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Medien Königin ohne Land - Anne Will moderiert auf Abruf
Mehr Welt Medien Königin ohne Land - Anne Will moderiert auf Abruf
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19:31 30.07.2010
Von Imre Grimm
Auf Abruf: Die ARD-Polittalkerin Anne Will – hier 2009 bei einer Märchenstunde für Grundschüler in Berlin-Wedding – darf nur noch für Günther Jauch den Stuhl warmhalten. Quelle: dpa

Manchmal kann ein langer Urlaub die Dinge auch schlechter machen statt besser. Als Anne Will sich Anfang Juni in die Sommerferien verabschiedete, da war ihre Welt noch in Ordnung: Die 44-Jährige saß fest im Sattel als oberste Polittalkerin des Ersten Deutschen Fernsehens. Ihre sonntägliche Post-„Tatort“-Runde auf dem prestigeträchtigsten Sendeplatz, den dieses Land zu vergeben hat, verzeichnete erfreuliche, stabile Quoten bei 4,22 Millionen Zuschauern und 14,6 Prozent Marktanteil. Und niemand, schon gar nicht Anne Will selbst, hatte Grund zu der Annahme, dass sich daran über ihren Kopf hinweg irgend etwas ändern könnte.

Aber dann kam: der Jauch-Coup. In einer Nacht-und-Nebel-Aktion verpflichtete das Erste doch noch den beliebten RTL-Alleskönner Günther Jauch: Ab Herbst 2011 wird er eine politische Gesprächssendung in der ARD moderieren – auf dem derzeitigen Sendeplatz von „Anne Will“. Auch „Gremien voller Gremlins“ konnten nicht verhindern, dass am Ende eines jahrelangen Flirts mit der ARD doch noch die Liebe siegte (und das Geld, natürlich). Bei RTL verzichtet der 54-Jährige dafür auf die Moderation von „stern tv“. Das Quiz „Wer wird Millionär?“ präsentiert er dagegen weiter, außerdem eine neue Show namens „Alt gegen Jung“. Damit verkörpert Jauch künftig in einer Person die Stärken des dualen Systems: Unterhaltung bei den Privaten – politische Information bei den Öffentlich-Recht­lichen.

Und Anne Will? Ist aufs Abstellgleis geraten. Ihr Vierjahresvertrag bis 2011 wird nicht verlängert. Eine Moderatorin auf Abruf. Das wäre auch kein schlechtes Thema für ihre erste Sendung nach der Sommerpause gewesen: „Millioneneinkäufe und Stillosigkeiten – Wie die ARD mit ihren Stars umspringt“ (stattdessen geht es um den Fall Kachelmann). Ein knappes Jahr noch darf sie Jauch den Platz warmhalten. Demütigend: Jauch wird auch noch besser bezahlt als sie. Sein Vertrag läuft über drei Staffeln bis 2014, macht 38 Sendungen und ein „Best of“ pro Jahr. Dafür kassiert er mit seiner TV-Produktionsfirma I & U (Information & Unterhaltung) 10,5 Millionen Euro pro Staffel für Honorar und Produktion. Auf die Sendeminute umgerechnet sind das 4487 Euro. Anne Wills Firma Will Media GmbH erhält zur Zeit 3164 Euro pro Minute, „Hart aber fair“ kostet 2908 Euro, „Maybrit Illner“ im ZDF „nur“ 1893 Euro pro Minute. Das hat die Kommission zur Ermittlung des Finanzbedarfs der Rundfunkanstalten (KEF) ausgerechnet.

Eine Sekunde Jauch kostet demnach 74 Euro, eine Sekunde Will nur 52 Euro. Allein – es nützt ja nichts. „Der Marktwert von Herrn Jauch ist höher als der von Frau Will“, konstatierte kürzlich nüchtern die Vorsitzende des NDR-Rundfunkrates, Dagmar Gräfin Kerssenbrock. So schnell kann’s gehen – von der gefeierten Politjournalistin zur Königin ohne Land in acht Wochen. ARD-Programmchef Volker Herres hatte Will per Telefon informiert – angeblich erst wenige Stunden, bevor der Jauch-Deal publik wurde. Wieder ein Indiz mehr für den Eindruck, dass Anne Will bei der ARD zunehmend mit Vorbehalten zu kämpfen hatte. Beispiel zwei: Vor den Ferien lobte Herres in einer Pressemitteilung den Sonntagstalk ebenso schwelgerisch wie allgemein; er sei „für ein Millionenpublikum unverzichtbar“ – Will freilich erwähnte er mit keinem Wort. Beispiel drei: Nicht Will, sondern WDR-Rivale Frank Plasberg durfte 2009 für die ARD das Rededuell der Kanzlerkandidaten mitmoderieren. Beispiel vier: ARD-intern soll pauschale Kritik an ihrem „Moderationsstil“ laut geworden sein. Dort hat man offenbar schnell vergessen, dass Will einst mit Charme und Chuzpe das Sabine-Christiansen-Elend vergessen machte.

Die ARD hat Anne Will einen neuen Sendeplatz angeboten: donnerstags – parallel zur Sendung ihrer Freundin Maybrit Illner im ZDF. Auf diese Sendezeit könnte freilich auch Sandra Maischberger spekulieren, falls die ARD ihre Talk-Agenda gänzlich durchmischt. Illner sieht das Fernduell gelassen: „Ich bin mit beiden befreundet“, sagte sie – und schlug scherzhaft einen „Splitscreen“ vor, einen geteilten Bildschirm. „Die ARD wird sich überlegen, wo sie mit fünf Köpfen an sieben Tagen der Woche hin will.“ Folgendes Schema dient als Diskussionsbasis: montags „Beckmann“, dienstags oder donnerstags „Maischberger“, mittwochs Plasbergs „Hart aber fair“, donnerstags „Anne Will“ oder „Harald Schmidt“, sonntags „Günther Jauch“.

Nicht nur die Sendeplätze werden knapp, sondern auch die Gäste: 33 Talksendungen sind in Deutschland jede Woche zu sehen. Macht einen Bedarf von 133 fernsehtauglichen, nicht zu teuren Gästen pro Woche. Peter Scholl-Latour kann ja nicht überall gleichzeitig sein. Aber mit wem soll Will bloß reden, wenn die politischen Schwergewichte sonntags bei Jauch sitzen? Der hilflose Lösungsvorschlag des ARD-Vorsitzenden Peter Boudgoust: Sie könne ja künftig mit Wissenschaftlern über Gesundheitsthemen oder Genforschung sprechen, sagte er dem „Spiegel“. Kaum vorstellbar, dass sich das Fernseh-Alphamädchen auf Dauer mit Allerweltsklimbim abgibt. Dann könnte sie ja gleich Jauchs „stern tv“ bei RTL übernehmen, und der Kreis hätte sich geschlossen.

ABSPANN: „Anne Will“ am Sonntag, 21.45 Uhr, ARD. Thema: „Der Fall Kachelmann – Justiz-Alltag oder Promi-Pranger?“ Zu Gast sind unter anderem Alice Schwarzer, „Spiegel“-Gerichtsreporterin Gisela Friedrichsen und Medienberater Hans-Hermann Tiedje.

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