstinenzler macht man sich verdächtig.
Ist der Typ ein Datenschutzaktivist? Ein technologischer Spätzünder? Liest der etwa Bücher? Ist der ein Anachronist, ein Paranoiker, gar ein Soziopath? Der norwegische Massenmörder Anders Breivik und der US-Amokläufer James Holmes waren kaum in sozialen Netzen aktiv. Einzelne Soziologen haben ernsthaft daraus geschlossen, dass die Wahrscheinlichkeit, ein Massenmörder zu sein, ohne Facebook-Konto höher ist. Tücken der Statistik.

Ich bin kein potenzieller Massenmörder. Auch unter den sechs Milliarden anderen Nicht-Facebookern dürfte die Soziopathendichte verschwindend gering sein. Trotzdem gilt eine Facebook-Mitgliedschaft inzwischen als Zeichen eines gesunden Soziallebens – bei Personalchefs ebenso wie bei flirtwilligen Teenagern. 35 Prozent der Manager in den USA finden Bewerber ohne Facebook-Profil verdächtig. Hat der was zu verbergen? Oder schnell noch etwas Kompromittierendes gelöscht? Ohne Facebook – das ist wie ohne Girokonto oder Telefon. Plötzlich giltst du als Wunderling.

Facebook selbst sieht sich in seinem zehnten Jahr gern als braven Dienstleister. Menschen seien nun mal soziale Wesen, man biete einfach, was der Markt verlange: personalisierbare Information. Im Übrigen trage man – siehe Arabischer Frühling – zur Demokratisierung bei. Und die Privatsphäre? Die Datenschnüfflei? „Wir spiegeln nur die aktuellen sozialen Normen wider“, sagt Zuckerberg defensiv. Geheimnisse würden ohnehin irrelevanter, Facebook reagiere nur auf den Trend zur Transparenz.

Es ist die klassische Täter-Opfer-Umkehr. Zuckerberg spielt den Wert von Daten routiniert herunter. Schließlich sind sie sein wichtigster Rohstoff.
Im Jahr 2025 werden 75 Prozent aller Arbeitnehmer weltweit Digital natives sein, Menschen also, die im Digitalzeitalter geboren wurden. Sie nehmen billigend in Kauf, was Ältere irritiert: dass die Verwaltung digitaler Projektionen ihrer selbst zur wichtigen Sozialkompetenz geworden ist. „Meine Generation hat keine Kraft mehr für andere, von der eigenen Person unabhängige Dinge“, sagt die Schauspielerin Alexandra Maria Lara (35). In einer Umfrage sagten zwei von drei Collegestudenten, dass ihre Generation „selbstdarstellerischer, narzisstischer und aufmerksamkeitsheischender“ sei als die Generation zuvor. „Es ist faszinierend, wie ehrlich diese Jugend bei der Diagnose ihrer eigenen Fehler ist“, sagt Forscher Jean Twenge aus San Diego.

Facebook mag in zehn Jahren das Schicksal untergegangener Netzpioniere wie MySpace, CompuServe, Second Life und AOL ereilen. Die Normen aber, die mit Facebook kamen, werden bleiben: Häppchenkultur, Selbstvermarktung, permanenter Sozialvergleich – und die schleichende Erosion des Privaten.

Die Weltmacht mit dem blauen F

1 228 000 000 Menschen waren am 31. Dezember 2013 bei Facebook als Nutzer angemeldet. Das entspricht der weltweiten Mitgliederzahl der katholischen Kirche.
112 000 000 Menschen fehlen noch – dann hat Facebook, rein statistisch gesehen, China als bevölkerungsreichstes „Land“ der Erde eingeholt.
757 Millionen Menschen oder 61,6 Prozent der Nutzer sind täglich auf ­Facebook aktiv – knapp 100 Millionen mehr als vor einem Jahr.
27 Millionen Deutsche, ein Drittel der Bevölkerung, nutzten im Januar 2014 das Netzwerk. Vor vier Jahren waren es gerade mal 5,75. Mehr als die Hälfte ist zwischen 18 und 34 Jahre alt.
19 Jahre alt war Mark Zuckerberg, als er zusammen mit seinen Mitstudenten Dustin Moskovitz, Chris Hughes und Eduardo Saverin Facebook gründete.
27 war er, als das Magazin Forbes ihn  im September 2011 zum jüngsten Self-made-Milliardär der Welt ernannte.
2,585 Milliarden US-Dollar Umsatz erzielte Facebook im vierten Quartal 2013, das sind 63 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum.
39 US-Dollar kostete die Aktie, als ­Facebook im Mai 2012 an die Börse ging. Viel zu hoch hatte Mark Zuckerberg den Ausgabepreis geschraubt. Der Börsengang wurde zum Desaster – die Aktie stürzte bis auf 18 Dollar ab. Doch Zuckerberg riss das Steuer rum. Derzeit liegt sie bei 45,90 Dollar.
20 Staaten sind Standorte für Niederlassungen und Datenbanken. Facebook-Seiten erscheinen in 70 Sprachen.

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