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00:15 22.02.2014
Von Imre Grimm
14 Jahren, 4750 Gästen und 288.000 Sendestunden: Stefan Raab feiert am Donnerstag die 2000. Ausgabe von „tv total“. Quelle: dpa
Hannover

Es ist ein paar Jahre her, da drosch Stefan Raab in einem winzigen TV-Studio in Istanbul wie ein Besessener auf ein Schlagzeug ein. Die Livesendung war gerade vorbei, es roch nach Staub und Menschen, die überschüssige Energie musste raus, das Team drehte genervt die Augen zur Decke. „Stefan, bitte!“ sagte die Aufnahmeleiterin. Sie rief ihren Chef zur Ordnung wie eine Erzieherin, die dem „andersbegabten“ Kita-Kind die Schaufel wegnimmt. Raab feixte und warf die Sticks hin. Er triezt, er nervt, aber es gibt doch ein paar Leute, denen er zuhört. Es ist die Gelassenheit des Siegers. Es geht ja schon lange nichts mehr ohne ihn. Jedenfalls nicht bei Pro7.

Was Joschka Fischer bei den Grünen war und Steve Jobs bei Apple, das ist Raab im Kleinen bei seinem Heimatsender: Markenkern, Kreativzelle und Talisman in einem. „Pro7 und ich – das ist eine Liebe, wie es sie kein zweites Mal im rauen Fernsehgeschäft gibt“, hat er mal gegluckst. Klingt ein bisschen, als verpasse Angela Merkel einem wackelnden Minister den Todeskuss der Cosa Nostra. Aber Raab meint das so. Bei RTL wäre er undenkbar, erst recht in der ARD. Am Donnerstagabend geht die 2000. Folge seiner Sendung „tv total“ über die Bühne – nach 14 Jahren, 4750 Gästen und 288.000 Sendestunden. „Das erste Fünftel ist geschafft“, sagt er.

Fernsehjahre zählen wie Hundejahre. Insofern schreinert der Mann mit den drei Dutzend Schneidezähnen jetzt seit knapp 100 Jahren aus merkwürdigen Rohstoffen seine Show zusammen: rappenden Bushaltestellenjungs, zeitungszerfetzenden Jack-Russell-Terriern, falschen Schlager-Schlangen, pütschernden Hunden in Talkshows, verwirrten Nachrichtenmoderatoren („Auf Morgen, bis Wiedersehen!“) und explodierenden Pottwalen. Das bringt die Welt nicht an jedem miesen Dienstag entscheidend voran. Das strahlt seit Jahren routinierte Bocklosigkeit aus. Aber Raab bleibt der Unkaputtbare im deutschen Privatfernsehen.

„tv total“ startete 1999 als Müllverbrennungsanlage für TV-Fundstücke. Während Harald Schmidt nebenan bei SAT.1 zur obersten Entkrampfungsinstanz für fernsehskeptische Akademiker wurde, verstand sich Raab immer als Beömmelungsbeauftragter für den Normalverbraucher. „Pulleralarm!“ statt Politik. „Hat’s den Papst gestört, dass Luther kam?“, ätzte Schmidt, als Raab 2001 auf vier Sendungen pro Woche umstellte. Schmidt ist weg. Raab ist noch da.

Medien suchen seit 20 Jahren nach der perfekten Charakterisierung für den einzigen Besitzer eines pflanzenfreien Blumenkastens im deutschen Fernsehen. Sie kamen aber selten weiter als bis zum ewigen „verbissenen Metzgerssohn“, dem „ausgekochten Schlitzohr“ („Süddeutsche“) oder gar dem „postmodernen Schlingel“ („Berliner Zeitung“), dessen Hauptantrieb die diabolische Freude des Köln-Sülzer Quereinsteigers an der Entlarvung des TV-Establishments ist.

Dumm nur, dass es auch Medienamateure trifft. Noch heute kann er es nicht lassen, Einfalt bloßzustellen, statt sie zu bekämpfen. Beim „tv total Erstwählercheck“ etwa, bei dem U-20-Wähler regelmäßig mit großem Hallo an Basiswissen scheitern. Das ist nur witzig bei Lautsprechern, die sich selbst für unfehlbar halten. Arme Hascherl ins Verderben zu locken, ist dagegen unfein und überflüssig. Und überhaupt: Hat noch irgend jemand ohne Abitur in der Kölner Fußgängerzone nicht in eine „tv total“-Kamera gesprochen?

Aber die krawalligen Blasehase-Jahre sind grundsätzlich vorbei. Die „Ö La Paloma Boys“ sind Geschichte, Lisa Loch trägt jetzt Businesskostüm, der „Maschendrahtzaun“ ist geflickt, die Klagewelle der frühen Jahre ist verebbt. Immer mal muss Raab, Familienmensch, Gewohnheitstier, Eurovisionsretter und Showerfinder, jetzt die Stille nach dem Gag aushalten, wenn die 19-jährigen Azubis in seinem Studio in Köln-Mülheim mal wieder eine Marky-Mark-Anspielung nicht verstehen. Überhaupt muss er spätestens seit dem Kanzlerduell akzeptieren, dass ihm Anzug besser steht als die alte Beuteljeans (da könnte Pro7 nach 2000 Sendungen ja auch mal was Neues spendieren).

Ausgerechnet „tv total“, die Keimzelle seines selbstgeschaffenen Fernsehkosmos’, ist inzwischen kaum mehr als eine müde Werbeshow in patinösem Mobiliar. Das Mutterschiff klappert und kracht. Noch immer kniet im Hintergrund auf einem weinroten Samtkissen der Riese Atlas, die Last des Fernsehens auf seinen Schultern tragend. Von Nahem aber zeigt sich, dass seine Goldhaut rissig und spröde ist. Das ganze Studio wirkt bei Neonlicht wie eine Jugendherbergskaffeeküche von 1986. Aber was soll’s? Unwichtig. Selbstmotivation ist Raabs Kernkompetenz. Schon 1999 schrieben die Zeitungen, der Typ sei „früher mal ein verwegener Kerl“ gewesen“. So ist das Geschäft.

„Erfolgreiche Formate sind immer auch eine Art Wettkampf“, sagte er mal. Vielleicht ist das genau das Problem bei „tv total“: dass ihm die Gegner fehlen. Dass Raab als letzter Late-Night-Talker des Landes nicht besser sein muss als irgendjemand anderes. „Ich bin immer ehrgeizig. Ich will immer gewinnen“, sagt er. Aber gegen wen denn bitte?

Dass er noch weiß, wie’s geht, hat er gerade erst gezeigt – mit der blitzenden Live-Sendewoche aus New York City: mit Stars, Charme, Tempo, Witz und der alten Liebe zum Fernsehhandwerk. Das wär’s: mehr Manhattan, weniger Mülheim.

Die 2000. Ausgabe von „tv total“ mit Stefan Raab ist am Donnerstagabend um 23.30 Uhr auf Pro7 zu sehen. Zu Gast sind Helge Schneider und die „Heavytones Kids“, die 2006 kurzzeitig Raabs Hausband ersetzten.

„tv total“

„Das kann ja mal passieren“ lautete der Arbeitstitel eines Konzepts für eine wöchentliche TV-Pannenshow, das der ehemalige Viva-Anarchist, Jurastudent, Metzgergeselle und Jinglekomponist Stefan Raab (47) den großen Sendern wie Sauerbier anbot. Pro7 griff zu. Premiere war am 8. März 1999. Zeitweise lag die Zuschauerzahl bei 3,2 Millionen pro Abend. Seit Raab viermal pro Woche sendet, pendelt sie um eine Million. „tv total“ wird Live-on-tape in Köln-Mülheim gedreht und ist heute Zentrum einer ganzen Formatfamilie – von der „Wok-WM“ (seit 2003) bis zum „Turmspringen“ (2004) von „Schlag den Raab“ (2006) bis zur Pokernacht (2006), von der „Stock Car Crash Challenge“ (2005) bis zur „Autoball-EM/WM“ (2008). Zu Raabs musikalischen Entdeckungen gehören Eurovisionssiegerin Lena Meyer-Landrut, Stefanie Heinzmann und Max Mutzke.

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