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Medien Das Oscar-Publikum ist das „schlimmstmögliche“
Mehr Welt Medien Das Oscar-Publikum ist das „schlimmstmögliche“
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08:16 06.01.2018
Schauspieler Hugh Jackman Quelle: imago/UPI Photo

Herr Jackman, spezialisieren Sie sich in Ihren Blockbustern auf Minderheiten? Ihr aktueller Film über den Zirkuspionier P. T. Barnum wirkt wie eine Fortsetzung der „X-Men“-Reihe, die Sie zum Star machte. Hier wie dort geht es um Geschöpfe, die anders sind. Reiner Zufall?

Zumindest kann man eine Parallele ziehen. Barnum hat all die Leute ins Scheinwerferlicht gebracht, die bis dahin nur heimlich angestarrt wurden. Es gab schon vor seiner Zeit Auftritte von Kleinwüchsigen, tätowierten oder stark behaarten Menschen. Aber Barnum war es, der dafür sorgte, dass diese Menschen geliebt wurden. Der Winzling „General Tom Thumb“ wurde durch ihn berühmt. Queen Victoria hat Thumb in England empfangen, so wie wir es in „The Greatest Showman“ zeigen.

Es rotteten sich aber auch New Yorker Bürger gegen diese anders aussehenden Menschen zusammen: Warum schlug ihnen so viel Hass entgegen?

Das hatte einen religiösen Hintergrund: Es herrschte die Überzeugung vor, dass Leute, die irgendwie merkwürdig aussehen, von Gott verflucht sind. Sie zu feiern kam also einer Gotteslästerung gleich. Barnum tat etwas geradezu Revolutionäres.

Sind wir heute weiter, was die Akzeptanz von Menschen betrifft, die sich vom Durchschnitt unterscheiden?

Wir haben riesige Fortschritte gemacht – auch wenn wir in jüngster Zeit politisch und sozial wieder einen Rückschritt beobachten. Die Botschaft bleibt immer aktuell: Egal welcher Rasse, welchem Geschlecht du angehörst, egal, welchen Job du hast oder wie alt du bist: Alle Menschen müssen gleich behandelt werden, und sie müssen dieselben Chancen haben. Der Kampf um Humanität hört nie auf.

„Wir haben Angst vor den Dingen, die wir nicht verstehen“

Es gibt da einen berühmten Showman im Weißen Haus, der Behinderte öffentlich imitiert, wenn es seinen politischen Zielen dient: Trägt Donald Trump zu diesem Rückschritt bei?

Wissen Sie, ich bin ein australischer Schauspieler, der in den USA arbeitet. Ich habe politische Ansichten, aber ich stelle mir immer vor, wie das wohl wäre, wenn ich in Australien das Radio anstelle und höre, wie amerikanische Kollegen das Verhalten meines Premierministers kommentieren – egal ob ich ihn mag oder nicht: Das würde mir auch nicht so gut gefallen.

Ich habe kürzlich Bilder einer gegensätzlichen Entwicklung aus Australien gesehen. Da stand ein sehr buntes Völkchen auf der Straße und feierte: Das Ergebnis der Abstimmung über gleichgeschlechtliche Ehen war gerade bekannt gegeben worden ...

... und es war fantastisch: Das Tolle war die hohe Wahlbeteiligung von knapp 80 Prozent! Ich habe auch mit Ja gestimmt, für mich geht es um ein Menschenrecht. Mir erschien es allerdings seltsam, dass die Australier nicht schon viel früher darüber entschieden hatten. Es ist wohl immer noch so, dass wir vor jenen Dingen am meisten Angst haben, die wir am wenigsten verstehen.

Kann ein Film Toleranz lehren?

Natürlich! Die Aufgabe der Kunst ist es, die Herzen zu erreichen. Egal, ob der Zuschauer politisch rechts oder links ist, egal, welche Ideen jemand hat: Kunst appelliert an die Gefühle. Kunst kann etwas in dir verändern. Vielleicht denkt man danach anders übers Leben. Barnum war so jemand, der die Herzen ansprach. Und er war ein Marketinggenie. Er wusste, was die Leute wollten.

„Sei kein Snob!“

Es gibt ein Zitat von Barnum, das geht ungefähr so: Noch nie hat jemand im amerikanischen Showbiz auch nur einen Dollar verloren, weil er das Publikum unterschätzt hat.

Ich glaube, was Barnum wirklich mit diesem Satz meinte, war: Sei auf keinen Fall ein Snob. Was gefällt, das gefällt, egal ob es anspruchsvoll oder anspruchslos ist. Die Leute wollen nun einmal lachen. Sie wollen etwas sehen, was sie noch nie zuvor gesehen haben. Barnum beflügelte die Fantasie seines Publikums.

Wie ehrlich kann jemand sein, der jeden Tag Sensationen präsentieren muss?

Ich glaube, Barnum sah sich selbst als Zauberer. Jeder weiß, dass die Lady auf der Bühne nicht zersägt wird. Aber wir genießen es trotzdem und wissen ja auch nicht, wie die Sache funktioniert. Man war sich nie sicher, was wahr und was Trick war. Soll ich Ihnen meine Lieblingsstory über Barnum erzählen?

Oh ja, bitte.

Er ließ seine Mitarbeiter ein mehr als drei Meter großes Skelett bauen und in Iowa auf einem Acker beerdigen. Später wollte er den Knochenmann, na ja, zufällig finden und damit einen echten Knüller präsentieren. Er vergaß die Angelegenheit jedoch. 20 Jahre später kam der ahnungslose Farmer aus Iowa mit dem Skelett in sein Büro marschiert und sagte: Den hier habe ich auf meinem Acker gefunden, das wäre doch was für Sie. Wie viel wollen Sie dafür haben?, fragte Barnum. 5000 Dollar verlangte der Mann, eine unglaubliche Summe, Barnum wusste ja, dass es eine Fälschung war. Er gab dem Farmer trotzdem 2000 Dollar. Besser hätte es für ihn ja nicht laufen können. Er fühlte sich nicht abgezockt, und die Leute in seinen Shows fühlten sich auch nicht abgezockt.

Sind Sie selbst ein Zirkusgänger?

Ich mag den Cirque du Soleil und in Australien einen Zirkus namens Oz, der ohne Tiere arbeitet. Wenn Barnum heute leben würde, würde er vermutlich irgendetwas mit Virtual Reality machen oder mit Kino. Da muss ja auch nicht die Wahrheit erzählt werden. Barnum wollte, dass die Leute ihn lieben. Und er wollte, dass sie Tickets kaufen.

Wie alt waren Sie, als Sie erkannten, dass Sie zum Showman taugen?

Das mag sich jetzt seltsam anhören: Ich wurde sehr religiös erzogen, wollte sogar Geistlicher werden. Als ich 14 war, sah ich einen Prediger auf der Bühne und hatte das überwältigende Gefühl zu wissen, dass ich eines Tages dort oben stehen würde.

„Vor dir sitzt eine nervenschwache Menge“

Was ist die wichtigste Eigenschaft eines Showmans?

Er muss eine Verbindung zum Publikum aufbauen, ein Gefühl dafür haben, wann die Aufmerksamkeit schwächelt. Ein Showman muss permanent in die Zuschauer hineinhorchen – und sie dann nach Möglichkeit überraschen. Das ist es, was Zuschauer wollen. Theater wird es so lange geben, wie das Publikum sich sagt, das war einzigartig, was ich heute Abend erlebt habe.

Ist es Ihnen schon mal passiert, dass Sie eine Show abbrechen mussten?

Oh ja, einmal hatte ein Zuschauer in der dritten Reihe einen Herzanfall und starb. Ein anderes Mal bin ich auf die Bühne gegangen und brachte keinen Ton heraus. Ich hatte keine Stimme, war total erkältet. Aber ich dachte, ich würde durchhalten, so wie am Abend zuvor. Aber schon beim ersten Song konnte ich die Hände nur noch entschuldigend in die Höhe heben und die Bühne wieder verlassen.

Welches ist die härteste Show, die ein Moderator heute meistern muss? Die Oscars?

Das könnten tatsächlich die Oscars sein. Diese Show zu moderieren macht einen Riesenspaß, aber ist höllisch kompliziert. Erstaunlich, dass Leute wie Bob Hope, Johnny Carson oder Billy Crystal das über Jahre gemeistert haben. Man hat das schlimmstmögliche Publikum vor sich: Alle sind höchst nervös, vor dir sitzt eine nervenschwache Menge.

Dieses Jahr wird es wohl noch herausfordernder: Lässt sich über Harvey Weinstein oder Kevin Spacey lachen?

Ich bezweifle es. Aber ich habe keine Ahnung, was passieren wird. Der eine Moderator würde das Thema wohl vermeiden wollen, andere direkt darauf losstürmen. Hängt am Ende vom Gastgeber ab. Mal schauen, was Jimmy Kimmel daraus macht.

Von RND

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