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22:03 22.09.2014
„Als Ministrant lernt man auch, auf das richtige Timing zu achten“: Thomas Gottschalk. Quelle: Jan Woitas (Archiv)

Messdiener und Showmaster – da gibt’s auf den ersten Blick nur wenige Gemeinsamkeiten. Beide haben Publikum, die einen knien öffentlich vor dem Altar, von Weihrauch umwölkt, die anderen treten vor Millionenpublikum auf, als Mittelpunkt einer Glamourblase. Hier die fast geheimnisvolle Zeremonie, dort das schillernde Entertainment. Aber sonst? In seinem Buch „Die Messdiener“, das gestern frisch erschienen ist, versucht der frühere ZDF-Intendant Markus Schächter herauszufinden, ob eine katholische Kindheit „eine besonders geeignete Startrampe für den Erfolg im Showbiz ist“.

Am Anfang steht eine Beobachtung des früheren Messdieners Schächter: Von den rund 30 namhaften TV-Entertainern in den zurückliegenden drei Jahrzehnten hat etwa die Hälfte eine Messdienerkarriere hinter sich. Da ist Alfred Biolek, der 1934 in einem Bergarbeiterdorf in der damaligen Tschechoslowakei als Sohn frommer Katholiken zur Welt kam. Da ist Reinhold Beckmann, der das Messdiener-Handwerk in der protestantischen Diaspora in einem Dorf nahe Bremen gelernt hat. Da ist der Oberfranke Thomas Gottschalk, der nie einen Hehl aus seinen katholischen Wurzeln gemacht hat. Das sind Stefan Raab, Matthias Opdenhövel, Guido Cantz, Günther Jauch.

Insgesamt 14 Prominente hat Schächter befragt, unter ihnen auch Frank Elstner, Dieter Kürten, Markus Lanz und Jürgen von der Lippe. Als einzige Frau ist die Moderatorin und TV-Talkmasterin Anne Will dabei. Sie war Sternsingerin. Will stammt zwar aus einer katholischen Familie im Rheinland – als Mädchen war sie jedoch vom Altardienst ausgeschlossen. „Vielleicht suchten sie alle schon früh den großen Auftritt …“, sagte Anne Will. Und Matthias Opdenhövel sagt, dass er bei seinem ersten Messdienerdienst „überwältigt war“ von der feierlichen Stimmung am Ostersonntag. Es sei ihm schnell klar geworden, „dass ich nicht in eine Schockstarre verfalle, wenn ich mich in der Öffentlichkeit präsentieren muss“. Hape Kerkelings Messdienerzeit war dagegen nur kurz – eines lauten Lachanfalls sowie mehrerer falscher Einsätze wegen. Außerdem vergaß er das Läuten der Glocken und setzte sich hin, statt zu knien. Da war schnell Schluss, doch die Saat zum Komiker war gesät.

Schächter betrachtet das Ministrieren tatsächlich als Schule für das Entertainerleben. Als Messdiener hätten die heutigen Größen im Showgeschäft „einen großen Vorrat an Reaktionsmustern, Verhaltensweisen, Qualifikationsmerkmalen und Geisteshaltungen für den Einstieg in den Aufstieg zum Traumberuf“ erlernt. „Zusätzlich zum eigenen Talent haben eine kirchliche Kindheit und eine aktive Zeit als Messdiener eine zusätzliche Plattform für ein starkes Selbstbewusstsein geschaffen“, folgert der Medienmanager Schächter, der heute Medienethik an der Hochschule für Philosophie in München lehrt.

Das Ministrieren hat für Schächter einen hohen Wert: „Kaum irgendwo anders in Deutschland wird einer so großen Gruppe von so jungen Menschen so früh und so selbstverständlich zugetraut, eine solche Breite an Aufgaben, Funktionen und Tätigkeiten zu übernehmen wie im katholischen Gottesdienst“, schreibt er. Das Ministrieren sei für Jugendliche früh eine Chance, vor Erwachsenen „ihren eigenen Auftritt zu gestalten, mit klaren Rollenzuweisungen und wichtigen Funktionen“.
Diese Einschätzung teilt Alexander Bothe, Referent in der Arbeitsstelle für Jugendseelsorge der Deutschen Bischofskonferenz. Auch er sieht einen Zusammenhang zwischen Altardienst und Showbusiness: „Als Ministrant lernt man auch, auf das richtige Timing zu achten“, sagt er. Eine Fähigkeit, die für die gelungene Inszenierung unabdingbar ist. Bothes Angaben zufolge gibt es heute in den deutschen Bistümern rund 430.000 Ministranten – unter ihnen womöglich der nächste Harald Schmidt oder Thomas Gottschalk.

Die Prominenten selbst erzählen in dem Buch überwiegend positiv von ihrer Messdienerzeit. Reinhold Beckmann nennt „das lieb gewonnene Ritual der Sonntage von der Messe bis zum Sonntagsbraten“ den Höhepunkt der Woche. Günther Jauch verbindet mit seiner katholischen Kindheit besonders „das Gefühl einer gewissen Struktur und das Aufgehobensein in der Gruppe“. Guido Cantz schreibt bis heute mit einem Freund aus seiner Ministrantengruppe zusammen seine Comedyprogramme. Lediglich Willi Weitzel, bekannt aus der Kindersendung „Willi wills wissen“, hat als Jugendlicher Erfahrung mit einem sexuell übergriffigen Geistlichen gemacht. Später hat er vier Semester Theologie studiert.
Die Mehrzahl der Befragten hat allerdings keine schlüssige Erklärung für das Messdiener-Phänomen. Doch nur Zufall also? Jürgen von der Lippe sagt nüchtern: „Jungs meiner Generation und auch der danach, die in katholischen Hochburgen aufwuchsen und nicht völlig ungeeignet waren, waren einfach für eine gewisse Zeit Messdiener.“

Barbara Schneider und Imre Grimm

Das Buch

Markus Schächter: „Die Messdiener: Von den Altarstufen zur Showbühne“. Verlag Herder, 192 Seiten, 18,99 Euro.

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