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14:48 11.08.2015
Mit Hilfe von Apps lassen sich Smartphone-Bilder so bearbeiten, als seien sie mit einer analogen Kamera aufgenommen worden.
Hannover

Sie liegt in der Natur des Menschen, die Sehnsucht, besonderen Augenblicken Dauer zu verleihen. Also macht er sich, zumal jetzt, in der Urlaubszeit, ein Bild von allem, was ihm schön und kostbar erscheint: von fernen Meeren und hohen Bergen, von buntem Markttreiben und alten Gemäuern, von fremden Menschen und wilden Tieren. Immer seltener nehmen fotobegeisterte Urlauber zu diesem Zweck eine sperrige Fototasche mit, sondern verlassen sich schlicht auf jene Kamera, die sie ohnehin tagtäglich mit sich führen: ihr Smartphone.

Ein Blick in die Statistiken der Online-Bilderplattform Flickr verrät, dass die für die hochgeladenen Bilder meistgenutzten Kameras aus dem Silicon Valley stammen. Es sind jene von Apples iPhone-Modellgenerationen 6, 5s und 5. Auf den weiteren Spitzenplätzen rangieren die Konkurrenzmodelle des südkoreanischen Erzrivalen Samsung.

Längst vermiesen die Fotohandys den etablierten Kameraproduzenten die Geschäfte, der Absatz von Einsteigerkompaktkameras ist binnen weniger Jahre dramatisch eingebrochen. Kein Wunder, denn aktuelle Smartphonekameras liefern inzwischen eine Bildqualität, die sich locker mit jener von 200-Euro-Kompakten messen kann. Ganz zu schweigen davon, dass Smartphones im Gegensatz zu den meisten Fotoapparaten (fast) immer mit dem Internet verbunden sind – und damit sowohl ein unverzügliches Veröffentlichen der Schnappschüsse im sozialen Netz erlauben als auch den Zugriff auf Tausende Apps zum effektvollen Bearbeiten derselben.

Gleich, ob kontrastreiches Schwarz-Weiß à la Cartier-Bresson oder die knalligen Farben von Fujis legendärem „Velvia“-Diafilm, gleich, ob plakativer Polaroid-Look oder die von optischen Unzulänglichkeiten geprägte Bildsprache der kultigen „Russen-Minox“ Lomo: Viele der cleveren kleinen Bildbearbeitungsprogramme haben sich darauf spezialisiert, den Charme der Analogära getreu zu imitieren und ihn herüberzuretten in eine Zeit, in der Fotos, losgelöst von chemischen Prozessen und physischen Bildträgern, zumeist nur noch aus Bits und Bytes bestehen.

Wer den uferlos scheinenden Bilderstrom auf Online-Plattformen wie Flickr, Instagram, Snapchat oder Face­book durchforstet, bemerkt schnell, dass es ausgerechnet dort nur so wimmelt von Aufnahmen, die aussehen, als seien sie mit Uropas Dachbodenschätzen oder Kinderkameras angefertigt worden. Auf Fotografen, die zu Analogzeiten sozialisiert wurden und für einwandfreie Bilder noch Köpfchen und Können aufbringen mussten, kann diese Allgegenwart von Retro- und Trash-Effekten eigentlich nur befremdlich wirken: Was bitte schön ist so erstrebenswert daran, vollautomatisch scharfe und sauber belichtete Fotos absichtlich auf missglückt zu trimmen?

Stark vignettierende oder unscharfe Bildränder – einst untrügliches Kennzeichen minderwertiger Objektive – werden heute oft nachträglich ins Bild gerechnet, um ihm eine nostalgische Atmosphäre zu verleihen. Selbst vor Alterungserscheinungen wie Knicken, Kratzern, vergilbten oder ausgeblichenen Farben schrecken passionierte Fotomanipulatoren nicht zurück. Jene Eigenschaften, so scheint es, die ein Foto einst zum sicheren Kandidaten für den Papierkorb machten, sollen ihm heute das gewisse Etwas, einen künstlerischen Touch bescheren.

Nicht zufällig gründet der Erfolg von Instagram, der mit rund 300 Millionen Mitgliedern größten Fotocommunity der Welt, im Wesentlichen auf der gleichnamigen Fotoapp, die den Hype um den analogen Look mit annähernd zwei Dutzend Vintage-Filtern bedient. Das Massenphänomen Instagram zeigt allerdings zugleich, dass die Retrobegeisterten längst nicht mehr der ästhetischen Avantgarde angehören.

Womöglich jedoch liegt dem Trend zum abgerockten Foto ohnehin eine tiefgründigere Sehnsucht zugrunde als das bloße Verlangen, die glatte Perfektion digitaler Bilder gegen den Strich zu bürsten. Vielleicht sollen simuliertes Filmkorn, vorgetäuschte Unschärfen und der per Algorithmus hinzugefügte Zahn der Zeit anonyme Allerweltsschnappschüsse mit Geschichte und Bedeutsamkeit versehen. So, als klebten sie bereits seit Ewigkeiten im Familienalbum: zum Schwelgen in Erinnerungen einladend und über Generationen hinweg betrachtet, gewürdigt und mit den immergleichen liebevoll-launigen Anekdötchen bedacht.

Den zahllosen Handybildern im Netz droht ein anderes Schicksal. Bis zu 1,8 Milliarden Fotos werden nach Schätzungen der US-Internetanalystin Mary Meeker tagtäglich auf Social-Media-Plattformen hochgeladen und geteilt. Nicht nur, dass die einzelne Aufnahme in dieser Bilderflut unbemerkt unterzugehen droht. Überdies lauert beim Blick in den globalen Bilderpool die ernüchternde Erkenntnis, dass jene Fotos, die ihre Verfasser mit unendlich kostbaren, einzigartigen Momenten verknüpfen, nahezu identisch bereits millionenfach existieren. Millionen Eiffeltürme, Freiheitsstatuen, Tadsch Mahals und Traumstrände, die darum buhlen, mit einem "Like" oder einem wohlwollenden Kommentar bedacht zu werden.

Und so mag sich mancher nach jener noch gar nicht so lange zurückliegenden Zeit sehnen, in der die Fotografie ein ebenso langsamer wie limitierter Zeitvertreib war. Eine Zeit, in der man, anstatt alles und jeden dem Dauerfeuer der Smartphoneknipse zu unterziehen, eine Pocketkamera mit sich führte – bestückt mit einem Rollfilm zu 24, maximal 36 Aufnahmen.

Kaum mehr als drei, vielleicht vier solcher teuren Filme belichtete man in einem Zweiwochenurlaub. Jeder Druck auf den Auslöser war stets begleitet von der leisen Sorge, dass der Ausschnitt nicht stimmen und die Aufnahme verwackelt oder falsch belichtet sein könnte. Gewissheit gab es erst Tage, mitunter Wochen später, nach dem von Anspannung wie Vorfreude begleiteten Besuch im Fotogeschäft. Selten waren die Abzüge auch nur annähernd so gelungen, wie erträumt. Waren sie es ausnahmsweise doch einmal: Ein Ehrenplatz im Album war ihnen gewiss.

Von Daniel Behrendt

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