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08:26 17.08.2014
2002 reist Scholl-Latour durch den Irak – und trifft auf kurdische Peschmerga-Soldaten. Quelle: PHOENIX/ZDF
Berlin

Seine undeutliche Aussprache ist zu sehr sein Markenzeichen geworden, als dass man darüber hinweggehen könnte. Möglicherweise lag seine haspelnde Sprechweise daran, dass der Fernsehjournalist und Buchautor Peter Scholl-Latour dermaßen voller Geschichten steckte, die einfach erzählt werden mussten, wenn er in den vergangenen Jahren einmal mehr als Gast und Experte einer Talkshow die Welt erklären sollte. Er erklärte seine Welt, und die war groß, sehr groß sogar: Er kannte sich aus im Vorderen Orient, in Indochina, in Afrika, in Afghanistan, Algerien oder Russland. Eigentlich überall.

Auf „du“ mit den Ganoven der Welt

Obwohl sie alle seine Neigung zum Monologisieren kannten, mussten die deutschen Talkmaster Welterklärer Scholl-Latour bei bestimmten Themen in ihren Sendungen haben, nämlich immer dann, wenn jemand ohne allzu große Rücksichtnahme auf politische Korrektheit darlegen sollte, wer in den vielfältigen, schwer verständlichen Konflikten auf dieser Welt „die Guten“ und wer „die Bösen“ sind. Scholl-Latour kannte die Diktatoren und bösen Buben, die Warlords persönlich: Den iranischen Ayatollah Khomeini, den syrischen Staatschef Baschar al-Assad, Libyens Diktator Muammar al-Gaddafi und den haitianischen Papa Doc hat er getroffen. Er habe halt das Talent, sagte Scholl-­Latour einmal, sich mit den Ganoven dieser Welt ganz gut zu verstehen.

Doch das hinderte ihn nicht daran, die Menschenschinder unter den Mächtigen auch so zu nennen. Wer ihm in seinen Überzeugungen nicht folgen wollte, den strafte er mit Missachtung. Klimaschützer zum Beispiel, sie seien einem journalistischen Modethema verfallen.

Scholl-Latour hat sich solche Marotten erlauben können, weil er als Fernsehjournalist und Buchautor fast alle Länder dieser Erde bereist hatte und ihm niemand vorwerfen konnte, er spreche nicht aus eigener Erfahrung. In einem Interview zu seinem 90. Geburtstag im März ließ er beiläufig einfließen, es fehlten auf seiner persönlichen Reise-Weltkarte nur ein paar Riffe im Pazifik und ein paar kleinere Inseln in der Karibik. Wer ihm beim Zuhören nicht folgen konnte, der griff zum Buch. Und davon gibt es bis heute reichlich. Mehr als 30 hat er geschrieben, mit einer Millionenauflage, viele wurden Bestseller. Er war Deutschlands erfolgreichster Sachbuchautor.

Der Publizist Scholl-Latour war ein Denkmal aus vergangenen Zeiten und ein Vorreiter der Moderne zugleich. Er hat aus fernen Ländern berichtet, in die seine Zuschauer und Leser seinerzeit kaum selbst kamen, und er hat Recherchemethoden angewandt, derer sich heute junge Reporter rühmen, als hätten sie den investigativen Journalismus gerade erfunden. Als Scholl-Latour 1973 im Vietnamkrieg vom Vietcong gefangengenommen wurde, munkelte man, als er nach einer Woche wieder freikam, seine Festnahme sei nicht ganz unfreiwillig geschehen. In Afghanistan setzte er sich in der Kluft der Mudschaheddin auf ein Pferd, 1979 stieg er in Paris in das Flugzeug, mit dem der iranische Revolutionsführer Ayatollah Khomeini nach ­Teheran zurückkehrte. Den hehren Grundsätzen der In- und Auslandskorrespondenten der Bonner Republik entsprach dieser Hang zur Selbstinszenierung keineswegs. Aber Scholl-Latour hatte auch darauf eine Antwort: alles Neider. Sein Publikum bewunderte ihn gerade dafür.

Als „Halbjude“ diskriminiert

Altersmilde als Charaktereigenschaft ist ihm bis zum Schluss fremd gewesen, aber immerhin hat er in einer schwachen Minute einmal eingestanden, dass ihm der Journalismus nur Mittel zum Zweck war: Er wollte etwas erleben, sagte er. Seine Herkunft ist ein starkes Indiz für diese Einstellung. Geboren wurde er 1924 in Bochum, wo sich sein Vater als Arzt niedergelassen hatte. Zeitlebens besaß er die deutsche und die französische Staatsbürgerschaft, weil die Familie väterlicherseits aus dem saarländisch-lothringischen Grenzgebiet stammte und seine Mutter eine Jüdin aus dem Elsass war. Weil er damit nach den Nürnberger Rassegesetzen als Halbjude galt, verbrachte Scholl-Latour einen Teil seiner Schulzeit auf einem Jesuitenkolleg in der Schweiz. Der große Kenner des Islams war ein gläubiger Katholik.

Nach dem Abitur 1944 wollte sich der junge Mann der französischen Armee anschließen, wurde aber im besetzten Metz gestellt. Daraufhin wandte er sich der Partisanenarmee Titos zu, doch ­wieder schaffte er es nicht ganz: Auf dem Weg zum Balkan nahm ihn 1945 die Gestapo in der österreichischen Steiermark fest und steckte ihn in Haft. Dass er das Dritte Reich überlebt habe, sagte er später, habe ihn angstfrei gemacht. Kaum war der Weltkrieg aus, meldete sich der deutsche Abiturient Scholl-­Latour zum Einsatz in einem franzö­sischen Fallschirmspringerregiment in Indochina. In die ehemalige französische Kolonie zog es ihn immer wieder, über den Indochina-Konflikt schrieb er später seinen Weltbestseller „Tod im Reisfeld“.

Wie er in den Jahren nach dem Krieg sein Studium der Philosophie und Politikwissenschaft in Mainz und an der Pariser Sorbonne, später Arabistik und Islamwissenschaft in Beirut, bewältigt hat, lässt sich schwer nachverfolgen, doch gibt es einen Abschluss der französischen Eliteuniversität. Neben seinem Studium absolvierte er ein Volontariat bei der „Saarbrücker Zeitung“. Ein Wechsel zum Fernsehen ermöglichte es ihm, zum berühmtesten Weltreisenden Nachkriegsdeutschlands zu werden.

Er ging als ARD-Korrespondent nach Afrika, gründete und leitete später das Studio in Paris. In dieser Zeit schrieb er das Buch „Im Sog des Generals“, in dem er sich als Verehrer von Charles de Gaulle offenbarte. Gaullist blieb Scholl-Latour bis zu seinem Tod. Nur zwei Jahre hielt es Scholl-Latour im „Innendienst“, als Fernsehdirektor beim Westdeutschen Rundfunk (WDR) in Köln. Dass in dieser Zeit die Auslandsberichterstattung erblühte, versteht sich von selbst. Einen Ausflug als Chefredakteur zum „stern“ beendete er als einen großen Irrtum nach nur wenigen Monaten.

Seine Fähigkeit, die schwierigen ­Zusammenhänge zwischen religiösen, politischen und stammesgeschichtlichen Zwängen einem breiten Publikum zu erläutern, hat ihn zu einer Ikone des Journalismus werden lassen, von Wissenschaftlern wurde er dafür bisweilen von oben herab belächelt. Das hat er meist mit der Bemerkung gekontert, die anderen wüssten auch nicht mehr.

„Einen wie ihn wird es nicht mehr geben“

Auf seinen Tod am Sonnabend reagierten Politiker wie Journalisten mit großer Betroffenheit. Die Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) erklärte, „mit dem Tod von Peter Scholl-Latour verliert Deutschland einen der letzten großen journalistischen Welterklärer“, sie würdigte ihn als „meinungsstarken Fernsehjournalisten“. „Mit seinem jahrzehntelangen journalistischen Schaffen trug er zum Verständnis anderer Kulturen und damit zur Völkerverständigung bei“, hieß es weiter. Auch ZDF-Intendant Thomas Bellut würdigte sein Schaffen: „Einen wie ihn wird es nicht mehr geben.“

Gregor Gysi, Vorsitzender der Bundestagsfraktion Die Linke, nannte ihn „eine sehr eigenständige, sehr eigenwillige und herausragende Persönlichkeit“. Daniel Gerlach, Chef der Orient-Zeitschrift „Zenith“, schrieb in seinem Nachruf, mit Scholl-Latour sei nicht nur „ein weltläufiger Experte, sondern auch ein fleischgewordener Romanheld des 20.  Jahrhunderts“ gestorben.

Auch nach seinem Tod in Rhöndorf bei Bonn, dem einstigen Wohnort Konrad Adenauers, wird man von Peter Scholl-Latour hören. Er konnte noch ein weiteres Buch vollenden – dem sein Verlag den Titel „Der Fluch der bösen Tat. Das Scheitern des Westens im Orient“ gegeben hat. Es erscheint im September.

von Reihnhard Urschel

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