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11:58 28.02.2015
Handwerk des permanenten Frohlockens: Für Andy Borg hebt sich bei der ARD bald der letzte Vorhang. Quelle: Patrick Seeger
Hannover

„So muss das Leben wohl sein“, sang der Mann mit dem nervösen Teenager-Gesicht mit warmem Schmusetremolo über einen erfolgreichen Nebenbuhler, „es holt alle Verlierer mal ein“. Und weil der unscheinbare Nachwuchsvolksmusiker mit dem possierlichen Wuschelkopf seinerzeit zumindest im Schlagermetier einer war, kam er „verlassen mir vor“, und schloss daraus: „Drum adios, adios, adios Amor.“ Das war 1981.

34 sehr, sehr erfolgreiche Jahre später könnte der sanft ergraute Ex-Newcomer nun glatt eine von 14 Millionen verkauften Platten seines ersten Hits aus der Mottenkiste holen und sich wieder so traurig fühlen wie damals, als Heinz Schenk noch die Hälfte des Fernsehpublikums beim „Blauen Bock“ begrüßte und DJ Ötzi zur Grundschule ging. Denn seine größte Liebe, die Volksmusik, sie hat ihn nicht mehr richtig lieb. Genauer gesagt: die ARD. Aber da gibt es im Grunde kaum einen Unterschied.

Das Erste Fernsehen, über Jahrzehnte tonangebend in einem merkwürdigen Zwitterwesen zwischen Heimatlied und Schlagerpop namens „Volkstümliche Musik“, dieses allerallererste deutsche Programm hat seinem Zugpferd früherer Tage die Partnerschaft gekündigt. Jahrelang hatten sie vielleicht keine innige, aber doch auskömmliche Beziehung zueinander. Schon Mitte der Neunziger, gerade mal 36 Jahre jung, moderierte Andy Borg bei diesem Sender ja irgendwas Klingendes mit „Volk“ im Titel. Er ließ davon nie mehr ab.

Als der gelernte Werkzeugmacher das Handwerk des permanenten Frohlockens in alpin geschmückten Mehrzweckhallen bis hoch an die Nordsee so gut beherrschte wie den akkuraten Gebrauch von Haarspray und Föhn, wurde ihm schließlich die höchste Weihe im milliardenschweren Trachtenbusiness zuteil: Der gereifte Borg durfte das „Musikantenstadl“ moderieren. Eine Institution, eine Legende, eine Trutzburg, die - Achtung, Schicksal! - exakt in jenem Jahr erstmals über die Röhrenfernseher der unvereinigten Republik flimmerte, als dem blutjungen Andy grad „Adios Amor“ auf den damals noch schlanken Leib getextet wurde.

Der ist nun fülliger geworden, wie sich das bei Mittfünfzigern im Schlagerzirkus auch gehört. Lebensfreude statt Askese, lautet ja das Motto der wertkonservativen, die Alltagssorgen einfach fortjodelnden Schunkelbranche: lieber Straußens Schweinshaxenwampe als Wehners Gleichmacherknochigkeit. Einerseits. Andererseits vollzieht die konfliktscheue Spaßbrigade der Abendunterhaltung zumindest auf der Bühne einen erstaunlichen Verjüngungsprozess, als liege sie kollektiv in der Schönheitschirurgie. Während das Zweite Programm sein Angebot seit dem dissonanten Rauswurf von Marianne und Michael vor acht Jahren voll auf den juvenilen Florian Silbereisen zuschneidet, setzt nun auch das Erste auf die Jugend. Ein Nachfolger für den freundlichen Herrn Borg ist noch nicht gefunden. Fest steht: Er (sie?) dürfte deutlich sportiver sein, nicht so gemütlich, etwas mehr Jeans als Trachten-Janker, Tendenz Helene Fischer. Die injiziert dem überalterten Metier schließlich grad eine derart virile Portion Glamour, dass sich nicht nur die Faltenrockreporter der Herzschmerzpresse für das Sorgenverdrängungs-Entertainment Schlager interessieren, sondern selbst das Feuilleton.

Diese Frischzellenkur hat nicht nur das Moderieren verändert, sondern die Moderierten gleich mit. Stilhybride wie der Alpenelvis Andreas Gabalier oder das krachlederne Wollmützenkollektiv Voxxclub sind ohne Silberfischers Vorarbeit schwer vorstellbar. Das perforiert Grenzen, die zuvor betoniert schienen: Ihr traditionell-saftiger Almhüttenrock wird wie die Seifenopern von Florians schöner Helene längst nicht mehr unter den drei Millionen Tonträgern der Volksmusik gelistet, sondern im weit größeren Feld von Pop bis Rock. Präsentiert von Best-Agern wie Borg, wirkt das Ganze jedoch, als trüge Opa Basecap und spräche Bumsen mit weichem „s“ aus - locker gemeint, geriatrisch verkrampft.

Der Niedergang des „Musikanten-stadls“ als Volksveranstaltung lässt sich auch in Zahlen ablesen. Obwohl sich die Landjugend zwischen Flensburg und Füssen bisweilen offen zu Ehe, Eigenheim und Stefanie Hertel bekennt, ist nur jeder 15. der 7,5 Millionen Zuschauer von Carmen Nebels Willkommensshows im ZDF unter 50 Jahre. So wird den fiftysomething Borg das gleiche Drama ereilen wie vor ihn Karl Moik. Nach einem Vierteljahrhundert an der Spitze der langlebigsten Volksmusiksause wurde er 2005 aus Altersgründen abserviert, was schon damals als irgendwie unfein, aber alternativlos galt. Sein Nachfolger hieß Andy Borg. Doch der 182. „Musikantenstadl“ im Juni wird sein letzter sein, dann bastelt das Erste an einer Version 2.0, wie es heißt. Wie die aussehen soll? Eine Vermutung: weniger Tiroler Gamsbärte, mehr urbane Vollbärte.

Adios Amor.

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