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00:15 17.07.2015
Jede Faser kann den entscheidenden Hinweis liefern: Bei der Verbrecherjagd kommt den Fall-Analytikern – in den USA heißen sie "Profiler" – nicht selten eine wichtige Bedeutung zu. Quelle: dpa
Hannover

Eine Felsenküste in Finnland. Helinä Häkkänen-Nyholm und ihr Mann angeln. „Das Meer verschlingt alle Geheimnisse, sagt man, aber das stimmt nicht immer“, sagt Helinä Häkkänen-Nyholm plötzlich und beginnt zu plaudern. Sie hatte einmal einen Fall, sagt sie, da wollte ein Mann eine Leiche im Meer verstecken. Er wickelte die Tote in einen Teppich, beschwerte sie mit Gewichten und versenkte sie im Meer. „Wegen der Gasbildung stieg die Leiche aber ziemlich schnell wieder auf.“ Was einer Rechtspsychologin eben so einfällt, wenn sie aufs Meer blickt.

„Sind Sie ein bisschen so wie Jodie Foster in ,Schweigen der Lämmer'?“, fragt der Taxifahrer. Helinä Häkkänen-Nyholm lächelt. Sie sagt: „Das ist nur ein Film, die Realität ist was ganz anderes.“ Allerdings ist es ein Film, in dem sich Roger L. Depue und Robert R. Hazelwood durchaus wiedererkennen. Die pensionierten FBI-Profiler halfen Autor Thomas Harris bei seinem Thriller. Nun sitzen die alten Männer auf dem Sofa und gucken Jodie Foster beim Joggen zu. Sie haben eine Firma gegründet, um ungeklärte Fälle zu lösen. Die Jagd nach den Mördern lässt sie nicht los.

Das Gespräch abends am Esstisch

Sechs Profiler hat Barbara Eder für ihren Dokumentarfilm „Blick in den Abgrund – Profiler im Angesicht des Bösen“ (ARD, Dienstag, 22.45 Uhr) porträtiert. Sie ist von Österreich, wo sie lebt, nach Finnland, in die USA, nach Südafrika und Deutschland gereist. Das Außergewöhnliche an ihrem Film ist, dass nicht die Serienmörder im Mittelpunkt stehen, sondern die Männer und Frauen, die sie finden wollen. Was macht das mit einem Menschen, wenn er sich Tag für Tag mit dem Grauenhaftesten befasst, was ein Mensch anderen Menschen antun kann?

Roger L. Depue, der ehemalige FBI-Profiler, hat sein Haus zu einer Festung ausgebaut. Er sagt, jeder sollte einen Hund haben, sollte Fenster und Türen geschlossen halten, vor allem Frauen. Den Appetit verderben den Experten die blutrünstigen Geschichten längst nicht mehr. Stephan Harbort, der deutsche Experte für Täterprofile, berichtet seiner Frau zu Hause am Esstisch von einer Reise nach Berlin. Er versteht einfach nicht, wieso der Täter sein letztes Opfer am Leben ließ, obwohl er der Frau so viel Persönliches verriet.

Gérard N. Labuschagne, Profiler aus Johannesburg, spricht im Restaurant vom „Übertöten“ eines Menschen und der persönlichen Beziehung zwischen Täter und Opfer, für die die massiven Gesichtsverletzungen sprächen. Labuschagne schult andere in der Suche nach den Mördern. Nicht jeder erträgt die Fotos, die er – auch dem Fernsehzuschauer – präsentiert. Nicht jeder ist für diesen Job geschaffen, da sind sich alle einig. Manchen fehle es an der notwendigen Distanz.

"Freude hat man selten"

Helen Morrison, forensische Psychiaterin aus Chicago, befasst sich seit 40 Jahren mit Serienmördern. Ihre Distanz scheint fast zu groß. Sie scheint in den Tätern nur noch Forschungsobjekte zu sehen. Sie ist davon überzeugt, dass es ein „Killergen“ gibt, das die Vorgänge in den Gehirnen von Serienmördern beeinflusst. Sie will in deren Gehirnen nach Anomalien suchen – und ist frustriert, dass sie die Erlaubnis nicht bekommt. Selbst ihr Mann, Neurochirurg, lehnt Operationen an Gefangenen ab. „Warum?“, fragt Helen Morrison. „Weil es Experimente an Menschen wären.“ Gefunden hat sie bisher nichts. Ihr Sohn, über die Reste eines Gehirns gebeugt, sagt: „Sein Gehirn war also völlig normal, obwohl er all das getan hat?“ Ja, sagt seine Mutter: „Es gab keine Auffälligkeiten, wir haben nie etwas gefunden.“ „Unheimlich“, sagt der Sohn.

Es ist vielleicht diese Erkenntnis, die die Serienmörder-Profis nicht loslässt: Auch die furchtbarsten Mörder sind Menschen wie wir. Helinä Häkkänen-Nyholm sagt es so: „Freude und Glück hat man bei dieser Arbeit selten. Manchmal fühlt man sich klein bei der Frage nach dem Warum.“

Von Wiebke Ramm

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