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13:04 07.02.2014
Von Imre Grimm
"Nur eine kann Germany's Next Topmodel werden": Die Mädchen vor der eisernen Jury. Quelle: ProSieben/Oliver S.
Hannover

 Das klingt schon ein bisschen hühnerverachtend: „Show yourself“ - zeig dich, wie du bist! - lautet ernsthaft das Motto der neunten Staffel von Heidi Klums Pro7-Geflügelschau „Germany's Next Topmodel“. Das ist natürlich der totale Quatsch-Slogan für eine Show, die jungen Mädchen seit acht Jahren einhämmert, dass sie alles Mögliche sein sollen, wenn sie „in diesem knallharten Business“ (Klum) reüssieren wollen - Luder, Prinzessin, Opfer, Ölwanne, Marmeladenbrot, Tierpflegerin, Fledermauslandeplatz -, nur bitte nicht sie selbst. 

Gerade hat Melanie Müller im Dschungel von Australien mühsam lernen müssen, dass zu viel Spachtelmasse auf dem Antlitz nicht zwingend den Gesamteindruck verbessert, dass also auch ein Liter Mascara aus einem pausbäckigen Ostmädel nicht Marylin Monroe macht - da kommt die eiskalte Mädchenbändigerin aus Bergisch-Gladbach um die Ecke und posaunt ihr altes Credo in die Welt: Lerne, zu gefallen! Mal dich an und zieh dich aus! Sei nicht „madamig und aufgesetzt“, jedenfalls nicht madamiger und aufgesetzter als die Madame selbst bitte. Die Madame hat sich für die Werbeposter zur neunten Staffel gleich mal selbst ausgezogen und in eine Art Lackleder-Teufelsdings gezwängt. Brust raus, Bauch rein, Hirn aus, wie immer. Dass sich die Klum jenseits der 40 jetzt immer mal oben ohne zeigt - auch bei Twitter - muss man nicht als Zeichen wachsender Verzweiflung eines Topmodels deuten. Kann man aber.

Donnerstagabend, Staffelauftakt: 25 ehrgeizige Kinder zittern sich erfolgreich durch die Premiere, nicht alle mit den Feinheiten der deutschen Sprache freundschaftlich verbunden („Schwar schockiert!“). Neujuror Wolfgang Joop zeigte gleich mal, dass er auch zeichnen kann, wenngleich nicht entscheidend besser als zum Beispiel Jenny Elvers. Heidi Klum verteilte in Runde eins pinkfarbene Schuhe statt Fotos an die Aspirantinnen. Und zwei Möchtergernmodels schickte sie gleich nach Hause – zu dünn. Das wirkte dann doch, als wolle man wachsender Kritik am propagierten Frauenbild vorab den Wind aus den Segeln nehmen. Die einzige halbsympathische Bewerberin Imme von einem Bauernhof in Bayern oder Brandenburg oder sonstwo musste dann auch prompt wieder nach Hause. Zu „natürlich“.

Es ist ja offenbar en vogue, dass ehemalige Kritiker aller möglichen TV-Formate mit einer pekuniär unterfütterten Umarmungstaktik einfach mal ins Team geholt werden: Erst maulte Thomas Gottschalk, an Castingshows nerve ihn, "dass dort Leute vorgeführt werden, die man eigentlich vor sich selbst in Schutz nehmen sollte“. Dann setzte er sich neben Dieter Bohlen in die "Supertalent"-Jury. Und führte Leute vor, die man eigentlich vor sich selbst in Schutz nehmen sollte. Ihm folgte die frühere „DSDS“-Gegnerin Marianne Rosenberg („Dort findet genau das statt, wogegen ich immer angekämpft habe“). Auch sie nahm dankbar Platz in der "DSDS"-Jury neben Bohlen, um als eine Art Michail Gorbatschow des deutschen Entertainment das System von innen heraus umzukrempeln (was nicht gelingt) und das zu liefern, wogegen die immer angekämpft hatte. Und nun lässt sich auch noch Joop, einst einer der prominentesten Kritiker der Klumschen Fleischbeschau („Dieser Exhibitionismus und dieses Vorführen junger Mädchen ist nicht mein Stil"), dazu herab, Klums Mission selbst zu unterstützen - als eifriges Seniorenmitglied ihrer Jury. Erst Gottschalk, dann Rosenberg, jetzt Joop - frei nach Robert Gernhardt: Die schärfsten Kritiker der Elche werden später selber welche.

 Der 69-jährige Joop will, wie er sagte, "jungen Mädchen einen realistischen Einblick ins Modelbusiness" geben. Tolle Idee bei "GNTM". Das ist etwa, als wolle man Hühnern in der Legebatterie einen realistischen Einblick in biologisch-dynamische Landwirtschaft geben. Seine Rolle ist die des großväterlichen Begleiters, allerdings ein Großvater im fliederfarbenen Beinkleid. Heidi Klum fand ihn super beim ersten Kennenlernen, sagt sie: "Es war Liebe auf den ersten Blick." Sie habe einen viel "fieseren und eitleren Menschen" erwartet. Jedenfalls war Joop offenbar nicht madamig und aufgesetzt.„Die Boobs stehen in Konkurrenz zum Kopf“, sagte Joop. Einer der wenigen klugen Sätze in diesem wirren Eye-Candy-Feuerwerk. Da erkennt man gleich den Fachmann.

Für die neue Staffel hat man sich ein paar Änderungen ausgedacht, um das in die Jahre gekommene Format am Leben zu erhalten. Viel zu sehen war davon allerdings nicht. Alles wie gehabt: Pool-Posing, Hotelbettengelümmel, Geheule, Gezicke („Isch hab das nisch so gemeint, erlisch!“). Klum sagte, sie wünsche sich, „dass nicht immer alles so einstudiert daherkommt“. Und sie will weniger „quasseln“, es gehe ja um „die Mädchen“ (Klum) und nicht um sie selbst. Immerhin heißt die Show ja auch nur „Germany's Next Topmodel by Heidi Klum“.

Doch eher langweilig, wie „die Mädchen“ sich durch diverse Settings kämpften, wie Klum in ihrer Lebensrolle als Sozialchamäleon die große Schwester rauskramte. Und wie der dritte Juror Thomas Hayo als Quotenmacho sich über Brüste freute. Irgendwann werden sie wieder von Baukränen baumeln, in Schaumstoffcontainer fallen, in Pools mit Delphinen herumglitschen. Und dann, am Ende, wird die „Karriere“ auch schon wieder vorbei sein.

Und dann, mittendrin, war es Joop, der den einzigen wahren Satz des Abends sprach: "Castings können auch sehr peinlich sein", sagte er. Kann man so stehen lassen. Am Ende war von dem Mann auch nichts mehr zu sehen.

Wo ist Larissa, wenn man sie braucht?

Den Ticker von Imre Grimm und Hannah Suppa zum Nachlesen finden Sie hier.

Medien Ticker zu GNTM - Show yourself!

Am Donnerstag startete auf Pro7 die neue Staffel von Heidi Klums "Germany's Next Topmodel". Die Redakteure Imre Grimm und Hannah Suppa haben dazu getickert. Warum? Weil sich die beiden im vergangenen Jahr in der HAZ über das TV-Format gestritten hatten. Der Ticker zum Nachlesen.

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